Mail aus Mumbai Fliegen macht Indien zum Abenteuer


Indiens Luftfahrt boomt. Zu sehr vielleicht, denn es kracht auch ziemlich oft. Wenn dann noch die Fluglotsen ausfallen, weil Batterien zu kaufen mühselig ist und so ziemlich jeder fliegen darf, der schon einmal ein Cockpit gesehen hat, werden Flugreisen zu einer spannenden Angelegenheit.
Von Swantje Strieder, Mumbai

Was gibt es Schöneres als Fliegen? Meine Antwort: Heil runterkommen! Sie als Frequent Flyer meinen vielleicht, Fliegen sei reine Routine: Sich hinsetzen, anschnallen, locker Zeitung lesen? Nicht in Mumbai, nicht in Indien. Hier hat man als Passagier noch das Gefühl von Abenteuer wie zu Baron Richthofens Zeiten. Erst recht bei der Landung. Am Abend des 3. Oktober sollte mein Mann eigentlich aus Hyderabad nach Mumbai zurückfliegen. Er kam, den vielen tausend Hindu-Göttern sei dank, einen Tag später. Da sickerte dann gerade durch, dass am Vorabend der Flughafen der glitzernden Finanzmetropole Mumbai kurz am GAU vorbeigeschrammt war, weil der Tower über acht Minuten einen kompletten Black Out hatte.

Acht Minuten! 480 bange Sekunden. Die Fluglotsen schwitzten Blut und Wasser, die Piloten von über einem Dutzend Maschinen, die ohne jeglichen Funkkontakt kreisen mussten, erst recht. Grund: Die Flughafenverwaltung hatte über Monate vergessen, die richtigen Batterien für die Notaggregate zu bestellen und einzusetzen, falls der Dieselantrieb einmal ausfalle, was er ja auch tat. Die Beschaffung der Batterien sei nämlich, wie so oft in Indien, mit einem riesigen bürokratischen Aufwand verbunden, hieß es zur Entschuldigung.

Zu Baron Richthofens Zeiten

Ein paar Tage, bevor Kanzlerin Angela Merkel auf Staatsbesuch in Mumbai landete, fiel noch einmal die gesamte Elektronik im Tower aus. Hoffentlich hat der Airport-Elektriker doch noch ein paar neue Batterien gefunden, dachte ich, als ich heute morgen bei klarem sonnigen Wetter von Jaipur im märchenhaften Rajasthan ins pralle, laute, aus allen Nähten platzende Mumbai zurückflog. Bei dem guten Wetter könnte man ja zur Not auch auf Sicht landen. Wie zu Baron Richthofens Zeiten.

Und ansonsten business as unsual: Hinsetzen, anschnallen, locker die Zeitung lesen. Oder lieber nicht? Die Topmeldung in der Tageszeitung Asian Age lautete: "18 Air Misses" seit Anfang des Jahres, davon allein 13 Beinahe-Unfälle in Mumbai und Dehli. Ja, pennen die Herren Fluglotsen auch am hellichten Tag?

Auch eine Ghandi geht in die Luft

Das fragt sich wahrscheinlich auch Indiens Top-Politikerin Sonia Gandhi, deren Maschine am 10. September gefährlich knapp an einem anderen Verkehrsflugzeug vorbeimanövrierte. Die Luftaufsichtsbehörde bestreitet den Fall, aber ich schätze, Frau Gandhi kann man als Pilotenwitwe nichts vormachen. Ihr Mann, der frühere Ministerpräsident Rajiv Gandhi, der 1991 durch ein Attentat umkam, flog für sein Leben gern, früher einmal als Air India Pilot.

Boomende Luftfahrt

Indien boomt, seine Luftfahrt erst recht. Über ein Dutzend junger moderner Airlines haben die alten Tanten Air India und Indian Airlines das Fürchten gelernt. Dort herrscht immer noch Staatsschlendrian, das Schlangestehen vor dem Schalter ist eine Tugend wie bei der indischen Eisenbahn, während anderswo alles per Internet läuft. Die jungen Airlines setzen auf ein freches Image: Kingfisher Airlines auf schöne Beine: die rehäugigen Damen tragen unverschämt knappe rote Röckchen statt flattriger langer Saris. Jet Air hält auf guten Service, Indigo auf Pünktlichkeit, Billiglinie Air Deccan auf "Geiz ist geil".

Pilotenmangel und andere Katastrophen

Doch beim allerwichtigsten Kapitel der Luftfahrt, bei der Pilotenausbildung, sieht es düster aus. "Wir bräuchten 4000 neue Piloten in den nächsten Jahren", sagt Ausbilder Kapitän Yash Raj Tongia, "aber die Hälfte aller indischen Flugschulen erfüllt die Vorschriften nicht." Das ist noch vornehm umschrieben. Viele Pilotenschulen haben nicht mal einen eigenen Flugausbilder, geschweige denn einen Simulator.

Während zukünftige Kapitäne in den Industriestaaten durch eine langjährige, teure Ausbildung gehen, stellen indische Airlines angeblich 19jährige mit einem halben Jahr Flugerfahrung als Ko-Piloten ein. Andererseits wurde das Pensionsalter für's Cockpit auf 65 erhöht. Gesundheitschecks? Es soll einen Piloten geben, der wegen Epilepsie entlassen wurde, Entschädigung kassierte, aber mit einer neuen US-Fluglizenz quietschvergnügt wieder eingestellt wurde. Hoffentlich hockt der nicht gerade in unserem Cockpit da vorn?

Drama im Mittelgang

Doch nun endlich zu den schönen Seiten des Fliegens. In Indien werden auch auf Inlandsflügen schmackhafte Essen von schönen, freundlichen Menschen serviert. Das heißt, wenn denn serviert wird. Auf meinem Jet Air-Flug kämpfen gerade die zwei Damen in dunkelblau gelber Uniform mit der Tücke der Materie. Während die eine vor Schüchternheit kaum wagt, die männlichen Passagiere, toughe ältere Geschäftsleute mit jugendlich eingefärbten Haaren, anzusprechen, hat ihre Kollegin schon bis Reihe 16 serviert. Nun zerren beide am Bedienungswagen, die eine nach hinten, die andere nach vorn. Nach 20 Minuten ist die Schüchterne immer noch bei Reihe 3, die Kollegin bei Reihe 20. Die Inderin im eleganten grauseidenen Sari schräg vor mir beginnt, die Bordklingel zu traktieren. Nach vierzig Minuten schlage ich der munteren Kollegin vor, vielleicht mal den Tee auf der anderen Hälfte des Flugzeugs zu servieren, wir sind ja kurz vor der Landung.

Und tatsächlich kommt ein Kollege aus der ersten Klasse mit gewinnendem Lächeln und heißem Tee angesprungen, während das Mäuschen dem Dicken in der 3. Reihe völlig überflüssigerweise seine Anzugtasche aus dem Bordschrank, auch in der ersten Klasse, besorgt. Die Inderin vor mir guckt so indigniert, dass Mäuschen samt Anzugtasche im Flugzeugboden versinkt. Und in diesem Moment wünsche ich mich an Bord der Lufthansa oder einer anderen ganz normalen Airline, wo das Personal mir mit rauer Herzlichkeit das Essen, falls es eines gibt, hinknallt! Ohne Mätzchen! Ohne Bevorzugung von Frau , Mann oder Eunuch.

Happy End in der Megacity

Bei der Landung in Mumbai, die über Erwarten sanft verläuft, heißt es: hinsetzen, anschnallen, Tisch hochklappen. Zeitung mit Horrornachrichten vom Fliegen will ich heute nicht mehr sehen. Hallo, Mumbai, denke ich, als die Maschine scheinbar direkt in den riesigen Slums aufsetzt, daheim in Megacity! Das Mäuschen haucht ins Bordmikrophon, das sie so glücklich ist, uns mit ihrem Service verwöhnen zu dürfen. Der Dicke in Reihe 3 grinst selbstzufrieden, die Dame im Sari setzt ein kleines boshaftes Lächeln auf. Ich bin einfach nur erleichtert, dass die Fluglotsen heute so alert waren und dass der Pilot, der uns an der Tür verabschiedet, weder ein 19jähriger Flugabsolvent mit Flaum an den Backen noch ein Tattergreis mit Ausfällen ist. Ein ganz normaler Kapitän. Happy Landing in Mumbai.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker