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Mohammed-Karikaturist: "Meine Wut ist wie eine Therapie"

Kurt Westergaard ist wütend: Der Däne, dessen Mohammed-Karikaturen Unruhen im Nahen Osten ausgelöst hatten, steht auf der Mordliste von islamischen Fundamentalisten. Im Gespräch mit stern.de erzählt er, wie er mit der ständigen Angst im Nacken und einem Leben auf der Flucht zurecht kommt.

Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard, 72, zeichnete im Herbst 2005 Mohammed mit einer Zündschnur im Turban - und wurde damit auf der ganzen Welt berühmt. Denn seine Tageszeitung "Jyllands-Posten" in Aarhus veröffentlichte die Karikatur zusammen mit 16 anderen Mohammed-Zeichnungen und löste damit Unruhen im gesamten Nahen Osten aus. 150 Menschen starben dabei, Botschaften brannten. Westergaard, ehemaliger Direktor einer Sonderschule, steht seither unter Polizeischutz. Jetzt wurde ein Mordkomplott gegen ihn aufgedeckt. Vor Monaten ist er mit seiner Frau untergetaucht und wird vom dänischen Geheimdienst bewacht.

Seit vergangenem November müssen Sie sich vor muslimischen Terroristen verstecken. Wie geht es Ihnen?

Mittlerweile ganz gut. Natürlich war all das ein großer Schrecken für uns.

Wann erfuhren Sie von den Mordplänen gegen Sie?

Am 17. November teilte uns der dänische Geheimdienst PET mit, dass ein Anschlag gegen mich verübt werden soll. Meine Frau und ich mussten unser Haus in Aarhus sofort verlassen. Seither ziehen wir jede Woche um. PET sucht die Unterkünfte aus. Wir sind im ganzen Land unterwegs, manchmal auch im Ausland. Derzeit befinden wir uns in Dänemark.

Können Sie sich frei bewegen oder ist immer ein Polizist bei Ihnen?

Es steht kein Polizist vor der Tür. Aber wir müssen dem Geheimdienst sagen, wo wir gerade sind und was wir tun. Ich vermute, dass immer jemand in der Nähe ist. Wir stehen jedenfalls in ständigem Kontakt. Auch unsere Familie hat Anweisungen bekommen, wir haben ja fünf erwachsene Kinder und Enkel. Wir sind dem Geheimdienst sehr dankbar. Wahrscheinlich hat er unser Leben gerettet.

Ein Hotel verwehrte Ihnen in der vergangenen Woche die Unterkunft. Ihre Anwesenheit bedrohe die Sicherheit der Gäste, hieß es.

Man wollte uns den Aufenthalt nicht verlängern, das ist richtig. Aber viele Dänen sind sehr solidarisch mit uns. Man bietet sogar uns Wohnungen an. Das ist sehr sympathisch.

Zwei Verdächtige wurden verhaftet - doch ein dritter wurde wieder freigelassen.

Es ist nicht beruhigend, dass einer der Männer nicht mehr in Haft ist. Denn ausgerechnet er hat einen dänischen Pass, er wird das Land also nicht verlassen. Und was er nun plant, wissen wir natürlich nicht. Der Geheimdienst observiert ihn aber. Die beiden anderen Verdächtigen sind aus Tunesien eingereist. Sie werden ausgewiesen. Die Justizministerin und die Integrationsministerin hielten die Beweise für ausreichend. Einer von ihnen ist mit einer Dänin verheiratet, die zum islamischen Glauben konvertiert ist.

Ihre berühmte Karikatur wurde im Herbst 2005 gedruckt. Dennoch hat es jetzt ein Mordkomplott gegen Sie gegeben. Das muss ein Schock gewesen sein.

Nach den Unruhen war mir klar, dass die Krise nicht vorbei ist. Unsere Redaktion hat viele Drohungen bekommen, auf die Zeichner wurde Kopfgeld ausgesetzt. Unser Haus am Stadtrand von Aarhus musste schon damals mit Alarmanlagen abgesichert werden. Polizisten haben uns regelmäßig und dezent überwacht, auch im vergangenen Jahr. Bis zum November war alles sehr ruhig. Ich konnte in der Zeitung arbeiten, meine Frau leitet einen Kindergarten. Trotzdem hatte ich die Ahnung, dass noch etwas kommt. Derzeit führen wir kein normales Leben mehr.

Kann man sich an Angst gewöhnen?

Ich bin sehr böse darüber, dass meine Familie so sehr bedroht wird. Doch meine Wut ist wie eine Therapie. Der Zorn hilft uns.

Dänische Zeitungen haben die Karikaturen jetzt noch einmal abgedruckt. Befürchten Sie, dass sich die Unruhen wiederholen?

Es war ein Akt der Solidarität mit meiner Redaktion und mit mir. Ich begrüße es. Und ich bereue auch nicht, dass ich diese Zeichnung angefertigt habe. Es muss darüber geredet werden, wie groß unsere Toleranz gegenüber muslimischen Fundamentalisten sein kann. Die Religion darf nicht über der Demokratie und Meinungsfreiheit stehen. Ich habe auch schon Jesus gezeichnet. Damals kriegten wir viele Leserbriefe. Aber es gab keine Gewalt. Uneinigkeit ist die Dynamik der Demokratie. Die Menschen, die in Dänemark leben wollen, müssen das akzeptieren - ganz egal, woran sie glauben.

Zeichnen Sie noch zum Thema Islam?

Im vergangenen Jahr habe ich mehrere islamkritische Karikaturen angefertigt, die auch gedruckt wurden. Aber es gab danach keine Probleme.

Haben die Zeichnungen und die Unruhen Ihr Land verändert?

Die Toleranz gegenüber dem Islam ist geringer worden. Das ist schade. Wir sind ein kleines, gastfreundliches Land, und das wollen wir bleiben. Es gibt auch viele progressive Muslime, die nun unter der schlechten Stimmung leiden müssen. Aber wir sind nicht die Täter. Unsere Zeichnungen sind nicht schuld an der Gewalt. Schuld sind jene, die die Massen aufgehetzt haben und aufhetzen. Sie tragen die Verantwortung.

Sie haben versucht, über Ihre Arbeit mit Imamen zu diskutieren - vergeblich.

Das Problem ist, dass die Fundamentalisten sich in diesem Konflikt selbst für Opfer halten. Dabei leben sie in Dänemark unter guten Bedingungen, sie haben Moscheen und Koranschulen für ihre Kinder. Der Staat unterstützt sie. Und sie wollen hier leben! Aber ich muss jetzt geschützt werden, in meinem eigenen Land. Das ist verrückt. Es ist auch bitter. Wir finden keine gemeinsame Sprache.

Werden Sie wieder in Ihr Haus zurückkehren können?

Vielleicht in einem Monat. Wir wollen das natürlich. Aber wir halten uns an die Anweisungen des Geheimdienstes. Ich mache mir jedoch keine Illusionen. Die Drohungen werden uns immer begleiten, bis an mein Lebensende. Das werden wir nicht mehr los. Wir werden kein normales Leben mehr führen können.

Interview: Bettina Sengling