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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Abdanke, Merkel

Angela Merkel will aufhören - zunächst als CDU-Vorsitzende. Schon jetzt bringen sich mögliche Parteivorsitzende mit Kanzler-Swag in Stellung - oder warten darauf, dass es verdammt nochmal einer für sie tut.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Nach der Landtagswahl in Hessen gab Angela Merkel ihren Rückzug als CDU-Vorsitzende bekannt

Nach der Landtagswahl in Hessen gab Angela Merkel ihren Rückzug als CDU-Vorsitzende bekannt

Getty Images

Der Klimawandel ist in Berlin angekommen: Dieses Jahr kommt der Merz schon im Dezember! Aber dazu gleich mehr.

Angela Merkel zieht sich aus der aktiven Politik zurück. Manche behaupten, das hätte sie schon vor zehn Jahren getan. Offiziell ist 2021 endgültig Schluss mit "Mutti" (was, mit Verlaub, das bekloppteste Attribut aller Zeiten gewesen sein dürfte) - zumindest, wenn es nach der Parteivorsitzenden selber geht.

Das Amt hat sie in der Union seit 2000 inne. 18 Jahre. Das ist gar nicht so lang. Im Vergleich zu Fidel Castro. Oder Mao. 18 Jahre. In dieser Zeit hatte die SPD fast mehr Parteivorsitzende als Mitglieder. Es scheint tatsächlich sehr bald Wahrheit zu werden: Merkel ist weg.

AfD-Anhänger müssen ihre Pappschilder ummalen

Da gelten unsere Gedanken auch den unzähligen AfD-Anhängern, die demnächst in mühevoller Heimarbeit ihre Pappschilder ummalen müssen. Eine CDU, ja, ein Deutschland ohne Merkel? Man spürt förmlich die ratlosen Blicke: Ja, und wie? Was ist jetzt mit ihrem Sitz? Wird die da jetzt abgeschraubt? Muss man da mit dem Schweißgerät ran? Ist das überhaupt denkbar? Eine Nachfolgerin für die eiserne Merkel? Ja, muss man am Ende sogar darüber nachdenken, einen Mann zur Parteivorsitzenden zu machen?

Einer, dessen Zermürbungstaktik aufgegangen zu sein scheint, die Kanzlerin permanent ins Fadenkreuz zu nehmen, "Hatari Horst" Seehofer, lässt sich gar so zitieren: "Ich finde es schade." Sicherlich die bemerkenswerteste Äußerung, seit der saudische Prinz der Familie von Kashogghi Blumen geschickt hat. Nerven hat er, der Horst.

Scheibchenweise soll dieses Matriarchat zu Ende gehen. Geordneter Rückzug. Dass sie tatsächlich bis zum angepeilten Ende 2021 bleibt, scheint allerdings so realistisch wie ein kluger Satz von Andreas Scheuer.

Denn wer glaubt, dass es jetzt ruhig und geordnet drei Jahre zu Ende geht, der hat noch nie gesehen, was passiert, wenn man einen blutigen Hühnerknochen in ein Piranhabecken schmeißt. Oder es 99-Cent Leggins bei Primark am Wühltisch gibt.

Schon jetzt ist die domplattenartige Contenance mit Händen greifbar, mögliche Parteivorsitzende mit Kanzler-Swag bringen sich in Stellung - oder warten darauf, dass es verdammt nochmal einer für sie tut.

Diese Auswahl an Kandidaten gibt es auf dem Parteitag im Dezember - das muss einen ja förmlich fertigmachen als CDU-Mitglied: Da wäre zum einen Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich die einen gut vorstellen können. Zum anderen Friedrich Merz, den sich die anderen gut vorstellen können. Und Jens Spahn, den sich vor allem Jens Spahn gut vorstellen kann. Und Armin Laschet. Jetzt hören Sie doch bitte auf zu lachen.

Jens Spahn - eine Mischung aus "der kleine Prinz" und digitaler Pinata

Spahn kennen viele nur als Gesicht unzähliger Internet-Memes, in denen neben seinem Konterfei beeindruckend lebensferne Gedanken zu lesen sind. Eine Mischung aus "der kleine Prinz" und digitaler Pinata. Spahn schafft es seit längerer Zeit, seine Ambitionen so gut zu verstecken wie ein 14-Jähriger, der an der Supermarktkasse versucht, eine Flasche Bailey's zu kaufen.

Armin Laschet verwaltet als Ministerpräsident von NRW so etwas wie die größte Favela Europas, und so richtig weiß bis heute niemand, wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Kramp-Karrenbauer wiederum ist die bevorzugte Lösung von Merkel - was ihr größter Malus werden könnte.

Und dann ist da noch Friedrich Merz, der mit einer Art Wild Card wieder ins Unionsbusiness einsteigen will. Friedrich wer? Die Älteren werden sich erinnern: Der Mann war bis 2002 Fraktionsvorsitzender der Union, bis Merkel ihn 2004 am Ende einer langen Seehoferei komplett aus der Führung der Partei trieb. Er ist also durchaus ein interessanter Kandidat für all diejenigen, die so ziemlich das Gegenteil von "Mutti"-Fans sind und, so absurd das klingt, ein frischer Kopf. Neuer, frischer Kopf. Mit 63. Das kriegst du sonst nur auf dem ZDF-"Traumschiff" hin.

Es bleibt allerdings abzuwarten, wie die Partei mit jemandem umgeht, der sich damals einfach aus dem Staub gemacht hat.

Mit Friedrich Merz käme die soziale Kälte zurück

Dennoch: Merz ist mit Sicherheit der spannendste Aspirant. Mit ihm käme die soziale Kälte, der Neoliberalismus und Konservativismus zurück, nach dem sich diese Partei als Markenkern insgeheim so sehnt, und es böte sich eine inhaltliche Trennschärfe, die einer ganz anderen Partei nutzen würde: Wenn sie schlau sind, schreiben sich jetzt Tausende Sozialdemokraten heimlich bei der CDU ein, dass sie den Sauerländer zum Vorsitzenden wählen können. Womöglich sind sie aber auch gerade viel zu beschäftigt, die Handynummer von Björn Engholm herauszufinden.

Zurück zu Angela Merkel: Jetzt ihren Rückzug bekannt zu geben, ist eine beachtliche Konsequenz aus der politischen Entwicklung. Ein Anachronismus zur allgemein grassierenden Rücktrittsallergie. Und ein mutiger Schnitt und Schritt, sich selbst vor ihrer vollständigen Verkohlung zu bewahren.

Vor dieser Entscheidung (sowie ein paar anderen, die ihr das politische Leben gewiss nicht leichter gemacht haben) gebührt ihr: Respekt. Muss auch mal Spaß machen, sich den Zirkus demnächst aus der Distanz ansehen zu können.

Andreas Petzold: #Das Memo: Was der Merkel-Rückzug für die CDU bedeutet