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Pilot der "Enola Gay": "Ich würde es wieder tun"

Paul Tibbets ist ein untersetzter, freundlicher alter Herr mit einem dichten, weißen Haarschopf. Er spricht bedächtig und schaut mit wachen, forschenden Augen.

Paul Tibbets ist ein untersetzter, freundlicher alter Herr mit einem dichten, weißen Haarschopf. Er spricht bedächtig und schaut mit wachen, forschenden Augen. "Ja, ich würde es wieder tun, wenn die Kriegslage und die Umstände genau dieselben wären", sagt er. Die in Dallas versammelten texanischen Sozialkundelehrer quittieren die Antwort mit donnerndem Beifall. Der rüstige 85-Jährige war Pilot und Kommandant des Bombers, aus dem am 6. August 1945 die erste Atombombe der Welt über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen wurde, und damit eine durchaus umstrittene Figur der Weltgeschichte. In den USA sehen ihn die meisten als Helden.

Tibbets wird nicht müde, von jenem Einsatz zu erzählen, der sein Leben geprägt hat. Mehr als 140 000 Menschen kamen bei der Explosion ums Leben, Zehntausende starben später an den Folgen der Verstrahlung. "Ich war mir damals nicht bewusst, welche Auswirkungen der Abwurf der Atombombe haben würde", sagt er den Lehrern, die ihn als Zeitzeugen eingeladen haben. "Uns ging es nur darum, alles zu tun, um die Japaner zu schlagen. Sie waren unser Feind, wir befanden uns im Krieg. Wir waren Patrioten, und wir wollten ein Ende des Abschlachtens, so dass unsere Soldaten nach Hause konnten." Obwohl Paul Tibbets auf Befehl handelte, musste er sich den moralischen Folgen des Einsatzes stellen. Er und das nach seiner Mutter benannte Flugzeug "Enola Gay" wurden weltbekannt. Er war von nun an "der Mann, der die Atombombe abwarf".

Tibbets galt während des Zweiten Weltkrieges als einer der besten Bomberpiloten der USA. Er hatte Dutzende von Einsätzen über Deutschland geflogen und danach den neuen Riesenbomber B-29 getestet. Im Herbst 1944 erhielt er den Auftrag, eine Spezialeinheit zusammenzustellen. Auf einem abgelegenen Flughafen in Utah übten die 17 B-29 der Gruppe unter völliger Geheimhaltung den Abwurf unförmiger großer Bomben. Nur Tibbets wusste, dass es sich im Ernstfall um eine Atombombe handeln würde. Im März 1945 wurde die Einheit auf die Insel Tinian im Pazifik verlegt. Im US-Atomzentrum von Los Alamos arbeiteten Wissenschaftler und Techniker unterdessen fieberhaft an der Fertigstellung der ersten Bomben.

Truman unter Druck

US-Kriegsminister Henry Stimson und Außenminister James Byrnes drängten Präsident Harry Truman, die neue, furchtbare Waffe einzusetzen, über deren Wirkung es nur Spekulationen gab. Man kalkulierte, dass eine Invasion des japanischen Festlands für die US- Streitkräfte Verluste in Höhe von bis zu einer Million Mann bringen könnte. Japan wurde mit der Potsdamer Erklärung am 27. Juli ein letztes Mal zur Kapitulation aufgefordert. Das Kaiserreich aber lehnte ab, und Truman gab grünes Licht für den Abwurf der Bomben.

Am 6. August 1945, um 02.45 Uhr in der Frühe, startete die "Enola Gay" von Tinian, an Bord die Atombombe "Little Boy". Techniker machten sie während des Fluges scharf. Die Bombe wurde am Zielort Hiroshima aus 9 450 Metern Höhe abgeworfen. Sie explodierte um acht Uhr 16 Minuten und zwei Sekunden Ortszeit, 580 Meter über der Innenstadt mit der Sprengkraft von 12 500 Tonnen TNT. Die "Enola Gay" kehrte um und erreichte ohne Zwischenfälle den Heimatflughafen. Der Einsatz war nach militärischem Maßstab erfolgreich.

"Pflicht getan"

Drei Tage später fiel eine zweite Atombombe auf Nagasaki, und am 14. August kapitulierte Japan. "Nach dem Krieg traf ich Präsident Truman", erzählt Tibbets. "Er sagte mir, ich hätte meine Pflicht getan. Wenn mich irgendjemand für den Abwurf kritisieren würde, solle ich ihn zu ihm schicken. Denn er sei derjenige, der mir den Auftrag erteilt habe." Der pensionierte General ist nach dem Krieg zwar viel in der Welt herumgekommen, aber nach Japan kehrte er nie wieder zurück.