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Agrarministerin Aigner stellt sich: Die Giftwolke über der Grünen Woche

Einen Tag nach ihrer Regierungserklärung eröffnet Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner die Sonderschau des Ministeriums auf der Grünen Woche in Berlin. Doch ihr gemütlicher Ausflug in Sphären der Sinne und Landwirtschaftsbereiche währt nur kurz - vor der Tür wartet die harte Dioxin-Realität.

Von David Bedürftig, Berlin

Breit grinsend geht Ilse Aigner auf die Kuh zu. Die Verbraucherministerin umarmt das schwarz-weiß gefleckte Tier herzlich, drückt ihm beinahe ein Küsschen auf die Fell-Wange. Karlotta, die Kuh, erwidert die Innigkeiten und legt gut gelaunt einen Arm um Aigner. Karlotta ist nämlich eine Frau, die in einem Kostüm steckt und wirbt für die Sonderschau "Lebensqualität schafft Zukunft - nachhaltig, vielfältig und innovativ" der Grünen Woche in Berlin. Die bunt gestaltete Halle der Messe bietet allerlei kleine Leckereien, Landwirtschaftsmaschinen und sogar kleine Ackerstücke. Weinköniginnen und Männer in Lederhosen sorgen zwischen pittoresken Häuschenattrappen für ländliches Flair.

Die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz stellt Journalisten die Ausstellung vor - und weiß sich in Szene zu setzen: Hier knabbert sie an Allgäuer Käse, dort probiert sie ein paar Nüsse oder hält demonstrativ Orangen in die Vielzahl von Kameras. Fotoapparate klicken um die Wette. TV-Teams drängeln sich. "Noch einmal hier her bitte, Frau Aigner!" Die Ministerin bleibt stets freundlich, dreht und wendet sich, scheint die Inszenierung zu genießen.

Denn die Show ist Honig für ihre gebeutelte Minister-Seele: Die Prügel, die sie seit dem Dioxin-Skandal vor drei Wochen einstecken musste, scheint in diesem Augenblick kaum noch zu schmerzen. Beflügelt schüttelt Aigner Hände, schlendert von Stand zu Stand. Immer wieder macht sie Halt, um sich von Experten aufklären zu lassen. Interessiert beäugt Aigner ein Aquarium, plaudert gleich mal über ihre eigenen Fische und probiert schnell noch einen Happen geräucherten Buntbarsch, "Mmh, lecker". Nächster Halt: Ein klitzekleines eingerichtetes Waldstück. Die Ministerin nimmt sogar an einem kleinen Quiz teil: "Soll ich jetzt erkennen, welche Bäume das sind?", flachst sie. "Buche geht ja noch, danach wird es schwer." Aigner lacht selbst am herzhaftesten. So macht Politik Spaß. Vorbei an virtuellem Vogelgezwitscher steuert die Ministerin schließlich auf den Ausgang zu. Die Nettigkeiten sind vorbei. Genug geplaudert. Vor der Tür wartet die Dioxin-Realität - und die peitscht Aigner kalt ins Gesicht.

"Die Grüne Woche wird überschattet vom Dioxin-Skandal"

Nur 15 Minuten nach ihrem Inszenierungsausflug steht die Bundesministerin dem Verband Deutscher Agrarjournalisten Rede und Antwort. Beim Betreten der Bühne noch freundlich, versteinert Aigners Gesichtsausdruck sich von Frage zu Frage zusehends. Thema Nummer eins: Gift in deutschen Lebensmitteln. "Die Grüne Woche wird überschattet vom Dioxin-Skandal", konstatiert die Ministerin gleich zu Beginn. Das Lebensmittelgepansche sei kriminell und eine "Riesensauerei". Natürlich werde man die Hauptbetroffenen, die Bauern, "nicht im Regen stehen lassen". Laut Bauernpräsident Gerd Sonnleitner beläuft sich der Schaden der Landwirte auf rund 100 Millionen Euro. Geld vom Bund gibt es trotzdem nicht, lediglich günstige Kredite. Auch kann Aigner keine Neuigkeiten verkünden, wo genau das im Futterfett gefundene Dioxin ursprünglich herkam: "Der erste Verdacht hat sich nicht bestätigt."

Die Ministerin wiederholt ihr Mantra "Sicherheit vor Schnelligkeit" und weicht Fragen aus. "Halten Sie den Dioxin-Skandal für einen Systemfehler?", möchte ein Journalist in Anspielung auf Niedersachsens neuen Agrarminister Gert Lindemann (CDU) wissen, der Donnerstag Änderungen in der Produktion ausschloss und sagte, es sei Zufall, dass keine Bio-Höfe betroffen wären. "Egal, wo produziert wird, es muss sicher sein", murmelt Aigner.

"Und wie sollen die geforderten zusätzlichen Kontrollen überhaupt bezahlt werden?", so eine weitere Frage. Ein einziger Dioxin-Test kostet schließlich 500 Euro. Aigner erklärt, der Bund helfe nur mit den Kapazitäten aus, die vorhanden sind. Es gibt also kein zusätzliches Geld. Die Ministerin weist, wie sie es gern tut, noch einmal darauf hin, dass die Kontrollen Ländersache sind. Für die Eigenkontrollen müsse natürlich die Wirtschaft selbst aufkommen. Schließlich fallen endlich ein paar Fragen zur Verhandlungen des EU-Haushalts 2014, die Mitte 2011 stattfinden und bei denen Aigner unbedingt mehr Geld für die Landwirtschaft erzwingen will. Bis dahin schwebt über der Agrar-Realität, passend zur Grünen Woche, eine giftgrüne Dioxin-Wolke.

Bio-Nachfrage steigt

Das merken auch die Standbetreiber der Ausstellung. Landwirte wie Vertriebe haben es schwer dieser Tage. "Natürlich gibt es einen Rückgang bei den Nachfragen", mosert ein Vertreter einer Fleischwaren-Spezialitäten GmbH, "wenn ich Eier esse, fange selbst ich an nachzudenken". Ähnliches bestätigt der Kat (Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V.): "Die Verbraucher halten sich bei Eiern im Moment zurück. Dafür gibt es einen Run auf Bio-Produkte." Der Biopark e.V. bekräftigt die ansteigende Anfrage. "Selbst die Grüne Woche hat uns extra gebeten, mehr Bio-Fleisch und -Eier mitzubringen." Das bezeugt ein Vertreter von Neuland-Qualitätsfleisch: "Nun hoffe ich, dass die Bürger konstant Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren fordern, denn das Preis-Dumping ist das eigentliche Problem."

Dieses dürfte sich bald verschlimmern. Hunderttausende von Schweinen können momentan nicht geschlachtet werden. Von Tag zu Tag nehmen sie zu, während ihr Preis fällt. "Man munkelt schon von einem Preis von 99 Cent für ein Kilo Fleisch. Das wäre eine Katastrophe", warnt der Neuland-Mitarbeiter.

Aus der harten Realität wird sich Frau Aigner nach der heutigen Messe-Schau wohl so schnell nicht mehr flüchten können.