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Last Call: Wie deutsch ist England?

Peter ist ein freundlicher Mensch, er ist ja Engländer. Peter hat ein wunderbares, nicht zu erlernendes Gespür für, natürlich: Humor. Neulich kam er zum Grillen. Er schrieb davor eine mail „But NO sausages!!!“

Wenige Wochen zuvor, bei einer Ausstellungseröffnung eines Fotografen, wurden Lachshäppchen gereicht. Ich stand neben Peter, er sagte zu der Lachshäppchen-Dame: „Er ist Deutscher. Wann kommen für diesen Mann die Würstchen?“

So ist das ständig mit Peter. Engländer müssen einfach Witze über Deutschland machen, das ist angeboren. Außerdem lief gerade Fußball-WM, und in diesen vier Wochen hatten Engländer eher wenig zu lachen. Und die Deutschen ziemlich viel. Zum Beispiel über Engländer. Nach der WM standen sogar Liebeserklärungen an Deutschland in den Zeitungen. Dahinter stand natürlich die Frage: Was haben die, was wir nicht haben? So was.

Eigentlich, das ist ja das Irre, tragen sie ja eine Menge deutsch in sich.

Vor einigen Jahren waren wir auf Reisen durch England. Ich sollte eine Geschichte schreiben und zwar ausgerechnet über Klischees, Peter fotografierte. An einem Morgen kaufte ich die „Daily Mail“, nicht eben mein Lieblingsblatt. Aber es gab nichts anderes mehr, nicht mal die noch schlimmere „Sun“. Peter war über meinen Einkauf nicht sehr erbaut, und seine Laune wurde noch schlechter, als ich ihm die eine Schlagzeile aus der Mail vor las: „Die Hälfte der Briten haben deutsches Blut.“ Das hatte ein Gentest am University College in London ergeben. Meines Erachtens hätte es dafür keinen Gentest gebraucht, bei der Geschichte mit den Angelsachsen und König Alfred und so.

Aber Peter fand die Vorstellung befremdlich. Gute Engländer glauben, dass sich die Sache eher umgekehrt verhält. Außerdem: Two World Wars and One World Cup.

Wir beließen es dabei. Und sprachen nicht mal über das deutsch durchwirkte Königshaus, obschon ihn mit seiner Königin auch eine Geschichte verbindet. Er war mal mit der Queen unterwegs, die streng genommen ja Elizabeth Sachsen-Coburg und Gotha heißen müsste und deren Mann Prinz Philip aus dem Haus derer von und zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg stammt. Das ist so deutsch, deutscher geht es kaum.

Wein oder nicht Wein? Das ist hier die Frage

Peter jedenfalls sorgte auf der Reise mit Lisbeth Coburg für einen kleinen protokollarischen Eklat. Als sie sich am letzten Abend von der Presse verabschiedete und von Grüppchen zu Grüppchen flanierte, eilte mein Freund noch rasch zum Büffet, um ein leeres gegen ein volles Glas Wein zu tauschen. Daraufhin tippte ihm ein Lakaie von hinten auf die Schulter und sprach: „So machen wir das hier nicht.“ Peter schaute den Lakaien etwas verdutzt an und sagte: „Oh sorry! Hätte ich ihr ein Glas Wein mitbringen sollen?“

Die Königin hat noch einen Haufen deutsche Verwandtschaft in der Nähe von Hannover. Sogar der Prügelprinz ist um ein paar Ecken mit ihr verwandt. Verwandtschaft kann man sich ja nicht aussuchen.Die Geschichte mit den deutsch-englischen Königen und Hannover jährt sich in diesen Tagen im Übrigen zum 300. Mal. Am 1. August 1714 bestieg Georg Ludwig von Hannover den Thron, weil seine entfernte Cousine Anne gestorben und trotz 18 Schwangerschaften keinen Thronfolger hinterlassen hatte. Daraufhin erging der Notruf nach Hannover, und George setzte über. Er machte den Anfang einer kleinen Dynastie; es folgten noch drei weitere Georges.

George I. hatte allerdings keine große Lust auf England, und die Engländer hatten auch keine große Lust auf einen Deutschen aus Hannover. Bei seiner Krönung hielt man als Zeichen des Protests eine Steckrübe in die Luft, nicht sehr fein, nicht sehr britisch. Das hat sich in der Zwischenzeit etwas verbessert. Die Engländer mögen seit geraumer Zeit einen Deutschen aus Hannover, Per Mertesacker, den frischen Weltmeister, den die Fans von Arsenal London mit kratzbürstiger Herzlichkeit „Big Fucking German“ rufen.

Eins, zwei, drei, vier Georges. Und neuerdings ein Per aus Hannover

George I. hatte keine Fans damals, Arsenal gab es noch nicht. Er hatte sich aber zwei Geliebte aus der Heimat mitgebracht, weil er seine Frau Sophie Dorothea von Celle nach einem Techtelmechtel mit einem Schweden einkerkern ließ. Die eine Geliebte war dick, das Volk nannte sie Elefant, die andere war dünn, das Volk nannte sie Maibaum. Die Engländer hatten damals schon ihren Sinn für Humor, der heute noch in dem schönen Satz kulminiert: „Was wären wir ohne unseren Humor? Deutschland.“

Der eher humorlose George I. zerstritt sich dann noch heillos mit seinem Sohn, George II., nahm zwischenzeitlich sogar seine eigenen Enkelkinder als Geiseln. Außerdem sprach er englisch mit einem Lothar-Matthäus-artigen Akzent. Er war summa summarum ein ziemlich mieser deutsch-englischer König.

Erst George III. (1738 – 1820) brachte so etwas wie Kultur und mit 15 Kindern ordentlich Leben an den Hof. Der dritte George war ein überdurchschnittlich bescheidener Mensch, was ihm den Spitzennamen „George the Farmer“ einbrachte. In seiner Ägide gewannen die Engländer gemeinsam mit den Deutschen gegen Napoleon, verloren aber dummerweise die amerikanischen Kolonien. Der König verlor daraufhin erst zwischenzeitlich und dann komplett den Verstand, weshalb ihn sein Sohn George IV. auf dem Thron beerbte, ein echter Lebemann mit Hang zu Mätressen und Exzessen. Und insofern ein würdiger Vorfahre der heutigen Windsors.

Überall in London laufen zur Zeit Ausstellungen über die deutschen Könige, die „Glorious Georges“. Demnächst kommt sogar eine große Ausstellung über die Deutschen an sich ins „British Museum“, und die Kuratoren sagen, es ginge ihnen darum, den Engländern das andere Deutschland zu zeigen. Das moderne Deutschland, eher Mercedes als Messerschmidt und Bauhaus statt Blitzkrieg.

Ich werde Peter zur Ausstellungseröffnung überreden. Wahrscheinlich gibt es Würstchen.

Damals, auf unserer gemeinsamem Reise, kaufte ich noch eine weitere Zeitung, den „Daily Telegraph“. Darin wurde die Geschichte von dem teutonischen Erbgut relativiert. Ich las es ihm vor. „Ihr stammt doch nicht zur Hälfte von uns ab.“ Peter war erleichtert. Aber die Erleichterung dauerte nicht lange. In der Zeitung stand, die Engländer seien zur Hälfte Spanier.