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Abstimmung trotz Pandemie Mitten im Lockdown: Corona-Hotspot Portugal wählt Präsidenten

Die Coronakrise ist in Portugal inzwischen schlimmer als in vielen anderen Ländern. In Krankenhäusern ist von Kriegszuständen die Rede – und dennoch wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Das löste Angst, Unverständnis und Kritik aus.

Ungeachtet der schlimmen Pandemielage fand am Sonntag in Portugal die Präsidentenwahl statt. Laut ersten Medienprognosen ist Staatsoberhaupt Marcelo Rebelo de Sousa wie erwartet schon in der ersten Runde für eine zweite fünfjährige Amtszeit wiedergewählt worden. Nach einer Erhebung des als sehr zuverlässig geltenden staatlichen Fernsehsenders "RTP" erhielt der konservative Politiker und frühere TV-Journalist und Jura-Professor (72) zwischen 57 und 62 Prozent der Stimmen. Andere TV-Sender und Medien veröffentlichten kurz nach Schließung der letzten Wahllokale ähnliche Zahlen.

Dass überhaupt gewählt wurde, löste jedoch viel Unverständnis und Kritik aus. Ranghohe Politiker, aber auch Schriftsteller, Unternehmer und Schauspieler hatten eine Verlegung gefordert.

Portugal führt traurige Corona-Weltrangliste an

Kein Wunder: Das Coronavirus wütet in dem auch bei Deutschen beliebten Urlaubsland derzeit schlimmer als in vielen anderen Ländern der Welt. Die Zahlen gehen überall zwischen Algarve und Douro-Tal enorm in die Höhe. Das Land im äußersten Südwesten Europas, das lange vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie kam, wurde gerade von Deutschland zum Hochrisikogebiet erklärt.

Wie das Portal "Our World in Data" anhand der jüngsten Daten der amerikanischen Johns Hopkins Universität errechnete, lag Portugal am Wochenende mit 1.196 Neuinfektionen pro Tag und pro Million Einwohner im Schnitt der vergangenen sieben Tage mit großem Vorsprung vor Israel (832) sogar ganz oben in der traurigen Weltrangliste. Zum Vergleich: Deutschland hatte hier einen Wert von 168.

Am Samstag hatten die Gesundheitsbehörden mit 15.333 Neuinfektionen binnen 24 Stunden und 274 weiteren Toten abermals Höchstwerte gemeldet. Ein Rekord jagt den anderen. Die Zahl der Neuinfektionen binnen 14 Tagen pro 100.000 Einwohner nähert sich der 800er-Marke, die noch nirgendwo erreicht wurde. Seit Ausbruch der Pandemie gab es bereits mehr als 10.000 Tote.

Liberaler Präsidentschaftskandidat: "In unseren Krankenhäusern herrscht eine Kriegssituation"

Aber es sind nicht nur die Zahlen, die inzwischen auch manch einem Corona-Skeptiker einen Schauer über den Rücken jagen. Die Bilder aus den Krankenhäusern sind erschreckend. Am Freitag standen Rettungswagen vor der Notaufnahme des Hospitals Santa Maria in Lissabon in einer Schlange, die sich kaum bewegte und immer länger wurde. Die Intensivbetten weisen bereits eine Auslastung von durchschnittlich rund 90 Prozent auf. Wichtige Operationen werden abgesagt, Ärzte und Krankenpfleger sind am Rande ihrer Kräfte.

"Wegen der Bilder konnte ich nachts kaum einschlafen", bekannte die TV-Journalistin Rita Ferro Rodrigues. Der liberale Präsidentschaftskandidat Tiago Mayan klagte: "In unseren Krankenhäusern herrscht eine Kriegssituation." Der Chef der Abteilung für Pneumologie am Universitätskrankenhaus Coimbra, Carlos Robalo Cordeiro, sagte der Zeitung "Público" am Sonntag: "Die Lage ist desaströs. Wir betreiben hier fast Katastrophen-Medizin. So etwas hat man noch nie gesehen, eine Tragödie."

Bereits vor einigen Tagen hatte der sozialistische Ministerpräsident António Costa von "besonders dramatischen Zahlen" gesprochen und die 10,3 Millionen Bewohner des Landes aufgerufen, daheim zu bleiben. Für Sonntag galt das nicht. Eine Verlegung sei verfassungsrechtlich nicht möglich, beteuerte Rebelo de Sousa. Einige Rechtsexperten stimmten ihm zu, andere widersprachen. Aber es blieb beim Termin.

Lange Schlangen vor den Wahllokalen

So mussten diejenigen, die ihr Recht ausüben wollten, mangels Möglichkeiten zur Briefwahl hinaus – und hoffen, dass die Plakate mit der Aufschrift "Votar é seguro" ("Wählen ist sicher") die Wahrheit versprachen. Sie hatten nicht nur die Qual der Wahl, sondern auch eine Wahl der Qual.

Bei vielen wuchs der Unmut am Sonntag noch um einiges. "Ich stand um fünf vor acht vor dem Wahllokal, das um acht aufmachen sollte. Erst um 8.30 Uhr war es aber soweit. Deshalb haben sich schnell lange Schlangen gebildet", erzählt Berufstaucher Filipe. João Pedro Fernandes schäumt vor Wut. "Es gab Riesenschlangen, ich musste auch unendlich lange warten." Es habe nicht einmal Sonderschlangen für Ältere gegeben. "Eltern waren mit Kinderwagen da, ein Chaos."

Portugal paradox, meinen viele. Denn während Ausnahmezustand mit strengem Lockdown herrscht, und neben Restaurants, Cafés und Gyms auch Strände, Parks und Spielplätze, Kirchen, Kitas, Schulen und Unis geschlossen bleiben, muss sich der pflichtbewusste Bürger zur Stimmabgabe in größeren Ansammlungen tummeln.

les / Emilio Rappold DPA

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