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Familienpolitik: "Wir dürfen kein Kind aufgeben"

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) macht weiter Ernst: Sie plädiert für eine Vorschulpflicht und für vorgeschriebene Sprachtests für Vierjährige

Wissenschaftler und Praktiker sind sich einig, dass der Anteil der überforderten Eltern deutlich zunimmt. Beobachten Sie das Gleiche?

Die meisten Eltern sind sehr engagiert und erfüllen ihre Aufgabe großartig. Aber ich beobachte, dass es daneben eine kleine Gruppe Eltern gibt, die wirklich Hilfe braucht, wo alles aus dem Ruder zu laufen droht. Manche von ihnen suchen Rat, das ist gut, denn ihnen können wir Hilfsangebote machen. Wirklich kritisch wird es bei jenen Eltern, die mit sich und ihrer Lebenssituation völlig überfordert sind. Alkohol und Drogen oder psychische Probleme sind oftmals mit im Spiel. Diese Eltern haben kein Problembewusstsein, sie nehmen die Bedürfnisse ihrer Kinder überhaupt nicht mehr wahr, weil es sie einfach nicht interessiert, wie ihre Kinder aufwachsen.

Wie wollen Sie diese Kinder erreichen?

Die wirksamste Methode ist der Kindergarten, wo sie im Kreis anderer Kinder spielerisch aufholen. Paradoxerweise steigt mit steigendem Bildungsgrad der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in den Kindergarten gehen. Das heißt: Die Kinder aus einem bildungsfernen Elternhaus kommen weniger in den Kindergarten, auch wenn ihre Eltern keine Gebühren zahlen. Aus der kritischsten Gruppe - sozial schwach und Migrationshintergrund - kommen 20 Prozent der Kinder nie in den Kindergarten. Für diese Kinder wird die Schule später zu einem Riesenproblem, weil sie Regeln nicht kennen, keine Freundschaften mit den anderen Kindern haben, weil sie die Sprache nicht verstehen und im wahrsten Sinne des Wortes nicht mitreden können.

Die entscheidende Entwicklungszeit eines Kindes findet statt, bevor die Schulpflicht ansetzt. Muss man also die Pflicht zur Förderung vorziehen?

Wo es zum Wohl des Kindes ist, ja - gerade weil wir kein Kind aufgeben dürfen! Deshalb erinnere ich an den CDU-Parteitag und plädiere dafür, das letzte Jahr vor der Schule wie ein verpflichtendes Vorschuljahr zu gestalten und damit eine Brücke zu bauen vom Kindergarten in die Schule. Wir würden damit alle Kinder ausnahmslos und verbindlich erreichen. Das Schulkindergartenjahr, das Niedersachsen jetzt einführt, ist genau der richtige Schritt.

Wer soll das bezahlen?

Christian Wulff zeigt, dass Kosten vom Land übernommen werden können. Die Kommunen und die Eltern werden entlastet. Die Eltern, weil das Schulkindergartenjahr beitragsfrei ist. Die Kommunen, weil sie im letzten Jahr weniger Kinderbetreuung finanzieren müssten und damit Luft bekommen für den Ausbau der Krippen- und Tagesmütternetze. Wenn wir frühkindliche Bildung als eine Aufgabe sehen, die die Innovation unseres Landes in 30 Jahren prägt, dann möchte ich mit Bund und Ländern über Finanzierung eines Brückenjahres zur Schule diskutieren und so ein ganzheitliches Konzept entwickeln.

Damit würde der Staat ein Jahr früher in die Pflicht genommen. Reicht das?

Nicht ganz. Ich halte den Ansatz in Nordrhein-Westfalen für richtig, im Alter von etwa vier Jahren bei allen Kindern einen Sprachtest zu machen. Für jene, die wie Drei- oder Zweijährige sprechen, muss der Staat verpflichtend Sprachkurse machen, damit die Kinder das ganze Potenzial an Kreativität, an Fantasie, auch an Lernvermögen der frühen Jahre entwickeln können. Vierjährige, die wie Zweijährige sprechen, haben im wahrsten Sinne des Wortes zu wenig Ansprache. Ihre Sprachlosigkeit ist ein Zeichen für ihre Beziehungsarmut und die Beziehungskälte ihrer Umgebung.

Interview: Stefan Braun, Walter Wüllenweber / print
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