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Bildung: Schafft das Sitzenbleiben ab!

Es schadet den Kindern, es stresst die Eltern - und vor allem verbessert es die Leistung nicht. Es gibt bessere Wege als sitzen zu bleiben um Kinder zu fördern und zu fordern.

Jedes Jahr bleiben in Deutschland 250.000 Jungen und Mädchen sitzen. Das sind nur knapp drei Prozent aller Schüler. Aber über die gesamte Schullaufbahn betrachtet, bleibt jeder vierte mindestens einmal sitzen, in Schleswig-Holstein sogar fast jeder zweite. Jungen trifft es häufiger als Mädchen. In Berlin wurde 2005 an der Oppenheim-Oberschule eine ganze Klasse aufgelöst, weil von 22 Schülern 15 nicht versetzt werden konnten.

Im Ausland lösen solche Maßnahmen nur Kopfschütteln aus. In Norwegen, Japan oder Korea gibt es kein Sitzenbleiben. In vielen EU-Ländern formal schon, doch es wird selten angewandt; so trifft es in Dänemark und Schweden nur etwa jeden 20. Schüler einmal während der Schulzeit. Unter den großen Ländern bleiben nur in Frankreich noch mehr Schüler als hierzulande einmal sitzen: 42,3 Prozent.

In Deutschland gehört Sitzenbleiben seit 200 Jahren zur Schule wie Tafel und Kreide. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des stern ergab: 66 Prozent der Deutschen halten es für sinnvoll.

Egal ob ein Schüler Mathe nicht kapiert oder die deutsche Grammatik, ob er krank war oder faul, ob er gerade verliebt ist oder die Eltern sich scheiden lassen - wer eine Sechs oder zwei Fünfen hat und diese nicht durch gute Noten in anderen Fächern ausgleichen kann, muss in der Regel die Klasse wiederholen.

Dabei ist das Sitzenbleiben als Institution eine Verschwendung von Zeit und Geld: Denn die Schüler verbessern ihre Leistung nicht, indem sie eine Klasse wiederholen. Das belegen zahlreiche Studien. Und es ist auch noch teuer: 1,2 Milliarden Euro, so errechneten Experten, gibt der Staat jedes Jahr für Wiederholer aus.

Für die meisten Sitzenbleiber hieße die bessere Alternative: individuelle Förderung. Dazu müssen Lehrer die Stärken und Schwächen jedes Schülers analysieren, individuelle Lehrpläne für sie aufstellen und sie bei Bedarf verpflichten, an Förderkursen teilzunehmen. Notwendig wären zusätzliche Mittel und Stellen. Und ein neues Denken bei den Lehrern.

Catrin Boldebuck
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