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Las Vegas: Penner füttern verboten

Hunger soll in Amerika keiner sehen, zumindest nicht in Las Vegas. In der Spielerstadt wurde jetzt ein Gesetz erlassen, das Armenspeisungen in öffentlichen Parks verbietet. Picknicks dagegen bleiben erlaubt.

Seit über einem Jahr gibt die Amerikanerin Gail Sacco Obdachlosen in einem Park in Las Vegas zu essen. Täglich besucht sie die Bedürftigen, mal mit warmen Mahlzeiten, mal mit Broten, Salaten, Säften und Wasser. Nach einer neuen Verordnung der Casino-Stadt im US-Staat Nevada macht sich die 50 Jahre alte Menschenrechtsaktivistin damit nun strafbar.

Seit Ende Juli ist das Verteilen von Lebensmitteln an Obdachlose in städtischen Parkanlagen verboten. Verstöße können mit einer Geldbuße von 1000 Dollar (rund 775 Euro) und bis zu sechs Monaten Gefängnis geahndet werden. "Dieses Risiko nehme ich gerne in Kauf", versicherte Sacco. "Hier muss man einfach etwas tun, um die Menschenrechte zu wahren".

Die Stadt begründet ihr Vorgehen mit einer Vielzahl von Beschwerden von Anwohnern über eine wachsende Zahl von Bedürftigen, die es sich in Grünanlagen bequem machten. "Viele Familien haben schon Angst, einen Park zu besuchen", verteidigte Stadtratsmitglied Gary Reese in der "New York Times" die umstrittene Vorschrift. Zudem sei es besser, wenn die Armen Suppenküchen aufsuchten, statt sich von Privatleuten helfen zu lassen, argumentieren die Stadtväter.

Diskriminierung im Land der Political Correctness

Ganz konkret verbietet das Gesetz Essenspenden an "mittellose Menschen". "Das ist doch absurd", regt sich Sacco auf. "Ich könnte also mit einer Gruppe von reichen Leuten im Park Picknick machen, darf aber meine Lebensmittel nicht mit Armen teilen". Hilfsorganisationen sind empört.

Der Bürgerrechtsverband ACLU hat bereits Klage eingereicht. "Mit dieser Vorschrift wird ganz klar das in der Verfassung verbürgte Recht auf Gleichbehandlung verletzt", meint ACLU-Anwältin Lee Rowlands. Es sei einfach "unglaublich", dass sich die Stadt auf diese Weise erdreiste, die Rechte der Obdachlosen und ihrer Helfer zu beschneiden und sie damit zu vertreiben. Ein kalifornischer Baptisten-Pastor kündigte schon an, nach Las Vegas reisen und Essen austeilen zu wollen, auch wenn er dafür ins Gefängnis komme.

Dies könnte tatsächlich passieren. In den vergangenen drei Wochen hat die Polizei in dem Spieler-Paradies schon gegen vier Leute Anzeige erstattet, darunter gegen Mitglieder der Gruppe "Food Not Bombs" ("Essen statt Bomben"), die kostenlos Nahrung verteilen. Sie müssen im Oktober vor Gericht erscheinen.

Samariterdienste sind illegal

Als erste Stadt in den USA macht Las Vegas die Versorgung Obdachloser in städtischen Parkanlagen zum illegalen Akt. In Orlando (Florida) muss seit diesem Monat jeder eine schriftliche Erlaubnis einholen, der mehr als 25 Leute in öffentlichen Anlagen beköstigen will. Im kalifornischen Santa Monica zog die Verwaltung einen ähnlichen Plan zurück, nachdem empörte Gruppen mit einer Klage drohten.

In Las Vegas hat sich die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen zehn Jahren auf rund 12.000 verdoppelt. Viele hätten nicht das Geld, um mit dem Bus zu städtischen Suppenküchen in anderen Stadtteilen zu fahren, sagt Sacco. Und bei der großen Hitze im Sommer sei ans Laufen gar nicht zu denken. Mit dem Verteilen von Essen auf der Straße umgeht die Wohltäterin die strikten Vorschriften. "Wenn mir nicht danach ist, im Park verhaftet zu werden, dann parke ich mein Auto am Straßenrand und die Leute holen sich hier ihr Essen ab", erzählt Sacco. Doch meistens geht sie an die alten Stellen zurück. "Schon aus Prinzip, denn die Vorschrift ist einfach sinnlos".

Barbara Munker/DPA / DPA
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