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Bundeswehr: Nach Tod eines Soldaten bei Übungsmarsch in Munster: Verdacht auf "Führungsversagen"

Ein Übungsmarsch der Bundeswehr im Hochsommer bei fast 30 Grad und mit kiloschwerem Gepäck. Mehrere Soldaten brechen ausgelaugt zusammen, einer stirbt. Nach stern-Informationen deutet vieles auf ein dramatisches Führungsversagen der Ausbilder hin. Es gibt eine erste Konsequenz.

Bundeswehr-Soldaten bei einer Übung

Soldaten bei einer Übung in Munster. Hier starb im Sommer ein Bundeswehrangehöriger in der Hitze (Symbolbild)

DPA

Sieben Monate nach dem tödlich geendeten Übungsmarsch von Offiziersanwärtern im niedersächsischen Munster geht die Bundeswehr nun Hinweisen auf Führungsversagen nach. Im vergangenen Juli waren mehrere Soldaten nach Hitzschlägen auf Intensivstationen verlegt worden, ein 21-jähriger Soldat starb Wochen später, ein anderer leidet bis heute an schweren Folgen.

In einer an diesem Freitag stattfindenden Unterrichtung der Obleute des Verteidigungsausschusses war der Marsch erneut Thema. Nach Informationen mehrerer Teilnehmer der Telefonkonferenz sei deutlich geworden, dass die Katastrophe vermeidbar gewesen wäre, wenn sich alle Ausbilder an ihre Vorschriften gehalten hätten. "Das klingt eindeutig nach Führungsversagen", sagte ein Teilnehmer dem stern. Details wurden in der Telefonkonferenz allerdings nicht genannt. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, habe angekündigt, dass man nun mit Nachdruck klären wolle, welche Verantwortung die Ausbilder für den Vorfall tragen.

Bundeswehrsoldaten kollabierten in der Hitze

Der stern berichtete im Dezember über Einzelheiten des Marsches. Den Soldaten war demnach befohlen worden, einen Strafmarsch zu absolvieren. Sie trugen bei sommerlichen Temperaturen 2,5 Kilogramm schwere Splitterschutzwesten unter ihren Feldjacken, was den Wärmeaustausch deutlich erschwerte. Zudem mussten einige von ihnen Liegestützen machen. Nachdem der erste Soldat kollabiert und seine Körpertemperatur auf mehr als 40 Grad angestiegen war, empfahl ein Truppenarzt, die Splitterschutzwesten abzulegen. Stattdessen mussten die Offiziersanwärter auf Befehl der Ausbilder nun einen Gefechtshelm tragen. In der Folge fielen weitere Soldaten aus.


Dennoch brachen die Ausbilder den Marsch nicht ab. Noch kurz vor ihrer Ankunft in der Kaserne kollabierten zwei weitere Soldaten mit Hitzschlägen

Schon im Jahr zuvor waren im bayerischen Hammelburg vier Soldaten wegen Hitzschlägen in Lebensgefahr geraten. Die Bundeswehrführung sieht nun offenbar dringenden Aufklärungsbedarf bei ihren Ausbildern.

Staatsanwaltschaft prüft weiter Anklage

Nach stern-Informationen veranstaltet das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr im April ein Symposium unter dem Titel "Gesundheit und Leistung bei Hitzestress". Ein Oberstabsarzt hält den Impulsvortrag: "Körperliche Arbeit bei Hitzestress: Eine vielfach unterschätzte und vergessene Belastung". Im Symposium soll es sich auch um die richtige Erstversorgung von Hitzeerkrankten drehen und um "biophysikalische Aspekte militärischer Funktionsbekleidung".

Im Falle von Munster prüft die Staatsanwaltschaft in Lüneburg weiterhin, ob sie Anklage wegen fahrlässiger Tötung oder fahrlässiger Körperverletzung erhebt.


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