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Sibirien: Die frommen Freaks

Sie vergöttern einen ehemaligen Verkehrspolizisten als Heiligen und haben sich dem kargen Leben verschrieben. Mitten in Sibirien suchen Tausende Halt und Heil in einer esoterischen Sekte. Unter ihnen auch eine wachsende Zahl Deutscher.

Von Bettina Sengling

Als der Mann, der sich Gottessohn nennt, zum Mittagessen fährt, wartet ein Dutzend Jünger schon am Kirchzaun. Es ist ein strahlend heller Tag. Wie großes Holzspielzeug sieht das Kirchlein aus, der Rasen davor wie mit Scheren gestutzt. Eine Frau fängt zu singen an. Ein Mann schließt die Augen. Niemand spricht.

Auch Elwira ist da, sie trägt einen Hut mit breiter Krempe und ein langes, weißes Kleid. Schon heute früh spürte sie, dass etwas Großes bevorsteht. "Meine Seele hat sich vorbereitet auf unsere Begegnung", sagt Elwira. Ein paarmal schon hat sie Wissarion verpasst. Der Mann, der sich Gottessohn nennt, lässt sich nicht immer zu den Menschen herab. Er tankt Energie und denkt an das All. Der Heiland macht sich gern rar.

Samtweißes Gewand, braune, offene Haare

Die Kirchentür geht auf. Wissarion sieht aus, als wolle er zu einem Jesus-Casting. Er trägt ein Gewand aus weißem Samt und die langen, braunen Haare offen. Sein altes Kleid ließ er in Schnipseln an die Jünger verteilen. Er lächelt mild. Sein Fahrer hält die Tür des Jeeps auf. Dann fährt das Auto davon. Trotzdem spürt Elwira eine Welle der Kraft und einige Erschütterungen, die aus dem Kosmos kommen. "Einen schönen Feiertag!", ruft sie ihm nach. Heute ist ein wichtiger Jahrestag, denn vor genau 15 Jahren predigte Wissarion zum ersten Mal. Damals behauptete er, der neue Jesus zu sein. Zuvor kannten ihn die Leute nur als Verkehrspolizisten, was die Sache nicht leichter machte.

Mehrere tausend Menschen leben heute in seinem Bann, in 18 Dörfern, die sie nur die "Zone" nennen. Das Zentrum der Sekte ist Petropawlowka, und es sieht aus, als sei es aus der Zeit gefallen. Das ist Programm: Wissarions Welt soll nicht von dieser Welt sein. Ohne Geld, Macht und Gewalt. Ohne Krankenversicherung, Tütenmilch und Fernheizung, dafür mit Plumpsklos, Buchweizengrütze und Sense. Die meisten Menschen sind aus russischen Städten hierher gezogen, in den Osten Sibiriens. Sie waren auf der Suche nach Regeln und Romantik, nach Lebenssinn und Einfachheit, waren das Chaos leid und auch die Vielfalt. Sprechen sie vom alten Leben, sagen sie: "Als ich noch in der Welt war." Wer hier ist, hat sich ausgeklinkt.

Nur wenige Ungläubige sind in der "Zone" geblieben

Nach und nach kauften die Jünger den früheren Dorfbewohnern die Häuser ab. Nur wenige Ungläubige sind in der "Zone" geblieben. Wissarion selbst hat die Dörfer ausgesucht. Das Land sieht so aus, als sei der Mensch noch nicht lange da: Rundum nur Taiga, Wildnis, ein Fluss, sattes Gras. Im Sommer herrschen die Mücken, und schon im Herbst zieht die Kälte ein. Zur nächsten Provinzstadt sind es fünf Stunden mit dem Auto, über Schotterpisten, durch Schlammseen. In der anderen Richtung endet die Straße im Nichts.

Elwira ist aus dem Nachbardorf angereist. Der Jahrestag ist das größte Fest der Gemeinde, er dauert drei Tage und wirkt ein bisschen, als vereinte sich Dornröschens Reich mit dem Komsomol. Erwachsene Männer tragen Umhänge aus türkisfarbenem Samt und lange Haare, als brauche Wissarion Doppelgänger im Dutzend. Frauen tanzen in langen Blumengewändern über die Wiesen und singen dabei. In allem herrscht wundersame Disziplin.

Auch Elwira trägt weiße Festkleider. Der Hut ist Pflicht wegen des Ozonlochs, das Wissarion über Petropawlowka ortete. Die Radioaktivität aus dem Kosmos prallt an der Kopfbedeckung ab, sagt Wissarion. Er ist Elwiras Heilsbringer. "Ich konnte nicht anders, als ihm zu folgen", sagt sie. Dabei hat sie ihn, bevor sie hierher zog, nur einmal gesehen, auf der Kamtschatka-Halbinsel, Tausende Kilometer von hier. Ihr gefiel die Stimme. Wissarion spricht leise und bestimmt. Er ist niemand, der befiehlt. Keiner, der schreit oder die Fassung verliert, so wie Elwiras Mann das tat, bevor sie sich von ihm trennte.

Seine Jünger reden von ihm wie von Gott

Wissarion weiss trotzdem, was er will. Seine Jünger reden von ihm wie von Gott. Viele sprechen von Schwingungen, Magnetfeldern oder kosmischer Energie in seiner Nähe. Bei wem das nicht wirkt, so heißt es, der ist nicht reif für die Wahrheit. Das Wort des selbst ernannten Heilsbringers findet Eingang in das "Letzte Testament", ein Werk, das schon jetzt dicker als die Bibel ist. Schriftführer ist Wadim, der sibirische Apostel, früher Schlagersänger der sowjetischen Gruppe Integral. Meistens redet Wissarion, als müsse er Poesiealben füllen. "Seid nicht böse", empfiehlt er, "erschreckt euch nicht selbst mit eurem Spiegelbild." Nicolai, ehemals Flottenoffizier, fragte Wissarion einmal, ob er zur Sekte ziehen solle. Da antwortete ihm der Heiland: "Ein Elefant, der Grasbüschel trägt, kann keine Balken mehr schleppen." Nikolai hat lange darüber nachgedacht. "Mich hat die Antwort sehr bewegt", sagt er. Irgendwie passt alles immer. Redet Wissarion von sich, sagt er: "Er".

Seine Jünger müssen sich selbst versorgen. Im Winter wird Holz gehackt, Frauen nähen und weben. Wer ein Haus bauen will, muss vorher Bäume fällen, wer Suppe isst, hat vorher Kohl gepflanzt. Die meisten sind arm. Radios, Waschmaschinen und Bonbons sind nicht erlaubt. Deshalb führt das deutsche Nachschlagewerk "Eurotopia" die Dörfer auch als "Öko-Gemeinde" auf. Das stimmt aber nicht. Wer hier lebt, der unterwirft sich der Ordnung einer Sekte. Selbst die Uhren laufen anders, denn Wissarion lehnt die Sommerzeit ab. Und die Kalender schreiben das Jahr 46 der Ära der Morgenröte.

Denn vor 45 Jahren wurde Wissarion, damals noch Sergej Torop, in Krasnodar in Südrussland geboren. Ein sowjetisches Kind wuchs heran, mit Pionierlager und Lenin-Stickern. Den Militärdienst absolvierte er bei einem Bautrupp in der Mongolei. Die Familie zog nach Sibirien um, er wurde Polizist und pinselte in der Freizeit Heiligenbilder. "Er erzählte uns von Erscheinungen", erinnert sich seine Schwester Irina, die am Festtag Pfannkuchen an Pilger verkauft. "Ich machte mir große Sorgen, und meine Mutter war geschockt."

Seine erste Predigt hält Wissarion am 18. August 1991, es ist der Tag des ersten Putsches im neuen Russland. Michail Gorbatschow sitzt in der Staatsdatscha gefangen, für drei Tage übernehmen Geheimdienstler die Macht. Im Fernsehen läuft Schwanensee. Keiner weiß, wie es weitergehen soll mit dem Land, auf das jedes Kind zwischen Magadan und Brest, Taschkent und Murmansk immer stolz gewesen ist. Der größte Staat der Welt löst sich auf wie eine Brausetablette. Ein neuer Jesus wirkt in dem Chaos fast normal.

Wissarion reist oft nach Moskau in dieser Zeit. Die Perestroika hat alles auf den Kopf gestellt. Esoteriker, Prediger und Sekten haben Konjunktur. Wissarion spricht in Kulturhäusern und Kirchlein. Wenn er Straßenbahn fährt, zieht er sein rotes Dienstkleid aus, weil er Angst hat, die Leute könnten lachen. Er trägt eine abgewetzte Jacke und sieht schüchtern aus, nach Provinz. Das sagt Sergej Tschewalkow, ehemaliger Oberst der Raketentruppen und Lehrer an der Militärakademie in Moskau. Jahrelang war Sergej dafür zuständig, sowjetische SS-20-Raketen in Stellung zu schieben. Dafür belohnte ihn die Armee mit einer Dreizimmerwohnung in Moskau. Das Verteidigungsministerium bot ihm sogar den Rang eines Generals an. Doch Sergej hatte innerlich längst gekündigt. Nach Dienstschluss diskutierte er in Gesprächskreisen Indianerglauben. Vom Erlös seiner Moskauer Wohnung kauft er Wissarion ein Haus.

Der sanfte General der Gemeinde

Sergej ist heute der sanfte General der Gemeinde, ihr Organisator und Vorbeter. Denn Sergej ist überall. Er übt Tänze ein, betet, dichtet, und die Liturgie ist auch von ihm. Er bestreitet den Morgen-, Mittags- und Abendgottesdienst. Er ist der Stratege, organisatorische Meisterleistungen wie der Bau einer "Stadt der Sonne" sind nur seiner militärischen Erfahrung zu verdanken.

Natürlich war auch die neue Siedlung eine Idee von Wissarion. Dafür wählte er persönlich ein Stück verwachsene Taiga aus, tiefen Wald. Schon die Wanderung dorthin dauerte Stunden. Es gab nicht mal Trampelpfade. Monatelang hausten Sergej und ein paar andere in Zelten, selbst im Schnee, bei minus 40 Grad. Wissarion befahl, alle Bäume nur mit einfachen Sägen zu fällen, denn der Gebrauch von Motorsägen zerstöre die Balance der Natur. "Ich habe jeden Baum umarmt, bevor wir ihn gefällt haben", sagt Sergej.

Er ließ 600 Kilogramm schwere Kirchenglocken auf speziell angefertigten Schlitten auf den Berg ziehen. Er konstruierte einen Pferdekran, der das schwere Baumaterial hinaufhievte, unter anderem die Blechdächer für Wissarions Haus. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch, weil die Jünger nicht so diszipliniert schuften konnten wie früher die Soldaten. Irgendwann, er wog nur noch 47 Kilogramm, bat er den Meister um Verzeihung, dass die Taiga-Stadt mit großer Verzögerung entstehe. Wissarion vergab seinem Diener.

Auf dem Gipfel des Berges ließ sich Wissarion ein schmuckes Häuschen errichten, die Welt zu Füßen. Fünf Kinder, eine Ehefrau und die Geliebte gehören zu seinem Haushalt. Nebenan lebt sein Apostel Wadim, stets zur Stelle, wenn der Meister ein Wort für die Nachwelt spricht. Auch Wachpersonal wohnt hier, obwohl außer Jüngern nie jemand kommt. Ein Gärtner pflegt täglich die Blumen.

Die Bewohner der "Stadt der Sonne" haben ganz andere Probleme. Der Waldboden ist bis heute fast unfruchtbar. Vor einem Jahr noch gab es Werkstätten und Ateliers, die Geld einbringen sollten. Doch die Gartenarbeit raubt ihnen Zeit und Kraft. Noch immer fehlt eine Straße. Wer in die Siedlung will, klettert drei Stunden lang über Pfade auf den Berg. Die Bewohner schleppen Lebensmittel auf ihren Rücken hoch. Einzig Wissarion hat ein Quad, ein Motorrad auf vier Rädern, auf dem er ins Tal braust. Seine Jünger haben für die Trasse wochenlang den Wald gerodet. Jetzt bauen sie ihm ein neues Haus in der Sonnenstadt. Rauscht er an ihnen vorbei, stehen sie ehrfürchtig am Wegesrand.

Längst scheint es, als schwebe Wissarion wie ein Geist über allem. Früher, als er noch im Dorf lebte, machte er seinen Jüngern selbst die Tür auf. Wer ihn heute sehen möchte, braucht großes Glück. Sein Haus liegt zwei Autostunden und vier Stunden Fußmarsch von Petropawlowka entfernt. Dort thront er über den Dörfern, fast unerreichbar.

Unter den Füßen glitscht der Matsch

Es ist fünf Uhr früh, der zweite Tag des Festes. Ein kalter, feuchter Morgen, unter den Füßen glitscht der Matsch. Hundert Frauen, viele in Rüschenkleidern, marschieren aus dem Dorf in die Taiga. Nebel wabert über Petropawlowka. Die Frauen wollen sich an einer Waldquelle waschen. Manche singen, andere erzählen Geschichten. Lydia aus Moskau berichtet, wie sie sich mit Hasen unterhielt. Im Wald ziehen sich einige Frauen nackt aus und danken Mutter Erde.

Anais trägt Gummistiefel und hat ein Einweckglas mitgebracht, denn sie will Wasser aus der Quelle holen. Es gilt als heilig, seit Sergej, der Priester, es gesegnet hat. Sie lebt seit drei Jahren in Sibirien. Ihre Geburtsstadt ist ihr so nah wie der Mond. Kein Gedanke mehr an Köln, kein Heimweh. "Ich habe mich Jahre auf den Umzug vorbereitet." Anais ist 23 Jahre alt.

Schon früh war klar, dass ihr Leben nicht ganz so verlaufen würde wie das einer Musterschülerin, mit Banklehre, Bausparvertrag und einer Nummer bei der Bundesanstalt für Angestellte. "Mit fünf Jahren spürte ich in meinem Herzen, dass etwas sehr Wichtiges passieren würde", sagt Anais. Ihre Mutter ahnte das noch früher. Zur Geburt fuhr sie aufs Land, denn sie fühlte, das Baby mag keine Stadt. Sie fand ein Holzhäuschen. Dort spukte es. Erst als die Fruchtblase laut platzte, sagt Anais, flüchteten die Gespenster. Die Mutter bettete das Baby auf ein rotes Samtkissen, und es trug die Nabelschnur wie einen Orden um den Hals.

Als Anais 13 Jahre alt war, sah sie bei ihrer Mutter ein Foto von Wissarion. Sie dachte, das muss Jesus sein. "Mir ging das Herz über", sagt Anais. "Es war, als würde ich ganz viele Glocken hören. Ich konnte mein Herz nicht hintergehen. Ich wusste, er ist es." Mit 14 beschloss sie, nach Russland zu ziehen. Kurz vor dem Abflug erfuhr das Jugendamt von dem Plan. Der Bundesgrenzschutz hielt Anais am Flughafen fest. Das stoppte sie nur kurz. Trotzig sparte sie Geld und machte nebenbei das Abitur an der Waldorfschule. Dann wanderte sie aus. "Ich könnte nicht glücklicher sein", sagt Anais.

In der Holzhütte steht ein Bett, drei Stühle, ein Tisch

Mit ihrem Mann Oleg teilt sie sich eine winzige Holzhütte. Ein Bett, drei Stühle, ein Tisch. Derzeit baut Oleg einen Ofen, der vor Wintereinbruch fertig werden muss. Die beiden haben einen Garten und seit neuestem eine Ziege, die Ewa heißt. Wissarion sagt: Junge Frauen dürfen Milch trinken. Oleg, ihr Mann, nicht. Er ernährt sich vegan, kein Fleisch, keine Eier. Anais will zu Kräften kommen. Sie ist mager geworden, und Oleg will bald ein Baby. Das Leben kommt ihr sehr leicht vor, sagt sie. Dabei ist es nicht leicht, eine Ziege zu melken. Es ist auch nicht leicht, von Kohl satt zu werden. Aber es ist auch nicht leicht, in Deutschland den richtigen Weg zu finden und dabei auch noch sich selbst. Vielleicht ist es das, was Anais meint.

Aber Anais redet nicht so. Sie sagt: "Ich war wie ein Vogel, bevor ich meinen Mann kennenlernte, ich bin rumgeflogen, war sprunghaft, jetzt trage ich Verantwortung, wir haben einen Garten und eine Ziege." In der Nähe Wissarions spürt sie Wirbel, sie kann fliegen, und sie ist dankbar, dass sie weiß, wo sie hingehört. Sie findet auch, dass Frauen viel öfter dem Mann nachfolgen sollen, weil das natürlicher ist: "Der Mann zeigt den Weg, die Frau sagt einverstanden." Sie glaubt an Außerirdische und den Weltuntergang. Im Dorf bemalt sie Holzbrettchen oder sortiert Zedernkerne aus, die zum Wohle der Gemeinschaftskasse verkauft werden.

Anais ist nicht die einzige Deutsche. Es gibt sogar ein deutsches Gästehaus, in dem die Hausordnung vorschreibt, mit wie viel Wasser die Toiletteneimer ins Plumpsklo entleert werden sollen. Hermann, 61, zog nach einer Scheidung und dem Tod seines Sohnes nach Sibirien. Christoph und Isabel leben in Scharowsk, einem besonders schönen Dorf mit einem tosenden Fluss, auf dem im Frühjahr die Eisschollen treiben. In Scharowsk gibt es keinen Strom, und im Sommer plagen die Mücken noch schlimmer als anderswo. "Die Naturkräfte", sagt Christoph, "sind hier besonders stark."

Christoph und Isabel haben sich ein zweistöckiges Haus am Dorfrand gekauft, mit einem großen Garten. Es ist aus dunklem Holz. "Wie eine Waldhöhle", sagt Isabel. Dahinter beginnt die Wildnis. Überleben ist harte Arbeit, denn die Familie isst, was im Garten wächst. Morgens schaut Christoph in den Mondkalender, der gibt den Rhythmus vor. Mal ist Blatt-Tag, dann wird der Salat gepflegt, mal Frucht-Tag, dann sind die Erbsen dran. "Du musst nur auf die Natur hören", sagt Christoph, "dann ist alles leicht." Isabel backt Brot. Das ist schwierig, der Ofen wird mit Holz geheizt, und sie weiß nie, ob die Temperatur stimmt. Christoph träumt davon, sich eines Tages von Licht zu ernähren.

Absurd, als Datenarbeiter weiterzuarbeiten

"Ich habe mal als Datenverarbeiter gearbeitet", erzählt Christoph. "Es war absurd, mir vorzustellen, dass ich damit mein Leben verbringen würde." Als er Isabel in Berlin traf, begann ihre Suche. Sie schlugen sich als Straßenmusiker durch, wurden Schäfer in Frankreich, probierten Öko-Gemeinschaften in Griechenland, Spanien, in der Schweiz aus. Irgendwann hörte Christoph von Sibirien. Als sie umzogen, war Samson, ihr Sohn, ein Jahr alt. Heute ist er sechs und spricht perfekt Russisch. Seine Eltern nicht. Sie leben ein bisschen isoliert deswegen, aber Christoph und Isabel ist das eigentlich recht. Von ihren Ersparnissen gönnen sie sich einmal im Jahr eine Reise in die Heimat. Isabel genießt das. Sie läuft gern durch Kaufhäuser Es dauert mehrere Monate, bis sie sich danach wieder an Sibirien gewöhnt hat.

Einmal hatte Isabel genug von Russland und schlug Christoph vor, umzuziehen. Nach China, ein neues Abenteuer. Aber Christoph wollte nicht. "Wir laufen nur vor uns selber weg", sagte er.

Am dritten Tag des Festes fahren die beiden über die holprige Straße nach Petropawlowka. Denn am Abend soll Wissarion erscheinen. "Verschmelzung" heißt das Ritual, es ist der Höhepunkt des Festes, aber mit Sex hat das nichts zu tun. Hunderte drängeln sich vor der Kirche. Kerzen werden angezündet, Loblieder auf Wissarion angestimmt. Dann kommt er. Er sieht aus wie immer. Er trägt ein langes Gewand, cremefarben. Er schweigt. Wünscht einen Guten Abend. Er spricht vom Wetter und vom Fest. Dann verschwindet er wieder. Christoph sagt hinterher von sich, er habe geweint.

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