Menschen, die Mut machen Die Saat der Physikerin


In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der sich durch sein Engagement für andere auszeichnet. Heute: Die Inderin Vandana Shiva, Trägerin des alternativen Nobelpreises. Die Physikerin betreibt unter anderem 45 Samenbanken - weil sich viele Bauern in ihrer Heimat nicht einmal mehr ihre Saat leisten können.
Von Bernd Hauser

Auf dem Schreibtisch des kleinen Büros von Vandana Shiva in Delhi stapeln sich Broschüren und Bücher meterhoch. Sie handeln von Ökologie, von Armut und Ungerechtigkeit, von der Macht internationaler Konzerne: Ein Bücherturm der Globalisierungskritik.

Vandana Shiva, promovierte Physikerin und Trägerin des Right Livelihood Award, des alternativen Nobelpreises, hat viele Aufgaben. Als Forscherin sucht sie nach Reissorten, die Salz verkraften und nach Sturmfluten gepflanzt werden können. Als Kampagnen-Macherin und Netzwerkerin hat sie sich gegen Coca-Cola gestemmt, weil das Unternehmen rund um seine Fabriken den Bauern das Grundwasser wegpumpt. Als Intellektuelle schreibt sie ein Buch nach dem anderen über Biodiversität und eine gerechtere Weltpolitik. Die 55-Jährige gehöre zu den "Rädelsführern der Globalisierungsgegner", notierte der "Spiegel" bewundernd: "Wenn sie zu einer Demonstration ruft in Indien, kommen 100.000 Menschen, und wenn sie spricht, hält man den Atem an."

Shivas Terminkalender ist ständig voll: Sei es die Teilnahme an einer Konferenz zur Rettung des Ganges, Vorträge über nachhaltige Entwicklung, oder Interviews, die sie geben soll. Auch jetzt sitzt sie mit einem Journalisten des britischen Senders BBC in ihrem Büro und gibt ein Interview. Innerhalb eines Jahres sind die Preise für Reis und Weizen um das Doppelte gestiegen: "Viele Familien in Indien geben nun 90 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus!" Neuere Entwicklungen wie der Preisanstieg durch die hohe Biospritproduktion treffen in Indien auf ein Problem, das Shiva seit vielen Jahren anprangert: Durch die Welthandelsorganisation WTO wurde Indien gezwungen, seine Märkte zu öffnen. Subventionierte Baumwolle aus Amerika machte die Preise auf dem indischen Markt kaputt. Das erleichterte die Monopol-Bestrebungen des amerikanischen Konzerns Monsanto, der "einheimische Saatgufirmen aufkaufte und systematisch zerstörte", sagt Shiva. Ohne Wettbewerb sind die Bauern gezwungen, das teure Saatgut des Konzerns einzukaufen, dazu noch Kunstdünger und Pestizide, ohne die diese gentechnisch veränderte Saat nicht wachsen will. Viele Bauern überschulden sich.

Shivas "Navdanya"-Organisation versteht sich als Gegengewicht. Sie baut dörfliche Saatgutbanken auf, in denen Reis-, Weizen- und Gemüsesamen bewahrt, multipliziert und verteilt werden, um organische Landwirtschaft betreiben und sich so den Fängen der Multis entziehen zu können. Als sie vor 21 Jahren Navdanya gründete, bat Shiva verschiedene Geldgeber um Unterstützung - mit Erfolg.

Inzwischen hat Navdanya 45 Samenbanken aufgebaut. 300.000 Kleinbauern sind Mitglied der Organisation, teilen Samen, betreiben ökologische Landwirtschaft. Sie kommen nicht mehr in die Gefahr, durch das teure Saatgut von Monsanto in die Schuldenfalle zu geraten.


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