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Streubomben in Libanon: Tödliches Spielzeug

Sie sehen aus wie harmloses Spielzeug, sind jedoch eine tödliche Gefahr: Streubomben. Im Gespräch mit stern.de schildert ein Beobachter seine Eindrücke aus dem Krisengebiet.

Von Malte Arnsperger

Bläuliche kleine Bälle, schwarze Dosen mit Henkel, gelbe Taschenlampenbatterien: Interessantes Spielzeug finden viele libanesische Kinder derzeit auf der Straße. Doch diese harmlos anmutenden Objekte entpuppen sich spätestens bei der ersten Berührung als lebensgefährliche Bedrohung. Es sind nicht-detonierte Streubomben, abgeworfen vom israelischen Militär. "Sie liegen überall rum. Am Ortsrand, im Garten, in Tabakpflanzungen", sagt Martin Glasenapp von der Hilfsorganisation "medico international" stern.de .

Glasenapp ist gerade von einer einwöchigen Erkundungstour im Süden des Landes zurückgekehrt. Mit erschütternden Eindrücken. Denn die Streubomben wurden vielerorts über bewohntem Gebieten abgeworfen und stellen nun eine ständige Gefahr für die Bevölkerung, insbesondere Kinder dar. "Sie sind bunt und deshalb so verlockend. Das erste verletzte Kind hat es schon kurz nach dem Waffenstillstand gegeben", sagt Glasenapp. "Die Bomben zerfetzen Hände, Füße oder das Gesicht, machen blind und sind oft ein tödliches Spielzeug."

UN: "Ein Skandal"

Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) fielen seit Kriegsende 13 Menschen Explosionen von Blindgängern zum Opfer; etwa 50 wurden schwer verletzt. Die Zahl der im Laufe des jüngsten Krieges nicht-explodierten Bomben im Libanon wird auf 100.000 geschätzt. Der israelische Streubombeneinsatz besitzt nun auch bei der UN höchste Priorität. UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland hat Israel scharf kritisiert. Jeden Tag würden Menschen durch die Waffen verstümmelt, verletzt oder getötet. "Es ist ein Skandal, dass wir rund 100.000 nicht explodierte Bomben dort haben, wo Kinder, Frauen, Zivilisten, Ladenbesitzer und Bauern nun langgehen werden", sagte Egeland bei einer Pressekonferenz.

Nach internationalem Recht ist der Einsatz von Streubomben in Wohngebieten verboten. Denn die Waffe hat zwei Eigenschaften, die sich verheerend auf die Zivilbevölkerung auswirken. Zum einen sind die Bomben nicht zielgerichtet. Der Behälter, abgeworfen etwa aus einem Flugzeug, setzt hunderte kleiner Sprengkörper frei, die sich über ein großes Gebiet verteilen. Ein viel größeres Problem für die Zeit nach dem Bombardement stellt jedoch der große Anteil der nicht-explodierten "Bombletten" dar. "Die Streubomben haben eine sehr hohe Fehlerrate. Bei manchen liegt sie bei 20 bis 30 Prozent", sagt Thomas Gebauer, Geschäftsführer von "medico international" zu stern.de. "Durch diese Fehlerquote wirken sie defacto wie Anti-Personen-Minen, weil sie oft sofort bei der Berührung explodieren."

Und auch die Gewohnheit wird vielen Libanesen zum Verhängnis. Denn abertausende nicht-explodierter Bomben sind auch eine Hinterlassenschaft des ersten Libanon-Kriegs Anfang der 80er-Jahre. Doch deren Fundorte waren in der Bevölkerung weitgehend bekannt, erzählt Martin Glasenapp. Aber nun sind viele Streubomben auch über Tabakplantagen abgeworfen worden. Eine tödliche Gefahr, denn zwischen den Pflanzen sind sie nur schwer zu erkennen und deshalb nur mit Mühe zu entfernen, sagt Glasenapp.

Trotzdem geht es im Libanon nun darum, die Streubomben zu finden und zu entschärfen. So sind etwa Mitarbeiter der britische Hilfsorganisation MAG (Mines Advisory Group) seit dem Ende des Krieges unterwegs und suchen nach Streubomben-Überbleibseln und anderen Blindgängern. Eine aufwändige, gefährliche und teure Aufgabe, sagt Thomas Gebauer. Doch sollte sich die internationale Gemeinschaft, anders als im Irak, Afghanistan oder in vielen afrikanischen Ländern, auf die nötige Finanzierung einigen, könnte die Entschärfung "relativ schnell" geschehen, sagt Gebauer, ohne sich auf eine genaue Dauer festlegen zu wollen.

Untersuchung gefordert

Die UN haben mittlerweile eine Stellungnahme von Israel über den Einsatz der Streubomben eingefordert. Vor allem, da angeblich 90 Prozent der Sprengsätze in den letzten 72 Stunden des Konflikts abgeworfen wurden. "Schockierend und vollkommen unmoralisch" sei dies, sagte UN-Koordinator Egeland. Auch Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat gefordert, die UN sollten den Einsatz von Streubomben durch Israel untersuchen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich von dieser Forderung ausdrücklich distanziert, der Zentralrat der Juden hatte Wieczorek-Zeul deshalb sogar anti-israelische-Stimmungsmache vorgeworfen. Aber auch Thomas Gebauer unterstützt die Ministerin. "Ich halte das für vernünftig, denn es könnte ein Verstoß gegen die Genfer Konvention bedeuten." Und ähnlich wie Wieczorek-Zeul ist auch Gebauer für ein generelles Verbot der Bombe, die auch in Munitionlagern der Bundeswehr noch lagere. "Dieser Waffe muss der Riegel vorgeschoben werden. Sie ist einfach unkontrollierbar."

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