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Doktortitel der Bildungsministerin: Alles über Schavans Plagiatsaffäre

Was steht eigentlich in Annette Schavans Doktorarbeit? Was hat der Gutachter genau gesagt? Und: Kann die Bildungsministerin die Affäre überstehen? Zehn Fragen, zehn Antworten.

Von Elias Schneider

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) steht mit dem Rücken zur Wand. Ein Gutachter hat ein verheerendes Urteil über ihre Doktorarbeit abgegeben, verliert Schavan den Titel, ist sie wohl auch ihr Ministeramt los.

Eine FAQ über die wissenswerten Details der Affäre.

Worum geht's in der Doktorarbeit?

In "Person und Gewissen", so der Titel der Doktorarbeit, ging die damals 23-jährige Annette Schavan der Frage nach, ob und wie die besondere Eigenart des Menschen gefördert werden kann, ein Gewissen zu haben und verantwortlich handeln zu können. Der etwas sperrige akademische Untertitel: "Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung". Das Thema vereint Fragen und Inhalte aus ihren Studienfächern Erziehungswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie. Am Ende der 351 Seiten kommt Schavan zu dem Schluss, dass es vorrangig Aufgabe von Eltern und Erziehern sei, das Gewissen junger Menschen zu entwickeln. Eine These, die 1980 quer zum linken Mainstream stand, der die "antiautoritäre Erziehung" bevorzugte.

Wer hat die Plagiatsvorwürfe aufgebracht?

Erste Vorwürfe publizierte im Mai 2012 die Internetplattform Schavanplag. Daraufhin leitete die Universität Düsseldorf ein Verfahren ein. Das aktuelle Gutachten hat Stefan Rohrbacher verfasst. Er ist seit 2002 Professor für Jüdische Studien und Prodekan der Philosophischen Fakultät der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Rohrbacher ist auch Chef des Promotionsausschusses vor, der sich mit Schavans Dissertation befassen wird.

Was sagt der Gutachter der Universität?

In seinem 75 Seiten langen Gutachten kommt Stefan Rohrbacher zu einem für die Ministerin verheerenden Urteil. Schavans Arbeit weise an etlichen Stellen "das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise" auf - und dies geschehe in einem solchen Ausmaß, dass es zu einem "das Profil der Dissertationsschrift wesentlich mitprägende[m] Element" werde. Auf 60 der insgesamt 351 Seiten der Dissertation behauptet Rohrbacher, verdächtige Textstellen gefunden zu haben. Rohrbachers zusammenfassende Analyse: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Über das Gutachten berichteten der "Spiegel" und die "Süddeutsche Zeitung" ausführlich.

Ist es sicher, dass Schavan betrogen hat?

Sicher ist es nicht. Die Anhaltspunkte sprechen aber in starkem Maße dafür. Die einzige Alternative - Unfähigkeit zum korrekten wissenschaftlichen Arbeiten - schließt Rohrbacher aus: In der Dissertation würden sich durchaus "beispielhafte Belege für ein der Sache nach korrektes Regelverständnis" finden. Daher sei "von einer hinreichenden Vertrautheit der Verfasserin mit wesentlichen Regeln" auszugehen.

Wie hat sich Schavan im Fall Guttenberg verhalten?

Das Verhalten der Bildungsministerin im Fall Guttenberg könnte sie heute teuer zu stehen kommen. In Interviews hatte sich Schavan damals deutlich distanziert: "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleitet hat, schäme ich mich nicht nur heimlich." Als sie die Rücktritts-SMS von Guttenberg auf dem Handy der Kanzlerin las, konnte sie sich, im Beisein der Presse, ein Grinsen nur mühsam verkneifen.

Wie verteidigt sich die Bundesbildungsministerin?

Zunächst ignorierte Schavan die Vorwürfe, über sechs Monate hüllte sich die Ministerin in Schweigen. Am vergangenen Sonntag ließ sie aber über ihren Sprecher mitteilen: "Es trifft mich im Kern. Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist. Ich habe sorgfältig gearbeitet. Hier und da hätte man noch sorgfältiger formulieren können." Die Unterstellung einer Täuschungsabsicht weist Schavan aber entschieden zurück.

Was sagt die Opposition?

Thomas Oppermann, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte auf "Spiegel Online", das Gutachten der Düsseldorfer Universität sei ein "schwerwiegender Vorwurf" gegen Schavan. Die Ministerin habe "an Herrn zu Guttenberg strenge Maßstäbe angelegt. Sie muss klären, ob diese Maßstäbe auch für sie selber gelten". Der SPD-Bildungspolitiker Ernst Dieter Rossmann hält einen Rücktritt der Ministerin für unvermeidlich, sollte sie den Doktortitel verlieren. Auch Linke und Grüne kritisieren Schavan hart. "Die Glaubwürdigkeit, die sie für eine gute Amtsführung braucht, hat sie schon verloren", sagte Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen, der Düsseldorfer "Rheinischen Post". Heinz Bierbaum, Linkspartei-Parteivize, sagte: "Schavan muss ihr Schweigen brechen. Eine Bildungsministerin, der die Aberkennung ihres Doktortitels droht, wäre eine schwere Belastung für die amtierende Regierung und jedenfalls keine Werbung für die Bundesrepublik."

Wann nimmt die Uni abschließend Stellung?

Am Mittwoch wird sich der Promotionsausschuss auf Grundlage des Rohrbacher-Gutachtens erstmals mit den Plagiatsvorwürfen beschäftigen. Das achtköpfige Gremium spricht eine Empfehlung aus, über die abschließend der Fakultätsrat zu befinden hat. Im Fakultätsrat sitzen neben Dekan, Prodekan und Professoren auch Studierende sowie wissenschaftliche Mitarbeiter und Gleichstellungsbeauftragte. Sie müssen entscheiden, ob Schavans Doktortitel möglicherweise aberkannt wird. Wann der Beschluss fällt, ist noch unklar.

Was passiert, wenn Schavan den Doktortitel verliert?

Sollte Schavan ihren Titel verlieren, scheint ein Rücktritt unumgänglich. Die Bundesbildungsministerin könnte nicht mehr glaubhaft für solides wissenschaftliches Arbeiten in Deutschland eintreten. Kanzlerin Angela Merkel hätte dann, nach Karl-Theodor zu Guttenberg, ein zweites Kabinettsmitglied aufgrund einer Plagiatsaffäre verloren. Da Schavan promovierte, ohne vorher ein Diplom oder einen Magister zu machen, ist es für sie auch ein Kampf um ihren einzigen universitären Abschluss.

Wie ist Schavans politisches Standing?

Die Kanzlerin hat Schavan am Montag den Rücken gestärkt. Sie sagte, die Ministerin genieße ihr "volles Vertrauen". Gleichwohl ist Schavan umstritten. Bei den Wahlen zur stellvertretenden Parteivorsitzende holte sie in der Vergangenheit regelmäßig schlechte Ergebnis. In ihrem Heimatwahlkreis Ulm gibt es derzeit eine heftige Debatte, ob sie nochmals als Kandidatin für den Bundestag aufgestellt werden soll. In ihrer Funktion als Bundesbildungsministerin konnte Schavan ohnehin nie richtig glänzen, da Bildung Ländersache ist.