HOME

Selbstmordattentäter: "Ich wollte nicht mehr sterben"

Militante Palästinenser wollten einen geistig zurückgebliebenen minderjährigen Jugendlichen zum Selbstmordattentäter machen. Der Junge überlegte es sich aber anders und ergab sich israelischen Soldaten.

Der minderjährige Hussam Abdu aus Nablus wäre beinahe zum jüngsten Selbstmordattentäter der Palästinenser geworden. Doch im letzten Moment überlegte er es sich anders und ergab sich den Soldaten an der Straßensperre vor laufender Fernsehkamera. "Plötzlich wollte ich nicht mehr sterben", erzählte der Achtklässler israelischen Journalisten später. "Ich dachte an meine Mutter und daran, wie wütend und traurig sie sein würde." Die Soldaten schickten dem völlig verstört und verängstigt wirkenden Jungen mit einem ferngesteuerten Roboter eine Schere, mit der er sich von dem Sprengsatz befreien konnte.

Entsetzte Angehörige des Jungen reagierten am Donnerstag mit großem Zorn auf die Hintermänner, die dem Schüler einen Gürtel mit acht Kilo Sprengstoff um den Leib schnallten. "Gott wird jene strafen, die unseren Jungen in den Tod schicken wollten", sagte ein Onkel des Jungen aufgebracht. Keine der palästinensischen Extremistengruppen hat sich bislang zu der Tat bekannt.

Jungfrauen im Paradies versprochen

Hussam Abdu erzählte, man habe ihm Jungfrauen im Paradies und 100 Schekel (18 Euro) für seine Mutter versprochen. In der Schule hätten seine Altersgenossen ihn als "hässlichen Zwerg" gehänselt, daher habe er beweisen wollen, dass er "ein richtiger Mann" sei, erzählte der für sein Alter klein aussehende Junge kläglich. Er ist geistig stark zurückgeblieben.

Erst vor zehn Tagen war an der selben Straßensperre ein noch jüngeres Kind mit einer Bombe in der Tasche entdeckt worden. Militante Palästinenser hatten offenbar ohne Wissen des Jungen versucht, den Sprengsatz durch die Sperre zu schleusen.

Bislang hatten auch die radikalen Gruppen sich an ein ungeschriebenes Gesetz gehalten, Kinder aus dem bewaffneten Konflikt mit Israel herauszuhalten. Doch viele Jugendliche beteiligen sich auch ohne Wissen ihrer Eltern immer wieder an gewaltsamen Demonstrationen.

"Ich kann verstehen, wie sich diese Kinder fühlen", sagt der palästinensische Besitzer eines Geschäft nahe der Kalandia-Sperre südlich von Ramallah, an der es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und israelischen Soldaten kommt. Sie hätten nichts zu tun und seien in ihrem Flüchtlingslager eingesperrt, erklärt er grimmig. "Sie hassen die Soldaten und das, was sie an den Militärsperren sehen, daher ist ihr Drang zu kämpfen nur natürlich."

Zahl der getöteten palästinensischen Kinder steigt

Nach Angaben von Chaled Kusmar, Anwalt in einer internationalen Organisation zum Schutz von Kindern, ist die Zahl der bei gewaltsamen Zwischenfällen getöteten Kinder seit der Wiedereroberung der palästinensischen Städte durch die israelische Armee vor knapp zwei Jahren kontinuierlich gestiegen. Vor April 2002 seien Kinder zumeist nur daran beteiligt gewesen, Steine auf Soldaten zu werfen. Heute habe die Organisation immer wieder mit Fällen zu tun, in denen Kinder und Jugendliche Brandflaschen warfen oder mit Sprengsätzen hantierten. Es handele sich dabei meist um Kinder aus ärmsten Verhältnissen, die angesichts der strengen israelischen Blockademaßnahmen radikalisiert seien.

Seit dem tödlichen Raketenangriff auf den Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin sei in den Palästinensergebieten der starke Drang zu spüren, "um jeden Preis einen großen Anschlag zu verüben", meint ein israelischer Militärkommandeur. "Wir überprüfen jetzt auch Kinder strenger, weil es aus unserer Sicht keine rote Linie mehr gibt, die sie (die Palästinenser) nicht überschreiten würden."

Sara Leme/Maher Abukhater / DPA
Themen in diesem Artikel