Bildungsstudie Das Geheimnis des Pisa-Sieges


Zum dritten Mal liegt Finnland bei Pisa vorn. Wie schafft dies das kleine Land? Im stern.de-Interview verrät der deutsche Schulentwickler Rainer Domisch, seit 1994 am staatlichen finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen, das Geheimnis der Finnen und was in Deutschland schief läuft.

Herr Domisch, gibt es eine Regel, wie man Pisa-Sieger wird?

Nein. Allenfalls die, bescheiden zu bleiben und den eigenen Weg konsequent weiter zu gehen.

Welchen denn?

Finnische Lehrer sollen noch stärker das einzelne Kind fördern. Denn es gibt ja auch bei uns noch einiges zu tun. Im vergangenen Jahr verließen 250 von 60.000 Schulabgängern die Schule ohne Abschluss, etwa 0,2 Prozent.

In Deutschland brechen acht Prozent die Schule ab.

Wir finden trotzdem, dass es bei uns noch zu viele sind.

Ist Ihr Anspruch, dass "kein Kind verloren gehen soll", denn realistisch?

Ja, das ist der zentrale Gedanke unseres Bildungssystems. Wir werden es nicht von heute auf morgen schaffen, dass es keine Schulabbrecher mehr gibt. Aber es ist unser langfristiges Ziel, der Fixstern unseres Koordinatensystems.

Vor kurzem wurde Finnland brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als ein Schüler in Tuusula bei einem Amoklauf acht Menschen erschoss. Gab es dafür auch schulische Gründe?

Nein, das war die Wahnsinnstat eines rechtsradikalen Außenseiters, eines Jungen, der sich selbst zum Elitemenschen stilisiert hatte. Unsere Schulen machen seit zehn Jahren eine gute Medienerziehung. Der Einfluss der Gleichaltrigen ist heute aber enorm, und die peer group ist ja heute nicht mehr nur die Clique, sondern die globale Internetgemeinde. Wenn Jugendliche so tief in Phantasiewelten eintauchen, dass sie virtuelle und echte Welten nicht mehr unterscheiden können, stoßen die Lehrer an ihre Grenzen.

Tun die Schulen in Finnland genug für das soziale Lernen?

Der Umgang miteinander spielte schon immer eine wichtige Rolle. Leider wurden in vielen Kommunen Schulpsychologen und Sozialarbeiter eingespart. Mittlerweile gibt es ein spezielles Training für Lehrer, um Mobbing zu erkennen. Das läuft landesweit und soll sie für Ausgrenzung sensibilisieren.

Manche deutschen Kultusminister reagieren allergisch auf den ewigen Musterknaben Finnland. Nicht übertragbar, weniger Ausländerkinder und außerdem gebe es dort eine viel höhere Jugendarbeitslosigkeit von etwa 20 Prozent.

Das ist eine Ente, die aber von einigen Kultusministern ständig wiederholt wird. In Finnland werden zu den Arbeitlosen in dieser Altersgruppe auch Studenten gezählt, die während des Studiums ein paar Tage jobben und sich dann arbeitslos melden. Rechnet man sie nicht dazu - wie in anderen EU-Ländern - kommt man auf eine Quote von acht bis zehn Prozent, das ist EU-Durchschnitt.

Aber doch vergleichsweise hoch.

Die Jüngeren sind am wenigsten betroffen, weil sie eine höhere Bildung haben. In Nordostfinnland beträgt zum Teil die Arbeitslosenquote aus strukturellen Gründen mehr als 20 Prozent, die betreffen aber vor allem Ältere ab 45 mit niedrigerem Bildungsstand. Je höher die Bildung, desto geringer die Gefahr, arbeitslos zu werden.

Nächstes Jahr ist Landtagswahl in Hessen. Sie sind als Kultusminister im Schattenkabinett der SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti vorgesehen. Was wollen Sie besser machen?

Beim deutschen Kernproblem - dem Einfluss der sozialen Herkunft der Kinder auf ihren Bildungserfolg - muss viel mehr geschehen. Kinder sollten einen Rechtsanspruch auf Förderung bekommen, der im Schulgesetz verankert ist.

Was soll das bringen?

Dann wäre es nicht mehr dem einzelnen Lehrer und somit dem Zufall überlassen, ob ein Kind gefördert wird oder nicht, sondern die Pflicht jeder Schule, die nachweisen müsste, was sie für jedes Kind tut. Damit hätte die Schule auch einen Anspruch auf die Mittel für ihre Arbeit. Es ist ein Skandal, wie viel Geld Eltern in Deutschland für Nachhilfe ausgeben.

Warum dauerte es in Deutschland so lange, bis Reformen wirken?

Schulpolitik wird in Deutschland immer noch ideologisch gesehen, sie ist Parteipolitik, kurzatmig und auf den Augenblickserfolg aus. Ein Schulsystem zu verändern dauert aber Jahrzehnte, wie man auch in Finnland erfahren hat. Wer echte Reformen will, muss den Ball weit in die Zukunft werfen. Schulpolitiker müssten sich deshalb schon mit Neugeborenen beschäftigen.

Interview: Ingrid Eißele

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