Bahn-Börsengang "Das ist ein fauler Kompromiss"


Der Streit um den Bahn-Börsengang scheint beigelegt, die Koalitionäre jubeln. Aber ist der Kompromiss wirklich ein Durchbruch? Im stern.de-Interview kritisiert Heidi Tischmann vom Verkehrsclub Deutschland die Einigung als Augenwischerei. Die meisten Fahrgäste hätten nichts davon.

Die große Koalition behauptet euphorisch, im Streit um den Bahn-Börsengang einen entscheidenden Durchbruch erzielt zu haben. Stimmt das?

Nein. Wenn nach monatelangen Streitigkeiten plötzlich alle Beteiligten mit der Lösung zufrieden sind, müssen die Alarmglocken schrillen. Die große Koalition hat zwar eine optimale Öffentlichkeitsarbeit geleistet und allen weis gemacht, sie hätte eine neue Lösung entdeckt. Tatsächlich verzichten Union und SPD jedoch auf die Klärung entscheidender Details, um verkünden zu können, sich in einem wichtigen Thema geeinigt zu haben. Im Kern wurde lediglich ein fauler Kompromiss auf kleinstem gemeinsamen Nenner gefunden. Jetzt kann hinter verschlossenen Türen weiter diskutiert werden.

Die Union zelebriert den Kompromiss und behauptet, das Schienennetz bleibe jetzt weiter im Eigentum des Bundes. Die SPD freut sich gleichzeitig, dass die Bahn das Netz künftig bewirtschaften, es sogar in ihren Bilanzen führen darf. Ist das überhaupt miteinander vereinbar?

Das klingt nach Widerspruch, dessen Auflösung auf später verschoben wird, vermutlich bis zum Gesetzgebungsverfahren.

Wer hat sich den nun eigentlich mit seinem Konzept durchgesetzt?

Die Entscheidung über Sieger und Besiegte bei der Politik steht noch aus. Verlierer ist aber schon jetzt der Wettbewerb und somit das Ziel, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen. Wie der diskriminierungsfreie Zugang zum Netz gewährleistet sein soll, wenn die Bahn weiter für die Trassenvergabe zuständig ist, bleibt ein Rätsel.

Also werden die Konkurrenten der Bahn auch künftig nicht auf Augenhöhe begegnen können?

Nein. Und das ist der Hauptkritikpunkt des Verkehrsclubs an dem jetzt vorgelegten Formelkompromiss von CDU und SPD.

Was für Folgen hat der Kompromiss für die Fahrgäste?

Es bleibt eher alles so wie es ist. Im Fernverkehr kann die Bahn weiterhin die Preise diktieren, weil es keine Konkurrenz gibt. Sie kann sich immer stärker auf schnelle Verbindungen zwischen den Metropolen konzentrieren, die Reisenden der ersten Klasse umwerben und Fahrgäste mit Fahrrad oder Kinderwagen vernachlässigen.

Interview: Florian Güßgen

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