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Terror in Paris: Was man über die Anschläge weiß - und was nicht

Tag eins nach den Anschlägen von Paris: Es gab Festnahmen in London und Belgien, ein Terrorist ist identifiziert, doch vieles liegt weiter im Dunkeln. Lesen Sie hier, was über die Anschläge in Paris bekannt ist und welche Fragen offen sind.

Paris steht am Tag nach den Anschlägen unter Schock

Paris steht am Tag nach den Anschlägen unter Schock

Frankreich trauert um die Toten von Paris. Während in den Krankenhäusern noch immer Menschen um ihr Leben kämpfen, ermittelt die Polizei auf Hochtouren. Viele Fragen sind aber offen.

Was weiß man über die Attentäter?

Leider noch nicht viel. Erst war von acht toten Terroristen die Rede, inzwischen nur noch von sieben. Sechs sprengten sich selbst in die Luft, einer wurde erschossen. Ein Angreifer konnte anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert werden: Es handelt sich um einen 1985 im Süden von Paris geborenen Mann, der in den vergangenen Jahren acht Mal wegen gewöhnlicher Straftaten verurteilt worden war. Er war den Behörden wegen seiner Radikalisierung bereits aufgefallen.

Die französische Zeitung "Le Monde" und ein Mitglied des französischen Parlaments gaben den Namen dieses Attentäters mit Ismael Omar Mostefai an. Der französische Abgeordnete Jean-Pierre Gorges bestätigte auf Facebook, Mostefai sei einer der Attentäter und habe in der Stadt Chartres bis mindestens 2012 gewohnt habe. Gorges zugleich Bürgermeister von Chartres.

Am späten Samstagabend wurde bekannt, dass der Vater und der Bruder dieses Selbstmordattentäters in Polizeigewahrsam genommen wurden.  Die Wohnungen der beiden Männer wurden durchsucht. Der Bruder des 29-jährigen Attentäters lebt demnach in einem Ort südlich von Paris, der Vater gut 100 Kilometer weiter östlich.

Gerichtsmediziner untersuchen die Leichen der anderen Täter und hoffen, dass ein Abgleich der DNA mit den Datenbanken der Polizei Hinweise auf ihre Identität gibt. Die Angreifer seien in drei "Teams" vorgegangen, sagt der Pariser Staatsanwalt François Molins. Sie benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen die absolut gleiche Art von Sprengstoffwesten. Aus Polizeikreisen verlautet, es habe sich bei den Angreifern im Bataclan um "kampferprobte und perfekt trainierte Typen" gehandelt, die als "recht jung und selbstsicher" beschrieben worden seien. Ein Augenzeuge berichtete, sie hätten Französisch ohne Akzent gesprochen.

Sind alle Täter tot?

Die Behörden schließen nicht aus, dass Täter entkommen sein könnten - möglicherweise nach Belgien. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) sagt, bislang sei nicht klar, ob die bekannten Attentäter alle gewesen seien. Damit ist auch offen, ob die Terrorserie tatsächlich beendet ist oder weiter akute Gefahr besteht.

Welche Spuren gibt es?

Eine wichtige Spur führt nach Belgien: Die Polizei hat in einer Großrazzia Wohnungen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek untersucht und drei Menschen verhaftet. Augenzeugen hatten am Freitagabend ein Auto mit belgischem Nummernschild in der Nähe der Konzerthalle Bataclan gesehen. Dort wurden 89 Menschen erschossen. Einer der in Belgien Festgenommenen war laut dem belgischen Premierminister Charles Michel am Freitagabend in Paris. Molenbeek gilt als Problemstadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit und ist bei Terrorfahndern bekannt. Zuletzt hatte im August nach dem Angriff auf einen Thalys-Zug eine Spur dorthin geführt.

Ein weiterer Hinweis könnte ein syrischer Pass sein, der neben der Leiche eines Terroristen gefunden wurde. Der 1990 in Syrien geborene Besitzer des Dokuments sei den französischen Behörden nicht bekannt, heißt es. Er reiste Anfang Oktober über Griechenland in die Europäische Union ein, wie die Regierung in Athen erklärte. Der Mann sei am 3. Oktober auf der Insel Leros registriert worden. Noch ist unklar, ob der Getötete auch der Eigentümer des Passes und ob das Dokument echt oder eine Fälschung ist. Der Pass bestärkt jedoch den Verdacht auf eine Verbindung der Attentäter ins Ausland.

Inzwischen wurde bekannt, dass ein zweiter der sieben Attentäter wahrscheinlich über Griechenland in die Europäische Union eingereist ist. Dies jedenfalls berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Aussagen von Insidern. Laut dem Fernsehsender "Mega" soll der Mann ebenfalls auf Leros, allerdings schon im August, eingetroffen sein.

Auch in London gab es eine Festnahme: Am Flughafen Gatwick nahm die Polizei einen 41-jährigen Mann aus Frankreich fest, nachdem ein verdächtiger Gegenstand entdeckt worden war.

Das Terminal wurde aus Sicherheitsgründen geräumt. Sprengstoffexperten untersuchten den Gegenstand und führten eine kontrollierte Explosion durch. "Die Beamten stellten persönliche Gegenstände und etwas, wahrscheinlich eine Feuerwaffe, sicher," so ein Sprecher der Polizei in Sussex. Ob das Ereignis in Zusammenhang mit Paris steht, ist nicht bekannt.

Planten die Attentäter einen Anschlag auf das Fußballspiel im Stade de France?

Das ist noch unklar. Einem Bericht des "Wall Street Journal" (WSJ) zufolge hatte mindestens ein Attentäter ein Ticket für das Spiel Frankreich-Deutschland. Er sei von einem Ordner beim Sicherheitscheck aufgehalten worden, berichtet die Zeitung unter Berufung auf einen anderen Ordner und einen Polizisten. Bei dem Attentäter sei etwa eine Viertelstunde nach Spielbeginn am Stadioneingang eine Sprengstoff-Weste entdeckt worden. Beim Versuch zu entkommen, habe der Mann den Sprengstoff zur Explosion gebracht. Der Polizist vermutetet laut "WSJ", dass der Angreifer den Sprengstoff im Stadion zünden wollte, um eine Massenpanik unter den Zuschauern auszulösen.

Wie begründet der IS den Anschlag?

In einem Bekennerschreiben des IS spricht die Terrormiliz von "einer treuen Gruppe", die die "Hauptstadt der Unzucht und des Lasters" attackiert habe. Das Dokument richtet sich gegen die "Kreuzfahrer",  und speziell gegen Frankreich. "Frankreich und jene, die seinem Pfad folgen, wissen, dass sie ganz oben auf der Liste der Ziele des Islamischen Staates stehen und dass der Geruch des Todes ihre Nasen nicht verlassen wird, solange sie ihren Kreuzzug fortführen, es wagen, unseren Propheten zu beleidigen (...), stolz darauf sind, gegen den Islam Krieg zu führen und die Muslime im Land des Kalifats mit ihren Flugzeugen anzugreifen".

Ist das Bekennerschreiben des IS echt?

Noch gibt es keine unabhängige Bestätigung, doch Experten halten das Dokument für glaubhaft. Formulierungen, Layout und Verbreitungskanäle sind typisch für den IS.

Wie viele Menschen starben, wie viele wurden verletzt?

Die Zahl der Todesopfer gab der Staatsanwalt am Samstagabend mit 129 an, allein 89 Opfer wurden im Bataclan getötet. Die Opferzahl drohe sich weiter zu erhöhen, sagt Molins: Unter den 352 Verletzten seien 99 Menschen mit besonders schweren Verletzungen.

Unter den Toten sollen auch mehrere Ausländer sein, wurde in der Nacht zu Sonntag bekannt. Je ein Todesopfer stammt aus den USA, aus Schweden und aus Großbritannien, wie die jeweiligen Regierungen mitteilten. Zudem stammen demnach jeweils zwei Todesopfer aus Belgien, Rumänien und Mexiko. Über deutsche Opfer ist dem Bundesaußenministerium zufolge bisher nichts bekannt. 

Was bedeuten die Anschläge für Deutschland?

Die Bundespolizei schickt verstärkt Einsatzkräfte an die Grenze zu Frankreich, intensiviert Streifen an Flughäfen und Bahnhöfen. Die Polizisten patrouillieren dort mit Schutzwesten und schweren Waffen. Verbindungen von und nach Frankreich werden besonders in den Blick genommen. Nach einem Anschlag in einem Nachbarland setzt sich bei Polizei und Geheimdiensten in Deutschland hinter den Kulissen automatisch eine Maschinerie in Gang: Die Behörden checken, ob es mögliche Verbindungen und Kontakte der Täter nach Deutschland gibt. Sie sprechen dazu mit den V-Leuten in der Islamisten-Szene, durchforsten Foren und Netzwerke im Internet. Und sie überwachen besonders die islamistischen "Gefährder" - also jene, denen sie einen Terrorakt zutrauen. Aber auch Rechtsextremisten, die auf die Anschläge reagieren könnten, stehen nun unter besonderer Beobachtung.

Gibt es Verbindungen der Paris-Attentäter nach Deutschland?

Belastbare Erkenntnisse dazu gibt es zunächst nicht, aber einen ersten Verdacht: In Oberbayern wurde am Donnerstag vor einer Woche auf der Autobahn zwischen Salzburg und München ein Autofahrer angehalten und kontrolliert. Schleierfahnder der Polizei entdeckten im Kleinwagen des 51-Jährigen unter anderem mehrere Kalaschnikow-Gewehre, Handgranaten sowie 200 Gramm TNT-Sprengstoff. "Es gibt einen Bezug nach Frankreich, aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag gibt", sagt de Maizière. Auf dem Navigationsgerät des Mannes habe man eine Adresse in Paris gefunden. Ob das einen Zusammenhang zur Anschlagsserie bedeute, sei noch unklar. Der Verdächtige, der aus Montenegro stammt, sitzt in Untersuchungshaft und schweigt.

car/anb / DPA / Reuters / AFP
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