US-"Neocons" Weltpolizist im "vierten Weltkrieg"


Die neokonservative Vorstellung, die USA müssten ihren globalen Führungsanspruch präventiv durchsetzen, wurde zur "Bush-Doktrin". Doch seit Monaten tobt ein heftiger Streit im rechten Lager über den Kurs Amerikas.

Die umstrittene Politik von US-Präsident George W. Bush basiert wesentlich auf dem Einfluss neokonservativer Ideen und neokonservativer Regierungsmitglieder wie Vize-Präsident Dick Cheney oder Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz. Inzwischen aber ist die Rechte in den USA - vor allem über die Irakkrieg - tief zerstritten. Nach der Präsidentenwahl am 2. November droht eine "Nacht der langen Messer" unter den rechten Ideologen, sagt nicht nur die Zeitschrift "U.S. News" voraus. "Wenn Bush verliert, werden die Pragmatiker (bei den Republikanern) den Irakkrieg für die Niederlage verantwortlich machen", meint Professor John Pitney vom Claremont McKenna College.

"Neocons wollen Weltpolizisten spielen"

Seit Monaten tobt ein heftiger Streit im rechten Lager. Traditionelle Konservative und verschiedene Vertreter der - nirgendwo organisierten - Neokonservativen streiten über den Kurs Amerikas. "Die Neocons wollen, dass wir den Weltpolizisten spielen, aber wir wollen nicht Don Quichotte sein, der alles Unrecht in der Welt korrigieren will", meinte in einem Zeitschrifteninterview der angesehene konservative Publizist Richard Viguerie.

Die Kritik an den Neokonservativen entzündet sich vor allem am Irakkrieg. "Wir sind in den Krieg mit enormen Illusionen gezogen", gestand der neokonservative Historiker Francis Fukuyama und sprach von einem "Versagen der Regierung". Andere Neokonservative betrachten den Krieg dagegen noch immer als Erfolg. Wolfowitz hatte laut der "Washington Post" ohnehin erkennen lassen, dass keineswegs die angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddams zentraler Kriegsgrund gewesen seien.

Bush war nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 weitgehend den Vorstellungen der "Neocons" gefolgt. Verkürzt bedeutet das, dass sich die USA - nach dem Ende des Kalten Krieges - nun in einem "vierten Weltkrieg" gegen den sich radikalisierenden Islamismus befänden. Die Vorstellung, die USA müssten ihren globalen Führungsanspruch und ihre Sicherheitsinteressen offensiv und präventiv durchsetzen, wurde zur "Bush-Doktrin". Er folgte den Neokonservativen auch in der Vorstellung, dass die Verbreitung von Demokratie und Freiheit das beste Mittel gegen eine drohende Konfrontation mit einem radikalen Islam und dem Terrorismus seien - und der beste Schutz für Israel, das für die "Neocons" eine überragende Bedeutung hat.

Die neokonservativen Analysen fanden bei der protestantischen Rechten, aber auch im Katholizismus Widerhall. Bush ließ sich vom neokonservativen Geschichtsbild überzeugen. Der Kampf gegen Hitler habe gezeigt, dass Versuche, ihn mit Verhandlungen und Nachgeben von seinen Kriegsabsichten abzubringen, sinnlos waren. Der Kalte Krieg habe belegt, dass nur eine Politik der Stärke das Sowjetreich zum Einsturz gebracht habe. Und der israelisch-palästinensische Konflikt demonstriere, dass sich auf arabischer Seite letztendlich immer die Extremisten durchsetzten. Aus all dem folge das Gebot einer imperialen US-Politik.

"Aufräumen keineswegs zu Ende"

Inzwischen aber sind die Zweifel in Washington gewachsen. "Die Stunde der Neokonservativen geht zu Ende", schrieb der konservative Ex-Präsidentschaftsbewerber Pat Buchanan. Viele US-Kommentaren meinen allerdings, dass die "Neocons" bei einem Wahlsieg von Bush keineswegs an Einfluss verlieren. Zu sehr sei er ideologisch festgelegt. Der neokonservative Publizist Norman Podhoretz deutete wie schon andere vor ihm an, dass das Aufräumen im Nahen Osten noch keineswegs zu Ende sei. Die USA könnten der Entwicklung in Iran nicht tatenlos zusehen, meinte er jüngst.

Laszlo Trankovits/DPA DPA

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