Drei Jahre Haft Eltern ließen Tochter fast verhungern


Zum nunmehr zweiten Mal ist ein Elternpaar aus Bad Mergentheim verurteilt worden: Es griff nicht ein, als sich die Tochter bis auf 21 Kilogramm herunterhungerte. Das Mädchen ist inzwischen schwer behindert.

Die Eltern der fast verhungerten Erina aus Bad Mergentheim sind am Montag wegen schwerer Körperverletzung zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Landgericht Stuttgart sah es als erwiesen an, dass der 61-jährige Vater und die 57-jährige Mutter ihre jüngste, an Essstörungen leidende Tochter abmagern ließen und nicht rechtzeitig medizinische Hilfe holten. Richter Ulrich Klein sagte, die Eltern hätten sich in unfassbarer Weise an ihrer Tochter schuldig gemacht. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Neuauflage des Verfahrens sechs Jahre Haft gefordert, die Verteidigung hingegen Bewährungsstrafen. Richter Klein sagte: "Das Kind war nur noch Haut und Knochen."

Im November 2003 war das damals 15 Jahre alte und 1,56 Meter große Mädchen auf 21,2 Kilogramm abgemagert. Es wurde in ein Krankenhaus in Bad Mergentheim eingewiesen. Dort fiel es in ein so genanntes Hungerkoma. Daraus erwachte das Mädchen mit Gehirn- und Nervenschädigung, schwerer Sehstörung, Einschränkung des Sprechvermögens und Lähmungen. Die heute 17-Jährige hat laut der Aussage eines Sozialarbeiters die Leistungsvoraussetzung einer Zweit- bis Drittklässlerin und ist dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen. Die Angeklagten haben noch zwei weitere bereits erwachsene Töchter. Diese leben wieder bei den Eltern.

Maßnahmen der Behörden torpediert

Klein sagte, es sei immer schwer zu urteilen, wenn es nicht wie im klassischen Fall um Vernachlässigung gehe. Noch schwerer werde es, wenn das Kind aktiv mitgewirkt habe. Versuchter Selbstmord sei nicht strafbar. "Es ist aber strafbar, wenn die Eltern nicht eingreifen." Erina sei schon lange unterernährt gewesen, der Zustand sei nicht kurzfristig eingetreten. "Die Eltern haben alles getan, um ein Einschreiten der Behörden zu verhindern und zu torpedieren." Sie hätten die Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Das Ehepaar war im Oktober 2004 vom Landgericht Ellwangen wegen schwerer Körperverletzung zu jeweils zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen das Urteil Revision beantragt. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil im Juli 2005 aufgehoben und den Fall zur erneuten Verhandlung nach Stuttgart verwiesen.

Bundesweite Schlagzeilen hatte das Paar im Jahr 2000 gemacht, als es die abgemagerten drei Töchter ohne Einwilligung der Ärzte aus verschiedenen Kliniken abgeholt hatte. Den Eltern war damals das Sorgerecht für die drei Kinder entzogen worden. Die Familie war mehrere Wochen abgetaucht, bevor sie von der Polizei in einer Ferienwohnung in Bayern aufgespürt werden konnte. Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte die problematische Familienkonstellation als "Sekte ohne Ideologie" bezeichnet. Der Verteidiger der Eltern will gegen das aktuelle Urteil Revision einlegen.

Oliver Schmale/AP AP

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