Vatikan "Betet und seid beruhigt"

Es ist nicht das erste Mal, dass der Papst im Krankenhaus liegt. Doch diesmal scheint die Lage ernster als zuvor. Möglicherweise wurde nicht ganz zufällig in den letzten Wochen über einen Nachfolger spekuliert.

Die Ärzte im Vatikan handelten schnell und entschlossen, nur der Patient stellte sich stur: Trotz akuter Atem- und Schluckbeschwerden beim Abendessen am Dienstag soll sich Papst Johannes Paul II. anfangs partout geweigert haben, ins Krankenhaus zu gehen. Erst Stunden später, um 22.50 Uhr, kommt der 84-Jährige in den Krankenwagen. Ohne Blaulicht gleitet die Ambulanz durch die kalte römische Nacht dem Gemelli-Krankenhaus entgegen - öffentliches Aufsehen soll vermieden werden. "Betet und seid beruhigt!", ermahnte Papst-Privatsekretär Stanislaw Dziwisz die engsten Vertrauten.

Was sich dort genau abspielt, bleibt ein Geheimnis

Das dürfte Millionen von Gläubigen rund um den Erdball nicht ganz leicht fallen. Von seiner polnischen Heimat bis nach Manila auf den Philippinen versammeln sich Menschen zum Gebet. Die offiziellen Äußerungen des Kirchenstaates klingen nicht gerade optimistisch: Von Atemhilfen ist die Rede, von "Stabilisierung des Krankheitsbildes". Was fehlt ist das entscheidende Wort, auf das die Gläubigen in der Welt warten: Besserung.

"Ich glaube, wir können beruhigt sein. Heute gibt es keinen Grund zum Alarm", sagt Vatikan-Sprecher Joaquín Navarro-Valls. Das soll beruhigen, klingt aber eher matt. Mittlerweile belagern hunderte Journalisten das Gemelli-Krankenhaus, die Kameras der großen internationalen Fernsehgesellschaften sind auf die "Papst-Fenster" im zehnten Stockwerk gerichtet. Was sich dort genau abspielt, bleibt ein Geheimnis.

Bei früheren Krankenhausaufenthalten erzählte der Papstsprecher süffisant die Witze, mit denen der Papst Ärzte und Schwestern erheitert habe - diesmal hieß es lediglich, es habe eine Messe am Krankenbett gegeben. Seine bisher schwersten Stunden hat der Papst hier im Gemelli-Krankenhaus verbracht: nach dem Attentat 1981, als ihn Schüsse des Türken Mehmet Ali Agca schwer verletzten, und in den 90er Jahren, als er am Darm, an der Hüfte und am Blinddarm operiert werden musste. Alles schon lange her.

"Zäh und manchmal stur ist der alte Pole"

Dabei schien es dem alten Mann in seinem 27. Amtsjahr alles in allem gar nicht so schlecht zu gehen. Die schweren Gesundheitskrisen aus dem Jahr 2003, als er bei einer Reise in die Slowakei nicht mehr sprechen konnte und kurz vor dem Zusammenbruch war, schienen längst vergessen. Ärzte im Vatikan munkelten von neuen Medikamenten, einer besseren Diät - regelrecht erstarkt zeigte sich der Kirchenmann, zumindest zeitweise. "Zäh und manchmal stur ist der alte Pole", hieß es mitunter ironisch im Kirchenstaat. Sogar die Spekulationen über einen möglichen Rücktritt des 264. Papstes in der Kirchengeschichte verstummten.

Dabei wissen auch Optimisten unter den Vatikaninsidern sehr wohl, dass der "Athlet Gottes" seit vielen Jahren schwer angeschlagen ist. Eine schwere Erkältung, eine Grippe bedeutet selbst für "normale" alte Menschen akute Gefahr - auch ein Papst ist davon nicht ausgenommen. Und Millionen Menschen konnten miterleben, wie sich der von Parkinson geschwächte alte Mann unlängst durch die Weihnachtsbotschaft kämpfte - jedes Wort wurde zur Qual.

Spekulationen über einen Nachfolger

Möglicherweise doch nicht ganz zufällig blühten gerade in den vergangenen Wochen erstmals wieder Spekulationen über einen Nachfolger. "Papst-Lotto" wird das Spiel in Rom genannt - Vatikaninsider spielen es seit Jahren mit Leidenschaft. Immer wieder hieß es in der Vergangenheit, Papst Nummer 265 der Kirchengeschichte könnte ein Kardinal aus der Dritten Welt werden, ein Lateinamerikaner etwa. Doch zum Jahresanfang überraschten erfahrene Vatikanisten erstmals mit einem Mann, der bislang als krasser Außenseiter galt: der deutsche Kurienkardinal Joseph Ratzinger.

Doch noch weiß niemand außerhalb des Gemelli-Krankenhauses, was sich hinter den Fenstern des zehnten Stocks wirklich abspielt.

Peer Meinert und Carola Frentzen/DPA DPA

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