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Die Ängste der Deutschen Ein bisschen Krise


Wovor fürchten sich die Deutschen? Das lässt ein Versicherungskonzern jedes Jahr ermitteln. Natürlich auch, weil Angst dem Verkauf von Versicherungen hilft. Aber diesmal brachte die Studie ein überraschendes Ergebnis: Alles halb so wild.
Von Laura Himmelreich

Die junge Frau reißt ihre Augen auf, sie sind glasig, sorgenvoll hält sie sich ihre Hand vor den Mund. Vor dem Foto dieser Frau präsentieren eine Vertreterin der R+V-Versicherung und ein Professor in Berlin die Ergebnisse einer Studie über die Ängste der Deutschen. Weitere Bilder lassen nichts Gutes vermuten: eine gebrechliche Frau im Rollstuhl, eine Anzeige der Staatsverschuldung der Republik, wie sie pro Sekunde um 4440 Euro in die Höhe schnellt. Deutschland, ein Schreckensland!

Doch die Bilder und Studienergebnisse wollen nicht recht zusammen passen. "Die Menschen bleiben bemerkenswert cool", resümiert der Heidelberger Politikwissenschaftler Manfred Schmidt. Zwar befürchten zwei Drittel der Deutschen, dass sich die wirtschaftliche Lage in Zukunft verschlechtern wird - damit ist es die größte Sorge der Menschen; doch ingesamt sind sie nicht ängstlicher als im vergangenen Jahr. Die R+V und ihre Berater müssen es wissen: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erhebt die Daten im Auftrag des Versicherungskonzerns schon seit 1991.

Allgemeine Sorge vor Arbeitslosigkeit

Dass die Deutschen unterm Strich locker bleiben, erklärt Schmidt damit, dass das "Krisenmanagement der Großen Koalition wie eine Beruhigungspille wirkt". Das Kurzarbeit-Programm und die Erhöhung der Altersrenten zum Beispiel kämen bei den Leuten gut an. Die Menschen vertrauten noch immer auf den hohen Wohlstand und den sozialen Frieden im Land, sagt Schmidt.

Dennoch: Knapp zwei Drittel haben Angst vor Arbeitslosigkeit, 18 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Arbeitslosigkeit ist damit die zweitgrößte Angst der Deutschen. Doch auch diese Sorge ist nur eine allgemeine. Konkret befragt, ob sie auch Angst um ihren eigenen Job haben, antworteten nur 48 Prozent, sie hätten ein mulmiges Gefühl - 17 Prozent weniger als im Vorjahr.

Schreckgespenst Inflation

Die Deutschen hatten im vergangenem Jahr aber auch Grund zum Aufatmen: Jahrelang bereiteten steigende Preise die größten Sorgen im Land. Mittlerweile beschäftigen die hohen Lebenskosten nur noch 63 Prozent, damit sind sie auf Platz drei der Angstskala abgerückt. Der im internationalen Vergleich immer noch hohe Wert sei durch die Geschichte zu erklären, sagt Schmidt. Die Erfahrungen mit der Hyperinflation zu Beginn des 20. Jahrhunderts sitze tief. Weil momentan die Preise stabil seien, nehme die Angst der Deutschen vor der Inflation ab.

Die Angst vor Naturkatastrophen ist die viertgrößte Sorge, mit 56 Prozent. Auf Platz fünf liegt die Angst im Alter pflegebedürftig zu werden. Das schönste Ergebnis der Studie: Nur 16 Prozent befürchten, ihre Partnerschaft könne zerbrechen - und damit ist es die kleinste aller Sorgen. Die Krise ist da, aber offenbar nicht in der Liebe.

Viel Angst, viel Geschäft

Für die Studie befragte die GfK insgesamt 2400 Bürger. Frauen zeigten sich in allen Bereichen ängstlicher als Männer. Aber das kann auch darauf zurückzuführen, dass Frauen ihre Ängste eher zugeben. Ansonsten versuchte R+V-Vertreterin Rita Jakli wenigstens ein bisschen Krisenprofit zu schlagen. Jakli betonte mehrfach, wie gering das Vertrauen der Bürger in den Staat sei und sprach ausführlich über geringe Renten. Auch die Angst vor Naturkatastrophen erhob sie zum großen Thema.

Das Kalkül ist klar: Wer Angst um die Rente hat, will eine private Zusatzversicherung, wer Angst vor Sturmschäden hat, eine Hausratversicherung. Je größer die Sorgen der Menschen, desto besser laufen die Geschäfte. Den Studienergebnissen zufolge müssten sie dieses Jahr allerdings stagnieren. Was natürlich Ängste auf Seiten der Versicherungskonzerne auslösen könnte.


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