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Der Minister und das Kuscheltier: Ich möcht' so gern ein Eisbär sein

Umweltminister Sigmar Gabriel konnte der Versuchung nicht widerstehen und hat bei der Präsentation des kleinen Eisbären Knut mitgerummelt. Das hätte er besser sein lassen sollen. Denn es war durchsichtig - und eindeutig daneben.

Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

Manchmal muss man einfach persönlich werden. Also: Ich habe nichts gegen Tiere und Tierparks, als Junge wollte ich sogar Zoodirektor werden. Mit meinem Sohn bin ich Dauergast im Berliner Zoo. Und natürlich werden wir auch Knut angucken, bei nächster Gelegenheit. Knut ist süß, keine Frage. Ich kann verstehen, warum ihn so viele Menschen mögen. Er hält wenigstens die Klappe, das unterscheidet ihn positiv von anderen Stars und Sternchen. Und noch hat er auch keinen erkennbaren Dachschaden - wie die älteren Eisbären, die hospitalisiert Stund' um Stund' kopfwackelnd immer wieder dieselben paar Meter in ihrer Anlage zurücklegen. Hin und her und hin und her. So stolze Tiere und so ein trauriger Anblick. Spätestens in ein paar Jahren wird auch der knuddelige Knut das machen, und dann wird er nicht mehr ganz so liebenswert sein.

Was Sigmar Gabriel dann machen wird - wer weiß das schon. In seiner Vorstellung ist er dann SPD-Vorsitzender oder Bundeskanzler oder beides. Das Zeug dazu hat er. Er besitzt allerdings auch die Gabe zum unglücksrabenhaften Agieren. Und so landet er beim verzweifelten Versuch, sich Liebkind machen zu wollen, gelegentlich mit Schmackes im Fettnapf. Als Umweltminister die Patenschaft für Knut zu übernehmen, ist erst einmal eine nette Geste. Dann aber wie bei der öffentlichen Präsentation von Knut mitzurummeln, ist dagegen sehr durchsichtig - und eindeutig daneben.

Er wolle mit seinem Auftritt für den Klimaschutz werben, sagte Gabriel, denn "ohne Eis kein Eisbär." Jau. Und ohne Knut keine Kameras - und ohne Kameras und Live-Sendung im Fernsehen kein Pate Sigmar. Fehlte eigentlich nur noch Kurt Beck, der momentan auch Eigenwerbung dringend nötig hätte, und die Mopsfledermaus. Ach, so ein stolzer Minister und so ein trauriger Anblick.

Es ist halt nur ein kleiner Schritt vom Populisten zum Anbiedermann. Neben einem Sympathieträger aufzutreten, macht einen nicht automatisch sympathisch. Wer als Politiker ganz hoch hinaus will, muss deshalb vor allem eines lernen: Einer Versuchung auch mal zu widerstehen. Vielleicht sollte sich Sigmar Gabriel im Laufe des notwendigen Lernprozesses einen anderen Patenbären zulegen: Winnie-der-Pu, der ist auch sehr populär und wird es anders als Knut auch noch lange bleiben. Man kann viel Spaß mit ihm haben und seinen Erkenntnissen: "Manche haben Verstand, und manche haben eben keinen", sagte Pu. "So ist das eben."

Aber vielleicht können seine Kollegen vom Paten auch noch was lernen. Vielleicht sollte Familienministerin Ursula von der Leyen die Patenschaft eines Waisenkindes übernehmen und es im Waisenhaus mit dem Direktor der Öffentlichkeit präsentieren, um für die Menschenwürde und die Nächstenliebe zu werben. Könnte ja einen Versuch wert sein. Mal sehen, wo dann die Weltpresse ist und der öffentlich-rechtlich live übertragende Rundfunk.

Man weiß es nicht, man ahnt es nur. Wahrlich, wir leben in unwürdigen Zeiten. Und da ist Sigmar Gabriel dann doch wieder nur ein kleines Übel.

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