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Rückzug des Dalai Lama: Harvard-Jurist wird Premierminister der Exiltibeter

Generationenwechsel an der Spitze der tibetischen Exilregierung: Der künftige Premierminister Lobsang Sangay ist fast 30 jünger als sein Vorgänger. Sangay steht vor großen Aufgaben - besonders nach dem angekündigten Rückzug des Dalai Lama aus der Politik.

Nach dem Rückzug des Dalai Lama aus der Politik wird ein Harvard-Jurist an der Spitze der Regierung der Exil-Tibeter stehen. Der 43-jährige Lobsang Sangay gewann die Wahl zum Premierminister nach Angaben der Wahlkommission im nordindischen Dharamsala mit 55 Prozent der Stimmen. Die Kommission erklärte Sangay, der an der renommierten US-Universität Harvard promovierte und dort derzeit noch forscht, am Mittwoch zum Sieger.

Die Wahl des Regierungschefs hatte dieses Mal besondere Bedeutung, weil der Dalai Lama als Oberhaupt der Tibeter seine politischen Aufgaben abgeben will. Der 75 Jahre alte Friedensnobelpreisträger bleibt aber spirituelles Oberhaupt der Tibeter.

Sangay, der seine Heimat nie gesehen hat, forderte als junger Aktivist zunächst die Unabhängigkeit Tibets von China. Erst später schloss er sich der Position des Dalai Lama an, der für eine größere Autonomie seiner Heimat eintritt.

Sangay setzte sich bei der Wahl klar gegen zwei Mitbewerber durch. Er wird im Mai in Dharamsala erwartet, dem Sitz der Exilregierung. Sie wird weltweit von keinem Staat anerkannt. Zur Wahl des Premierministers (Kalon Tripa) und der 43 Abgeordneten des Exilparlaments waren am 20. März mehr als 83 000 Exiltibeter vor allem in Nordindien aufgerufen.

Der seit 2001 amtierende Premierminister Lobsang Tensin, der den Titel Samdhong Rinpoche trägt, war nach zwei Legislaturperioden nicht mehr angetreten. Die Amtszeit des 72-Jährigen endet im August.

Der neue Premierminister werde mehr Verantwortung schultern müssen, hatte Rinpoche vor der Wahl mit Blick auf den bevorstehenden Rückzug des Dalai Lama gesagt. Nach tibetischen Angaben fallen die zentralen politischen Aufgaben des Dalai Lama dann dem Premierminister zu. Darunter zählen mögliche Verhandlungen mit der Besatzungsmacht China und die Auflösung des Parlaments.

Der Sprecher des Dalai Lama, Chhime Rigzing, sagte, das Oberhaupt der Tibeter sehe die Wahl Sangays als Indikator dafür, dass eine neue Generation von Anführern übernehme. "Er hat das Gefühl, dass das ein sehr guter Schritt in Richtung Demokratie ist." Der Dalai Lama versucht seit langem, demokratische Institutionen zu stärken.

Bisher fungiert der Dalai Lama als "Staatsoberhaupt" für die Exilregierung. Er hatte das 43 Sitze umfassende Exilparlament im März um die Entbindung von seinen politischen Aufgaben gebeten. Der 75-Jährige hatte argumentiert, die Exilregierung müsse selbstständig werden, ohne auf ihn angewiesen zu sein. Dem Parlament war es nicht gelungen, den Dalai Lama umzustimmen.

Der Vorsitzende der Tibet Initiative Deutschland (TID), Wolfgang Grader, sagte: "Mit Lobsang Sangay betritt eine neue Generation die politische Bühne, die sich nicht mehr aus den alten Adelsfamilien und den Klosterschulen rekrutiert (...) Viele Tibeter erhoffen sich nun eine politische Zeitenwende bezüglich demokratischer Reformen und des Dialogs mit der chinesischen Regierung."

Der Dalai Lama hatte nach der Flucht aus seiner chinesisch besetzten Heimat nach Dharamsala 1959 die Exilregierung ins Leben gerufen. Mehr als 100 000 der 140 000 Exiltibeter leben in Indien. Sangay wurde 1968 im nordindischen Exil geboren und war selber noch nie in Tibet. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. 1995 ging er mit einem Stipendium an die Universität Harvard.

DPA / DPA