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"Flucht aus Camp 14": Nordkoreas berühmtester Flüchtling gesteht falsche Aussagen

Ale einer der ersten Nordkoreaner hat Shin Dong Hyuk ein Buch über sein Leben in den Gefangenenlagern der Diktatur geschrieben. Nun aber stellt sich heraus: Einige Details stimmen nicht.

Shin Dong Hyuks Buch machte weltweit Furore. Nun muss er einige Fehler darin eingestehen.

Shin Dong Hyuks Buch machte weltweit Furore. Nun muss er einige Fehler darin eingestehen.

Shin Dong Hyuks Geschichte ging um die Welt: Sie dreht sich um den Folter-Alltag, um die Denunziation der eigenen Eltern, um geschundene Körper und zerstörte Seelen. Kurz: um die brutal perfektionierte Vernichtung von Menschen in den Gefangenenlagern Nordkoreas. Nicht wenige Beobachter stellen sie auf eine Stufe mit den Konzentrationslagern der Nazis. Die Erzählungen derjenigen, denen es gelungen ist aus den Lagern zu fliehen, decken sich weitgehend mit Shins Geschichte. Der junge Mann allerdings hat ein weltbekanntes Buch über sein Leben geschrieben. Und er wurde als Zeuge von einer UN-Kommission befragt. Nun aber stellt sich heraus, dass seine Lebensbeichte, so wie sie in 27 Sprachen gedruckt wurde, nicht ganz der Wahrheit entspricht.

"Könnte es einen Grund geben, daran zu zweifeln, was sie erzählen?" wurde Shin im August 2013 von einem UN-Kommissionsmitglied gefragt. Shin antwortete, er sei als Verräter beschimpft worden. "Ich kann aber nur die Geschichte meines Lebens erzählen." Genau die aber soll es in unterschiedlichen Versionen geben, wie Blaine Harden festgestellt hat. Er kennt den jungen Mann seit Jahren, und hat mit ihm "Flucht aus Camp 14" verfasst. Im seinem Blog listet der Autor einige Unstimmigkeiten auf, die der 32-Jährige im Gespräch auch zerknirscht einräumt.

Die Unstimmigkeiten im Überblick

  • Shins Buch heißt "Flucht aus Lager 14" - doch nun räumt er ein, dass er dieses Lager zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder schon als Kind verlassen hat. Im Alter von sechs Jahren wurde er in das Lager 18 verlegt, in dem es etwas gesitteter zugehen soll.
  • Allerdings soll er später noch einmal ins Lager 14 zurückgekehrt sein - nach seinem zweiten Fluchtversuch aus Lager 18 im Jahr 2001. Seine erste Flucht (aus Lager 18) endete nach wenigen Tagen. Nach seinem zweiten Versuch ging es für ihn zunächst zurück ins Lager 18, später dann wurde er ins Lager 14 geschickt, wo er erneut bestraft und gefoltert wurde.
  • Eine seiner erschütternsten Erzählungen handelt davon, dass er seine Mutter und seinen Bruder an die Wärter verraten hat, nachdem er von ihrem Fluchtplan gehört hatte. Kurz darauf musste er mit ansehen, wie die beiden vor seinen Augen hingerichtet wurden. Laut des Buchs spielte sich das im Lager 14 ab, aber offenbar geschah das in Lager 18.
  • Es stimmt wohl auch nicht, dass er im Alter von 13 Jahren im Lager 14 mit Feuer gefoltert wurde, wegen des Schmiedens von Fluchtplänen. Nun räumt Shin ein, dass er 20 Jahre alt war, als die Wächter ihn misshandelt haben - nachdem man ihm nach einem Fluchtversuch in China geschnappt und zurück nach Nordkorea geschickt hatte.
  • Zudem berichtet der Koreaner in seinem Buch, dass ihm ein Finger abgetrennt wurde, als ein Wärter ihm Fingernägel herausgerissen hat. Es sei die Strafe dafür gewesen, dass Shin eine Nähmaschine hat fallen lassen. Nun sagt Shin, dies sei wegen eines Fluchtversuchs geschehen.

Im Grunde sind es Kleinigkeiten, zusammengenommen aber hinterlassen sie dann doch den einen oder anderen Kratzer auf Shin Dong Hyuks Glaubwürdigkeit. Auf diese Ungereimtheiten angesprochen sagte Shin, dass es ihm nicht klar gewesen sei, dass diese Details wichtig sind. Wörtlich zitiert ihn Harden: "Es tut mir leid, dass ich nicht in der Lage war, von Anfang an die ganze Wahrheit zu sagen. Ich bitte um Vergebung."

Autor will weiter nachforschen

Am Telefon sagte Shin weiter, dass die Erinnerung an manche Episoden seines Lebens zu schmerzhaft gewesen sei. "Deshalb habe ich einige Details miteinander vermischt, auch weil es Dinge gibt, über die ich nicht sprechen will und werde. Harden selbst schreibt, er werde der Sache weiter nachgehen und gegebenenfalls in einer Neuauflage des Buchs korrigieren.

Niels Kruse
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