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60 Jahre Menschenrechte: Jennys Traum vom Reiterhof

Hat Deutschland ein Problem mit den Menschenrechten? Ja, sagen die Experten. Weil Millionen Kinder in Armut leben müssen. Kein Geld für Schulsachen, kein Geld fürs Essen, kein Geld für den Kieferorthopäden. stern.de hat das Berliner Hilfsprojekt Arche besucht.

Von Mandy Schünemann

Jenny Gent sitzt mit ihrer Mutter am Esstisch. Heute gibt es Fisch. "Ein bisschen habe ich gegessen", sagt sie. "Doch so richtig schmeckt es nicht." Jeden Tag kommt die Achtjährige in das Berliner Hilfsprojekt "Die Arche", um eine warme Mahlzeit einzunehmen. Der Speiseplan ist ausgewogen und gesund, aber Jenny kann sich nur "halbwegs" damit anfreunden. Da ist ihr Mamas Küche lieber - aber die gibt es eben nur am Wochenende, der Familie fehlt es an Geld. Deshalb bleibt Jenny auch nachmittags in der Arche, geht ins Kids-Café, besucht den Nachhilfeunterricht oder spielt mit Freunden. Hier bekommt sie das, was ihre Eltern ihr nicht bieten können.

Kein Geld für eine Zahnspange

Aber auch nicht alles. Jenny müsste dringend zum Kieferorthopäden, wenn sie lacht, klaffen ihre Zahnlücken. Eine Zahnspange kann sich die Familie jedoch nicht leisten. "Wir gehen davon aus, dass etwa 16 Prozent der Kinder in Deutschland in relativer Armut leben", sagt Rudi Tarneden, Sprecher der Kinderhilfsorganisation Unicef. Betroffen seien vor allem Kinder von Migranten und Alleinerziehenden sowie Kinder von arbeitslosen Eltern.

"Wenn wir keine Perspektiven schaffen, kommen diese Kinder als Aufgabe für Sozialarbeit und Fürsorge auf die Gesellschaft zurück." Diese Perspektiven versucht die Arche zu vermitteln: 300 bis 400 Kinder werden dort täglich betreut. Doch richtig problematisch wird es erst dort, wo keine Arche und kein anderes Hilfsprojekt existieren. 60 Jahre nach Verkündung der Menschenrechte hat Deutschland auf diesem Feld ein großes Problem: die Kinderarmut, verbunden mit Benachteiligung und Ausschluss der Kinder.

Auch Kinder haben Rechte

Theoretisch zumindest haben Kinder einen Anspruch auf angemessene Lebensbedingungen. Dafür verantwortlich sind die Eltern, doch auch die Staaten müssen "im Rahmen ihrer Mittel geeignete Maßnahmen" treffen. So steht es in Artikel 27 der Kinderrechtskonvention, die 1992 von Deutschland ratifiziert worden ist. Die Konvention schreibt die noch sehr viel ältere Menschenrechts-Charta fort. Doch sie hat einen großen Haken: Die Rechte sind nicht einklagbar, selbst eine Beschwerde bei den Vereinten Nationen ist nicht möglich. Und Papier ist geduldig.

Jenny hat das Mittagessen hinter sich, jetzt geht es um andere Sorgen - ihre Schuhe. "Deine Stiefel können wir heute Abend wegwerfen", sagt ihre Mutter. Doch woher neue nehmen? Pullover, Hosen und Jacken holt sich die Familie aus der Kleiderkammer der Arche. Zu Weihnachten legen die Eltern dann mit der Oma zusammen, um noch fehlende Sachen zu kaufen.

Zwei Euro vom Nikolaus

Jenny freut sich über jedes Geschenk. "Vom Nikolaus habe ich zwei Euro bekommen", sagt sie stolz. Süßigkeiten waren auch dabei, darunter zwei Tafeln Schokolade. Maik (15) ihr großer Bruder, ist neidisch. Er hat nur eine Tafel bekommen, aber er nimmt es hin. Was soll er auch tun? Zwei Geschwister, die Mutter arbeitslos, der Vater Geringverdiener. "All meine Freunde kommen in die Arche", sagt Maik. Für ihn ist das Hilfsprojekt Alltag und Normalität geworden.

Wenn es um seine Zukunft geht, ist Maik noch ziemlich locker. Er besucht eine Hauptschule, bald hat er seinen Schulabschluss in der Tasche. Danach will er eine Ausbildung machen, um LKW-Fahrer zu werden. "Mich reizt das Autofahren", sagt er. Jenny denkt an Exotischeres: Sie will einen Reiterhof aufmachen. "Ich liebe Pferde", erzählt sie. "Im Sommer waren wir zelten, da durften wir reiten." Ihre Mutter lächelt bitter. Sie weiß, dass der Reiterhof wohl eine Sehnsucht ihrer Tochter bleiben wird. Die Zeltfreizeit hat die Arche veranstaltet.

Chancengleichheit herstellen

Allein in Berlin leben rund 36 Prozent der Kinder von Transferleistungen, also von staatlichen Hilfen wie Hartz IV. "Daraus ergeben sich gravierende Konflikte: Die Kinder schaffen nur mit Mühe den Hauptschulabschluss, danach sind sie oftmals arbeitslos. Sie haben keine Ziele, geschweige denn einen richtigen Berufswunsch", sagt Wolfgang Büscher, Sprecher der Arche. Um Chancengleicheit herzustellen, müssten sich Staat, Eltern und Verbände weit intensiver als bisher um Bildung kümmern. Da liegt für Büscher das größte Problem: "Das Recht auf Bildung wird in Deutschland noch längst nicht durchgesetzt. Hier werden Menschenrechte verletzt." Solange das so ist, besteht auch in Deutschland zum Jubiläumstag der Menschenrechte kein echter Grund zum Feiern.

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