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Wahl in Kuba: Der Herbst des Patriarchen

Am Sonntag wählt Kuba ein neues Parlament. Auch Fidel Castro ist Kandidat. Die Wahl könnte die Rückkehr des kranken Alten an die Spitze der Regierung sein - oder ein weiterer Akt im seit eineinhalb Jahren inszenierten langsamen Abgang des Staats- und Parteichefs.

Von Toni Keppeler

Es ist wie einst in der Sowjetunion: Nichts genaues weiß man nicht. Wer etwas über die Zukunft Kubas wissen will, muss die Kunst des Kaffeesatzlesens beherrschen. Fünfzig Jahre lang war alles klar. Die Personalpolitik der Regierung in Havanna kannte nur einen zentralen Namen: Fidel Castro. Doch seit der jetzt 81-Jährige am 31. Juli 2006 seine Ämter wegen einer Notoperation am Darmtrakt vorübergehend an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Raul abgab, lässt sich nichts mehr sicher voraussagen. Mal sieht es so aus, als würde der Alte wieder vom Krankenlager aufstehen und zurückkehren an die Macht. Mal deutet er an, er habe die Zeichen der Zeit verstanden und ziehe sich auf die Rolle des "elder statesman" zurück, der den Jungen hin und wieder ein paar weise Ratschläge erteilt. Das Parlament, das am Sonntag gewählt wird, muss endlich Klarheit schaffen: Bis zum 5. März müssen die Parlamentarier aus ihrer Mitte den Präsidenten des Staats- und Ministerrats wählen. Sollte der dann nicht mehr Fidel Castro heißen, wäre die Wachablösung vollzogen.

Er hat sich zumindest die Möglichkeit einer Rückkehr offen gehalten. Am 2. Dezember hatte die "Granma", das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas, angekündigt: Fidel Castro ist bei Parlamentswahl vom kommenden Sonntag Kandidat. Damit ist er gewählt. Für die 614 Plätze im Parlament gibt es nämlich genau 614 Kandidaten. Die Wähler können nur entscheiden, welchen Kandidaten sie ankreuzen wollen und welchen nicht. Oder sie können in einem besonderen Kästchen nur ein Kreuz machen, das dann bedeutet: Ich wähle alle. "Voto unido" nennt sich dieses Verfahren, "Einheitsstimme". Fidel Castro hat dazu aufgerufen, genau so abzustimmen. Erfahrungsgemäß tun das auch die meisten. Rund 5 Prozent der Wähler haben bei früheren Urnengängen ungültig gestimmt und einen leeren Zettel abgegeben. Weniger als 98 Prozent der gültigen Stimmen wären für Castro eine Schmach. Aber auch 50 Prozent würden ihm für das Abgeordnetenamt reichen.

Die Pflicht, sich nicht an Ämter zu krallen

Die auf fünf Jahre gewählten Parlamentarier haben nicht viel Arbeit. Sie treffen sich gerade zwei Mal im Jahr, um die Entscheidungen des Staats- und des Ministerrats abzunicken. Das kann auch ein kränkelnder 81-Jähriger. Die Frage ist, ob Fidel Castro sich wieder für das Amt des Präsidenten dieser beiden Räte zur Verfügung stellt. Diese Frage, so glaubten es die Kaffeesatzleser bis Anfang der Woche, wolle der Alte mit "Nein" beantworten. Am 17. Dezember hatte er im Fernsehen eine Erklärung verlesen lassen, die ganz am Ende einen viel sagenden Satz enthielt: "Es ist meine grundlegende Pflicht, mich nicht an Ämter zu klammern und noch weniger, den Aufstieg von viel jüngeren Leuten zu verhindern." Er sehe seine zukünftige Rolle eher als weiser Berater, der aus seinem reichen Lebensschatz "Erfahrungen und Ideen" beisteuert.

Das hört sich ganz nach einem anstehenden Generationswechsel an. Seinen 76-jährigen Bruder Raul kann Fidel mit den "viel jüngeren Leuten" kaum gemeint haben. Eher seinen ehemaligen Privatsekretär und jetzigen Außenminister, den hundertprozentigen Fidelisten Felipe Pérez Roque (42); vielleicht auch den Vizepräsidenten Carlos Lage (56), der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die vorsichtigen Marktöffnungen gemanagt hatte.

Fidel Castro schreibt Kolumnen

Fidel Castro hat sich in seiner langen Zeit der Rekonvaleszenz schon einmal als "elder statesman" geübt. Er veröffentlicht regelmäßig Kolumnen in den staatlichen Zeitungen, in denen er das Weltgeschehen kommentiert - den Klimawandel, die Debatte um Biodiesel und natürlich die Politik der USA, die er nur, wie sein Busenfreund Hugo Chávez in Venezuela, "das Imperium" nennt. Die Kubaner nahmen den durch die Krankheit erzwungenen Rückzug des vorher allgegenwärtigen Staats- und Parteichefs gelassen. Eigentlich fehlt nur noch der Rücktritt des Patriarchen, und der sanfte Übergang ins Zeitalter nach Castro wäre geglückt.

Doch dann kam Anfang der Woche Brasiliens Präsident Lula da Silva auf Staatsbesuch nach Havanna und plauderte zweieinhalb Stunden lang mit dem Rekonvaleszenten. Der sah - nach den hinterher veröffentlichten Bilddokumenten - zwar hager und faltig und grau aus. Über seinem Schlafanzug trug er die seit seiner Krankheit fast schon zum Markenzeichen gewordene rote Adidas-Jacke. Aber er scherzte und lächelte und wirkte aufmerksam. Da Silva lobte hinterher Castros "unglaubliche geistige Helligkeit" und "makellose Gesundheit". Und er sagte einen Satz, der sich vordergründig nach einer Rückkehr an die Macht anhört, letztlich aber alle Möglichkeiten offen lässt: "Ich glaube, dass Fidel bereit ist, die politische Rolle zu übernehmen, die er in Kuba hat."

Welche Rolle das ist, wird klar sein, wenn das neue Parlament den Präsidenten gewählt hat. Spätestens am 5. März also. Lula jedenfalls hat am Ende seiner Unterhaltung mit dem Alten schon einmal ein Erinnerungsfoto geschossen.

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