Russland feiert Kriegsende vor 65 Jahren Militär, Pathos und ein Schuss Stalin


Die größte Militärparade aller Zeiten soll es geben, einen Gedenktag, der das Volk versöhnt: Russland feiert heute das Ende des Weltkriegs - und versucht so, seine Probleme zu übertünchen.
Von Katja Gloger

Die Moskauer Veteranen haben Glück gehabt, ihnen geht's noch gut, vergleichsweise wenigstens. Ist doch in ihrem Hauptquartier, dem "Moskauer Haus der Veteranen" am Olimpijskij Prospekt auch ein kleiner Laden untergebracht, das "Sozialgeschäft". Hier gibt es Lebensmittel zu subventionierten Sonderpreisen, auch die beliebte "Doktorskaja"-Wurst und "Tuschonka", die klebrig-süße Kondensmilch.

Es ist ein kleiner Laden, nur wenige Kunden kommen am Tag, so alt, so gebrechlich sind die meisten mittlerweile. Und viele der ehemaligen Frontkämpfer leben heute in tiefer Armut, können sich noch nicht einmal Medikamente leisten. So leben und sterben Russlands Kriegsveteranen, das Jahr über zumeist vergessen.

Doch in diesem Jahr soll noch einmal alles anders sein: an diesem 9. Mai will man sie feiern, ein letztes Mal. Denn in diesem Jahr begeht Russland den 65. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. So heißt der Zweite Weltkrieg hier: Großer Vaterländischer Krieg.

Die "Nachthexen" der Roten Armee

Auch Nadeschda Popowa wird noch einmal dabei sein, 88 Jahre alt, Heldin der Sowjetunion, einst Pilotin in einem ganz besonderen Regiment: sie gehörte zu den "Nachthexen", dem einzigen weiblichen Fliegerregeminent der Roten Armee. Es waren tollkühne, junge Pilotinnen wie Nadeschda Popowa, am Anfang flogen sie in winzigen Doppeldeckern aus Sperrholz und Stoff, die eigentlich zu Düngemittelflügen in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Später quetschten sie sich in kleine Jagdflugzeuge vom Typ Il-2, meist griffen sie in der Nacht an, die Deutschen fürchteten sie als "schwarzen Tod".

Nadedschda Popowa meldete sich freiwillig, sie war 17 Jahre alt, sie wurde Heldin der Sowjetunion, und sie zehrte ihr Leben lang von diesem Sieg. Früher, als das Gehen noch leichter fiel, da besuchte sie jedes Jahr alle offiziellen Festveranstaltungen zum 9. Mai, sie malte sich die Lippen korallenrot. "Wir haben den Faschismus besiegt!", rief sie dann gern. "Wir haben nicht vergebens gelebt!"

In diesem Jahr soll sie Ehrengast auf der Tribüne am Roten Platz sein, 700 verdiente Veteranen dürfen dort Platz nehmen, für sie wird eigens eine Festtagsuniform genäht.

Russland feiert Triumph über Hitlers Vernichtungsmaschinerie

"Dewjatoe maja", der 9. Mai, ist ein ganz besonderer Tag. Denn dieser Siegestag ist der einzige echte Feiertag in Russland, in der ehemaligen Sowjetunion. An diesem Tag feiert das Volk den so qualvoll errungenen Sieg im grausamsten aller Kriege, es feiert den Triumph eines Volkes über Hitlers Vernichtungsmaschinerie. An diesem Tag feierten die Menschen stets, sie tanzten Walzer auf öffentlichen Plätzen, sie umarmten sich. Und sie beweinten die Millionen Toten.

Dabei war die wahre Zahl der Kriegstoten jahrzehntelang tabu, zu hoch schien sie den Machthabern. Erst in diesem Jahr sind die offiziellen Zahlen veröffentlicht: 26,5 Millionen Tote, davon die unvorstellbare Zahl von 18 Millionen Zivilisten.

In diesem 65. Jahr nach dem Sieg wird der 9. Mai besonders pompös inszeniert. Zum ersten Mal werden in allen größeren Städten des Landes Militärparaden zeitgleich mit Moskau abgehalten. Dort sollen 90.000 Soldaten im Stechschritt über den Roten Platz marschieren, vorbei am Lenin-Mausoleum, dort, wo die Führung des Landes steht. Zum ersten Mal sollen auch Abordnungen der einstigen Alliierten teilnehmen – Amerikaner, Briten, Franzosen. Dazu schweres Gerät, Interkontinentalraketen vom Typ Topol-M, die Pappel. Am Himmel strategische Bomber, die Sonne wird scheinen, denn eventuelle Wolken will der Moskauer Bürgermeister mit dem Einsatz von Silberiodid zuverlässig vor Erreichen der Hauptstadt abregnen lassen. Eine Million Euro soll allein diese Maßnahme kosten. An diesem 9. Mai soll der Himmel unbedingt blau über Moskau strahlen.

Der Sieg zur Identitätsstiftung

Mit patriotischem Getöse inszeniert sich Putins Regime als Erbe des Sieges – beinahe so, also ob es die 65 Jahre dazwischen nicht gegeben hätte. Denn im krisengeschüttelten Land braucht man offenbar dringend ein verbindendes, ein identitätsstiftendes Symbol. Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg soll die Einigkeit zwischen Führung und Volk wiederherstellen.

Denn überall im Land wächst ja die Wut, der Frust, die Empörung über die Herrscher im Kreml und ihre Statthalter im Land. Während jedes Jahr Hunderte Milliarden Dollar ins Ausland geschafft werden, wissen viele Rentner nicht, wie sie die ständig steigenden Nebenkosten für ihre Wohnungen bezahlen sollen. In vielen Regionen fehlen Arbeitsplätze.

Die Korruption sprengt mittlerweile selbst russische Maßstäbe: Sie frisst bis zu einem Viertel des Bruttosozialproduktes – und das sind nur die offiziellen Schätzungen. Alle, alles ist käuflich, die Polizei sowieso. Die wird längst mit organisierter Kriminalität gleichge-setzt. Im sibirischen Omsk etwa machte sie buchstäblich Jagd auf die Besitzer von Geländewagen. Sie erschoss die Fahrer, kassierte die Autos.

Eine verlorene Chance

Schon wieder fühlen sich die Menschen betrogen. Da waren die "Perestrojka" und "Demokratisazija" der Gorbatschow- und Jelzin-Jahre. Dann kam Putins "gelenkte Demokratie". Und jetzt soll es unter dem jungenhaften Präsidenten Dmitrij Medwedew die "Modernisazija" richten, die Strategie der Modernisierung. Aber daran glaubt ja auch kaum noch jemand – im Gegenteil: Inzwischen sind viele überzeugt, dass die vergangenen zehn Jahre verlorene Jahre waren, eine verlorene Chance. "Vielleicht haben wir wirklich nur noch eine Alternative", sagt die renommierte Politologin Lilija Schewzowa von der Moskauer Carnegie-Stiftung, "fortge-setzte Stagnation oder der Zusammenbruch des Systems. Es wird noch eine Weile dauern, aber der Moment der Wahrheit wird kommen. Unausweichlich."

Stalin erlebt ein Comeback

In dieser Lage macht man sich eine gefährliche Sehnsucht zunutze: den fatalen Wunsch nach einem Führer mit eiserner Hand. Da erlebt offenbar ein anderer Massenmörder sein schleichendes Comeback: Josef Wissarionowitsch Stalin, der Stählerne. Einer der schlimmsten Tyrannen der Geschichte - doch überall im Land finden sich auf einmal Plakate mit seinem schnauzbärtigen Konterfei. Aufkleber mit seinem Portrait machen eine Limonade zum Verkaufsschlager. Zu kaufen sind Postkarten mit gütig lächelndem Stalin, T-Shirts. Führungen durch den Stalin-Bunker im Nordosten Moskaus sind über Wochen ausgebucht. Zu Stalins Geburtstag am 18. Dezember und zu seinem Todestag am 5. März marschieren Kommunisten mit Stalin-Plakaten über den Roten Platz.

Stalin-Museen, Stalin in Wachsfigurenkabinetten, Stalin-Denkmäler - das scheint normal im Russland des Jahres 2010. Für Aufsehen und (ausländische) Kritik sorgte lediglich der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow. Wollte der doch zum Siegestag große Stalin-Plakate aufhängen lassen - angeblich auf Bitten von Kriegsteilnehmern. Schließlich habe Stalin ja im Krieg gesiegt, so das Argument, es handle sich um objektive Geschichte.

Ein schlechter Kommandant als großer Feldherr

Es ist ein verstörendes, ein erschreckendes Bild. Der Mann, der weit über 20 Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, der zudem noch ein lausig schlechter Oberkommandierender war und Millionen Soldaten als Kanonenfutter verheizte - ausgerechnet dieser Mann wird als großer Feldherr und "Modernisierer" dargestellt. Der Mann, der Millionen verhungern ließ und Hunderttausende in die sibirischen Arbeitslager schickte - nur, weil sie angeblich Brot gestohlen hatten.

Er überzog das Land mit seinem großen Terror. Jede Nacht waren seine Häscher unterwegs, es konnte jeden treffen, jederzeit, ein Wort zuviel bedeutete den Tod. Und wer etwa als russischer Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war und überlebte, der galt Stalin als Verräter und wurde nach Kriegsende zur Sklavenarbeit in die Lager des Archipel Gulag geschickt, in die Kohlebergwerke, die Uranminen. Oder gleich erschossen.

Scham und Angst vor der Wahrheit

Doch viele dieser Wahrheiten waren über Jahrzehnte tabu, aus Angst und aus Scham sprachen die Eltern nicht mit ihren Kindern, so verwischte sich die Wahrheit. Erst in den 90er Jahren öffneten sich die Archive, doch nur für kurze Zeit. Heute sammelt die kleine Menschenrechtsorganisation Memorial die Dokumente aus dieser dunklen Vergangenheit. Todesurteile, letzte Fotos, Nachrichten aus dem Gulag, oft unter Lebensgefahr geschmuggelt.

Doch es scheint, als würden diese bitteren Wahrheiten zunehmend ausgeblendet. Diskussionen darüber sind möglich, aber sie finden nur in kleinen Kreisen Gehör, etwa bei den russischen Bürgerrechtlern. Eine juristische Bewertung, eine juristisch bindende Verurteilung der monströsen Verbrechen Stalins hat bis heute nicht stattgefunden. Und so kann der Massenmörder ungestraft als weiser Marschall und "effektiver Manager" dargestellt werden, der Russland in eine Atommacht verwandelte.

65 Jahre nach Kriegsende, nach dem gewaltigen Sieg über den Faschismus feiert sich Russland an diesem 9. Mai noch einmal als Befreier. Veteranen werden ein paar Schritte Walzer versuchen, sie werden sich umarmen und lachen, und sie werden ein paar Tränen der Trauer vergießen an diesem grandiosen, sonnigen Tag, an dem sich ein Land vor ihnen verbeugt.

Doch seine eigenen Dämonen hat Russland noch lange nicht besiegt.


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