Deutschland Das ist ungerecht!


Hartz IV, überhöhte Managergehälter, fehlende Kindergartenplätze: Mehr als 800 Leser mailten der stern.de-Redaktion ihre Kommentare zur Frage, wie ungerecht es in Deutschland zugeht. stern.de dankt für das Interesse - und präsentiert Ihre Zuschriften.

Hanns Schneider aus Köln braucht nur einen einzigen Satz: "Die Ungerechtigkeit beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod." Trotz dieses düsteren Befundes schließt er seine E-Mail an stern.de "mit freundlichen Grüßen". Ganz so pessimistisch sehen es die meisten wohl nicht. Allerdings erklärten bei einer Umfrage von Infratest-Dimap kürzlich 66 Prozent der Befragten, es gehe "eher ungerecht" zu in Deutschland - deutlich mehr als noch vor wenigen Monaten. Ein Drittel sieht sich selbst als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung, zugleich schwindet das Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie hierzulande. Das ist ein erschreckendes Signal. Aber was genau plagt die Bürger? Der stern und stern.de wollte es wissen. Wir fragten unsere Leser vergangene Woche: Was empfinden Sie als ungerecht in diesem Land?

Die Antwort ist ein kollektiver Aufschrei. Bis zum Wochenende gingen allein 800 E-Mails ein - außerdem Briefe, Faxe und Telefonate. Knappe, zornige Zwischenrufe waren ebenso darunter wie mehrseitige, nachdenkliche Anmerkungen zum deutschen Binnenklima. Es kamen lange Listen mit Ungerechtigkeiten aller Art und traurige Briefe von Menschen, die sich in einer erkaltenden Gesellschaft zusehends unbehaust fühlen. Es gab bestürzende Berichte über Einzelschicksale, aber auch einige Ermahnungen, doch bitte nicht zu vergessen, dass Deutschland trotz allem noch immer ein ziemlich gerechtes Land sei. Leser schrieben Gedichte, Schulklassen nahmen sich im Unterricht der Frage an. Mit den Zuschriften ließen sich mehrere Ausgaben des stern füllen - einige sind im Heft nachzulesen, die meisten Kommentare finden Sie im Internet unter stern.de/ungerechtigkeit".

Einer der Gründe für den wachsenden Frust: Nie in den vergangenen Jahrzehnten war die materielle Ungleichheit so groß wie heute. Die Spitzeneinkommen steigen, während sich die Löhne der Geringverdiener seit mehr als zehn Jahren kaum noch bewegen. Und wer dauerhaft seinen Job verliert, der fällt schnell nach ganz unten durch. Die Angst vor dem Absturz macht sich bis weit in die Mittelschichten breit.

Wer verzichten soll, will wissen, warum

Doch Ungleichheit bedeutet nicht zwangsläufig Ungerechtigkeit. Auch Gleichheit kann als ungerecht empfinden, wer mehr zu leisten meint als andere. Eines zeigen die Antworten der stern-Leser: Die eine Auffassung von Gerechtigkeit gibt es nicht, eine von allen als gerecht empfundene Gesellschaftsordnung bleibt daher eine Illusion.

Fatal ist, dass Politiker ihre Politik nicht mehr vermitteln können. Wer verzichten soll, will zumindest wissen, wofür. Doch in den Parteien sind heute kaum noch konzeptionell denkende Visionäre am Werk, sondern allenfalls Handwerker der Sozialversicherungssysteme. Immerhin wissen einige um das eigene Unvermögen. Die CDU trifft sich am Montag kommender Woche in Dresden zum sogenannten Gerechtigkeits-Parteitag - die Christenunion will sich ein neues Grundsatzprogramm geben. "Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft steht auf dem Spiel", hat ihr Generalsekretär Ronald Pofalla erkannt. Die Briefe der stern-Leser beweisen: Der Mann hat recht. Das Motto der CDU-Programmdebatte heißt übrigens "Neue Gerechtigkeit durch mehr Freiheit". Neue Gerechtigkeit? Man darf gespannt sein, was das sein soll.

Arne Daniels<br/>Mitarbeit: Julia Schlöpker print

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