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Plagiatsaffäre der Bildungsministerin: Schavan - auch ein Problem für Merkel

Die baden-württembergische CDU ist ohnehin gebeutelt, nun lastet auch noch die Schavan-Affäre auf dem Landesverband. Will Merkel ihre Chancen bei der Bundestagswahl wahren, muss sie handeln.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Das Gutachten über die Doktorarbeit von Wissenschaftsministerin Annette Schavan ist kompromisslos. Der Autor Stefan Rohrbacher wirft Schavan eine "Täuschungsabsicht" vor, das Profil der Dissertation spiegele das "charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise".

Schärfer kann die wissenschaftliche Kritik an einer Doktorarbeit kaum ausfallen. Hier geht es nicht um kleinere handwerkliche Fehler, etwa die vergessene Kennzeichnung eines Zitates. Das Gutachten besagt, dass sich Schavan in einer Reihe von Fällen nicht mit den Originalquellen beschäftigt hat, sondern schlicht aus der Sekundärliteratur abpinselte. Und selbst beim Abschreiben habe Schavan noch Fehler gemacht oder übernommen. So gesehen müsste es der Ministerin jetzt ergehen wie seinerzeit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Prof. Dr. Annette Schavan sagte damals, sie würde sich für die Plagiate des Freiherren "schämen, nicht nur heimlich".

Schwaben mögen keine Schummler

In eigener Sache scheint sie keine Scham zu empfinden: "Ich habe zu keinem Zeitpunkt bei der Arbeit an meiner Dissertation versucht zu täuschen". Das Urteil des Gutachters akzeptiert sie nicht. Erst müssten die zuständigen Gremien der Universität ihre Arbeit prüfen und abschließend bewerten. So ist es auch vorgesehen.

Die weitere Prüfung allerdings könnte eine monatelange Debatte provozieren, ob ihre Dissertation einen Titel wert war oder nicht. Das macht den Vorgang Schavan zu einem Problem für die Kanzlerin. Zum einen gilt die Wissenschaftsministerin als Angela Merkels besondere Vertraute. Zum anderen gehört Schavan zum baden-württembergischen CDU-Landesverband, dem zweitstärksten der Republik. Der ist derzeit kaum wahlkampftauglich und steht in scharfer Konkurrenz zu den Grünen. Die Schavan-Affäre dürfte die Lage des Landesverbandes weiter belasten, beim Thema Schummeln reagieren die Schwaben empfindlich. Absehbar ist, dass dies auch die Chancen der Gesamt-CDU bei der kommenden Bundestagswahl beschädigt.

Kopfzerbrechen im Kanzleramt

Viele Freunde in der CDU hat Schavan ohnehin nicht. Auf Parteitagen kassierte sie in der Regel das schlechteste Ergebnis, wenn die vier stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden gewählt wurden. Als Erwin Teufel dass Amt des Ministerpräsidenten und des baden-württembergischen CDU-Vorsitzenden aufgab, wollte Schavan in beiden Ämtern seine Nachfolge antreten. Kritiker hielten dies für eine maßlose Überschätzung ihres politischen Formats. Bei einer Mitgliederbefragung fand sie schließlich nur bei 39,4 Prozent der Parteifreunde Unterstützung. Der aktuelle Landeschef Thoma Strobl weiß genau, dass Schavan in ihrem Landesverband kaum geschätzt wird. Sie hat sogar Mühe, in ihrem bisherigen Wahlkreis Ulm wieder für den Bundestag aufgestellt zu werden.

Angela Merkel dürfte im Bundestagswahlkampf eine unbeliebte "Vertraute", die obendrein ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verloren hat, nicht nah an ihrer Seite sehen wollen. Aber in Baden-Württemberg ist nirgendwo ein Ersatz für Schavan als Wissenschaftsministerin in Sicht, so dass sie bei einem Rücktritt vermutlich das Kabinett auf mehreren Positionen umgebildet werden müsste. Das dürfte im Kanzleramt noch für einiges Kopfzerbrechen sorgen.