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Beziehung Was uns in der Liebe voneinander trennt

Paar auf der Straße
Zu viele Ungerechtigkeiten in der Beziehung machen sie kaputt.
© martin-dm / Getty Images
Das perfekte Match, die große Liebe – und alles ist automatisch wunderbar. Doch so einfach ist es nicht. Auch innerhalb von unseren Paarbeziehungen herrscht soziale Ungleichheit. Wie wir an Ungerechtigkeiten in unseren Partnerschaften arbeiten können.

"All you need is Love", ob in einem Song der Beatles, in Büchern oder Filmen – Liebe wird oft als das Allheilmittel angepriesen. Liebe kann alle Grenzen überwinden, heißt es. Doch die Realität sieht leider anders aus. Zum Beispiel, wenn Paare aus verschiedenen Ländern heiraten wollen und bürokratische Hürden diesen Wunsch in weite Ferne rücken lassen. Oder Vorurteile, die der Beziehung nach und nach die Luft abschnüren. Auch innerhalb von Beziehungen können Ungerechtigkeiten und Ungleichheit uns voneinander trennen. Die Antidiskriminierungstrainer:in Josephine Apraku hat sich in ihrem Buch "Kluft und Liebe" damit beschäftigt, wie Diskriminierung Paare voneinander trennt.

Josephine Apraku
Josephine Apraku ist Antidiskriminierungstrainer:in. In ihrem Buch "Kluft und Liebe" beschäftigt sie sich mit Machtgefällen innerhalb von Beziehungen.
© David Buchholz

Schon die Kommunikation über Liebe greife viele verschiedene Aspekte von Diskriminierung auf, sagt Josephine Apraku im Gespräch mit dem stern. "Wir sehen vor allem eine Repräsentation von weißen Menschen, meist ein heterosexuelles Paar, welches finanziell gut dasteht. Das fällt mir besonders auf, wenn ich an Filme oder Serien denke. Es sind in der Regel Menschen, die den geltenden Schönheitsnormen entsprechen und zum Beispiel schlank sind." Wir bekommen nur ganz bestimmte Bilder von Liebe zu sehen, dies führe dazu, dass Unterdrückungen aufrecht erhalten werden. "Es scheint fast als würden schwarze Menschen oder People of Color nicht lieben, so als würden Menschen mit Behinderung, trans* Personen oder nicht-binäre Menschen nicht lieben."

Liebe – was bedeutet sie genau?

Wir alle wachsen mit einer ganz bestimmten Vorstellung von Liebe auf – doch was bedeutet Liebe eigentlich? Die Sozialpsychologin Dr. Johanna Degen beschäftigt sich beruflich mit der Liebe und forscht unter anderem zu Online-Dating. Was Liebe für eine Person bedeute, sei sehr divers, weiß die Expertin aus der Forschung. "Während wir das Gefühl der Verliebtheit alle kennen und wir es auch neurowissenschaftlich nachweisen können, wird das Gefühl der Liebe von Menschen unterschiedlich verstanden und ausgedrückt." Manch einer drücke Liebe durch Berührungen aus, für andere bedeute sie, loyal oder ehrlich zu sein. In einer Paarbeziehung müssten neue Normen ausgehandelt werden. "Wir haben so eine Idee von überdauernder Liebe mit viel Gefühl, Zuneigung, Leidenschaft und sie ist recht romantisch aufgeladen. Es gibt wenige Vorstellungen über Liebe in einem ruhigeren Modus."

Die Antidiskriminierungstrainer:in Josephine Apraku übernimmt für die eigene Definition von Liebe die Ansätze der Psychoanalytiker Erich Fromm und M. Scott Peck. "Liebe ist nicht einfach nur dieses positive Gefühl, sondern vor allem eine Entscheidung, die wir im Rahmen unserer Beziehung treffen uns für das Wachstum von uns selbst und dass der anderen Person(en) einzustehen." Josephine Apraku kritisiert, dass in unserer Gesellschaft Gewalt als letzte und äußerte Form von Liebe normalisiert wird. Zum Beispiel durch Schlagzeilen wie "Mord aus Leidenschaft". Gewalt sei nie eine Form von Liebe, sagt Josephine Apraku.

Diskriminierung beim Online-Dating

Von klein auf lernen wir, wer liebenswert ist und wer nicht. "Wir werden in alle Formen von Unterdrückung hineinsozialisiert", sagt Josephine Apraku. Die Vorstellung davon, wer Liebe verdient hat, präge das Selbstbild. Wer zum Beispiel nicht in Filmen, der Werbung oder in Büchern als liebenswert dargestellt wird, wachse mit einem negativen Selbstbild auf. Das heißt: Daran zu glauben, für Liebe härter arbeiten zu müssen, sie weniger verdient zu haben oder weniger attraktiv zu sein. Diese Selbstsicht und die Unterdrückung hat auch bei der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin ein Gewicht.

Man könnte meinen, dass Online-Dating und Dating-Apps ein riesiges Potenzial in sich tragen, um Menschen kennenzulernen, die wir in einer Bar, auf einem Konzert oder im Supermarkt nie wahrgenommen hätten oder sich die Wege schlicht nie gekreuzt hätten. Doch Untersuchungen zeigen, dass 80 Prozent der Interaktionen auf Dating-Apps zwischen weißen Personen stattfindet. "Außerdem wissen wir aus der Forschung, dass schwarze Frauen und als asiatische wahrgenommene Männer als am wenigsten attraktiv eingestuft werden", schildert Josephine Apraku. "Sind auf den Bildern im Dating-Profil diskriminierungsrelevante Aspekte wie zum Beispiel 'dick zu sein' sichtbar, führt das eher dazu, dass eine Person aussortiert wird." Auch Johanna Degen weiß aus ihrer Forschung: "Online-Dating ist eine Sphäre, in der stark diskriminiert wird. Es macht denjenigen am meisten Spaß, die normalgewichtig sind, mittelmäßig wohlhabend und die ein symmetrisches Gesicht haben."

Johanna Degen
Sozialpsychologin Johanna Degen lehrt und forscht an der Europa-Universität Flensburg.
© Kath Konopka

Stereotype Abneigungen

Wer nicht der Norm entspreche, hat es in der Welt des Online-Datings nicht leicht. Das kann zu einer bestimmten Strategie führen: Das vermeintliche Stigma wird im Profil nach vorne gebracht, um nicht bei einem Treffen mit einer ablehnenden Reaktion konfrontiert zu werden. "Eine Frau hat mir erzählt, dass sie erst in ihrem Dating-Profi nur ihr Gesicht abgebildet hatte. Bei einem Treffen im echten Leben hat ihr Date auf den Hacken bei ihrem Anblick umgedreht. Das habe sie so verletzt, dass sie seither ein Ganzkörperfoto in der App nutzt – so würde sie nur jemand daten, der kein Problem mit ihrer korpulenten Körperform habe." Der Nachteil: Es kann zu einer Fetischisierung führen. Man wird also nur wegen eines bestimmten Merkmals gedatet – wie etwa der Korpulenz. "Doch die betroffenen Menschen wollen nicht nur wegen des Merkmals geliebt werden, noch wollen sie, dass sie dadurch nicht geliebt werden." Eigentlich wollen wir durch unsere Werte andere Menschen beim Dating nicht diskriminieren, schildert die Sozialpsychologin Johanna Degen.

Doch wir alle tragen stereotype Abwertungen und Abneigungen in uns. "Je mehr wir von unserer eigenen Gutheit überzeugt sind, desto unbarmherziger denken und handeln wir. Umso mehr wir uns eingestehen, dass wir eine verzerrte Sicht haben und diskriminierend handeln, merken wir es und handeln barmherziger." Oft stecke hinter den abwertenden Handlungen beim Dating Angst. Zum Beispiel die Angst, dick zu werden und deswegen werte man Menschen ab, die man für dick hält.

Ob Fettfeindlichkeit, Rassismus, Feindlichkeit gegenüber queeren Menschen, Transmenschen oder behinderten Menschen – all diese Formen von Diskriminierung gibt es in unserer Gesellschaft und in Liebesbezeigungen werden sie laut Josephine Apraku im Kleinen abgebildet. "Wäre ich als schwarze Person zum Beispiel mit einem weißen trans Mann zusammen, würden wir verschiedene Formen der Unterdrückung erleben. Während ich Rassismus erfahre, würde mein imaginärer Partner Transfeindlichkeit erleben. Beides sind Formen von Unterdrückung, die wir in unseren Beziehungen wiederholen können." Josephine Apraku führt weiter aus: "In einer Liebesbeziehung können mir zum Beispiel rassistische Zuschreibungen entgegengebracht werden. Etwa, dass ich als schwarze Person 'besonders aggressiv' sei."

Soziale Ungleichheit wirke sich auch unterschiedlich in heterosexuellen und gleichgeschlechtlichen Beziehungen aus. In einer Forschung zu Konflikten hat man festgestellt, dass der Aspekt der Männlichkeit bei heterosexuellen Paaren mit Problemen einhergehe und heterosexuelle Männer häufiger Schwierigkeiten hätten, in Konflikten auf ihre Partnerin einzugehen. Bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen wurde hingegen beobachtet, dass die Partner:innen sich wohlwollender gegenüber eingestellt sind und sie in Konflikten eher so verhalten, dass sie gelöst werden können.

Ungerechtigkeiten in Paarbeziehungen können ihr Ende sein

In heterosexuellen Partnerschaften mache sich Ungleichheit oft mit der Geburt von Kindern innerhalb der Beziehung stark bemerkbar: Die ungleiche Aufteilung von Sorgearbeit, Denkarbeit und die große Zahl an Frauen, die lange in Elternzeit gehen. Die Mutter geht in der Regel 12 Monate in Elternzeit und der Vater gar nicht – das trifft auf 58 Prozent der Väter zu. Zwei Monate Elternzeit nehmen 42 Prozent der Väter und es sind nur 7,6 Prozent, die sich mehr als zehn Monate um Kind statt um die Karriere kümmern. Bei den Frauen hingegen sind es 95,4 Prozent, die mehr als zehn Monate in Elternzeit gehen. Eine individuelle Entscheidung? "In der Masse, in der diese Entscheidungen vorkommen, macht es nur Sinn, es sich strukturell anzusehen und wir wissen bereits aus der Forschung, dass es ein strukturelles Problem ist", sagt Johanna Degen. Antidiskriminierungstrainer:in Josephine Apraku führt aus, dass es in diesem Zusammenhang oft eine finanzielle Entscheidung sei: "Frauen werden durchschnittlich schlechter bezahlt, so verlängert sich die sexistische Diskriminierung am Arbeitsplatz, bis in die Liebesbeziehung hinein."

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Doch für unsere Partnerschaften gibt es Wege, um die Ungleichheiten innerhalb der Beziehung zu erkennen, und an ihnen zu arbeiten. "Es ist wichtig, dass wir verstehen, wie Diskriminierung funktioniert, welche Formen es gibt und uns ein Wissen darüber aneignen", sagt Josephine Apraku. Paare sollten sich anschauen, welche Unterdrückung es in ihrer Beziehung gibt und darüber sprechen. Ein Beispiel: Paare können regelmäßig schauen, ob die Sorgearbeit angemessen verteilt ist.

Einen Blick darauf zu werfen, ob eine Person deutlich mehr macht und an welche Form der Unterdrückung dies geknüpft ist. Und gemeinsam überlegen, welche Form von Ausgleich hier geschaffen werden könne. Und wer ein Interesse an der eigenen Beziehung habe, sollte auch ein Interesse daran haben, die Ungerechtigkeiten innerhalb der Partnerschaft zu beseitigen. "Ein Blick in die Forschung verrät, dass zu viel Ungerechtigkeit dazu führt, dass unsere Beziehungen kaputt gehen", sagt Josephine Apraku.

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