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Kommentar

Weltflüchtlingstag: Schluss mit der Hysterie um die vermeintlich hohe Flüchtlingskriminalität

Lassen Sie sich nicht verrückt machen. Das Leben in Deutschland ist so sicher wie niemals zuvor - trotz der Flüchtlinge. Am heutigen Weltflüchtlingstag ist es an der Zeit, Entwarnung zu geben, meint stern-Autor Walter Wüllenweber.

Flüchtlinge und Kriminalität: Deutsche Männer sind genauso gefährlich!

stern-Autor Walter Wüllenweber beunruhigen die vielen Populisten mehr als die vielen Flüchtlinge

Sie leben in Deutschland, mitten unter uns. Im vergangenen Jahr haben sie 14 Menschen getötet, 125 Frauen vergewaltigt, insgesamt fast 8000 Gewalttaten verübt. Das sind beunruhigende Zahlen, aber niemand fürchtet sich. Die einzige Reaktion ist Gelassenheit. Denn die Zahlen beschreiben nicht die Kriminalität von Geflüchteten, sondern die der Bewohner der Stadt Hamburg. Wer von Einheimischen getötet wird, den betrauern meist nur die Angehörigen. Ist der Täter jedoch ein Flüchtling, ist das ganze Land erschüttert.

In den vergangenen fünf Jahren haben rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Etwa genauso viele Einwohner hat die Hansestadt. Wenn die Flüchtlinge so gefährlich sind wie die Hamburger, müssen wir also alle drei Tage mit einer Vergewaltigung rechnen und jeden Monat mit einem Toten. Das ist grausam, aber normal. Geht es nach der AfD und den Wahlkämpfern der CSU, ist jeder Fall ein Anlass für das volle Programm an öffentlicher Erregung: Brennpunkt, Talkshow, Schweigeminute im Bundestag, Gesetzesverschärfungen und "Merkel muss weg"-Demonstrationen. Die Hysteriemaschine dreht hoch.

Flüchtlinge und Flüchtlingsphobie

Die weltberühmte "German Angst" hat etwas Neues gefunden zum Fürchten: Flüchtlinge. Wir erleben eine Art gesellschaftlicher Hypochondrie. Die Deutschen entdecken an ihrem Volkskörper ständig Symptome einer gefährlichen Entwicklung – die Morde in Freiburg, Kandel oder in Wiesbaden – und verknüpfen alle Einzelfälle zur schlimmstmöglichen Diagnose. Es ist, als schließe man aus drei Kopfschmerzattacken gleich auf einen Hirntumor.

Die barbarischen Morde, begangen von Flüchtlingen, können wie Anzeichen einer dramatisch gestiegenen Gefahr aussehen. Doch das Gegenteil trifft zu: Vor gut fünf Jahren begann der große Flüchtlingszustrom nach Deutschland. Seitdem ist die Zahl der Straftaten nicht gestiegen, sondern deutlich zurückgegangen. Noch nie waren Menschen in Deutschland so sicher wie im Jahr 2018. Nicht wegen der Flüchtlinge, aber trotzdem.

"Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen", lautet das Universalrezept der Politik und vieler meiner Journalistenkollegen. Das Vorhandensein von Sorgen bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie berechtigt sind. Den Aberglauben von Impfgegnern oder Zeitgenossen, die sich vor Handystrahlen fürchten, machen wir nicht zum Inhalt einer Endlosschleife der öffentlichen Debatte und erst recht nicht zum Maßstab politischer Entscheidungen. Die Flüchtlingsphobie hingegen schon. Ängste ernst nehmen bedeutet manchmal auch, Entwarnung zu geben, wenn sich der Alarm als falscher herausstellt.

AfD und CSU haben sich für einen anderen Weg entschieden. Sie nehmen die Angst nicht ernst, sie verstärken und benutzen sie. Angstmachen ist weltweit die wirksamste Methode aller Populisten. Zuerst schürt man Panik, um danach zu behaupten, man kümmere sich ja nur um die Sorgen der Menschen. Populisten hängen ihr Fähnchen in den Wind, den sie selbst machen.

Deutsche Jungmänner sind genauso gefährlich

Wir wollen nicht naiv sein: Nicht alle Flüchtlinge sind harmlos. Im Schnitt sind sie sogar häufiger kriminell als Durchschnittsdeutsche, denn unter ihnen ist der Anteil junger Männer besonders hoch. Die sind die gefährlichste Gruppe in jeder Gesellschaft, auch in Deutschland. Der eigene männliche Nachwuchs wird genauso häufig straffällig wie der geflüchtete. Mit einem Unterschied: Achtzig Prozent der Gewaltopfer von Geflüchteten sind selbst Geflüchtete. Deutsche bestehlen, verprügeln oder töten hingegen überwiegend Deutsche. Einheimische müssen sich also eher vor deutschen Jungmännern fürchten als vor Geflüchteten.

Zum Schluss noch eine Zahl für alle Väter und Mütter, die sich Sorgen um das Wohl ihrer Töchter machen: In den ersten fünf Jahren des Jahrhunderts wurden in Deutschland 155 Mädchen unter 18 Jahren umgebracht. 2013 bis 2017 waren es 75. In den fünf Jahren des größten Flüchtlingszustroms hat sich die Zahl der ermordeten Mädchen halbiert. Nie waren die Töchter deutscher Väter so sicher wie heute.

+++ Hinweis: Der letzte Absatz weicht von der im stern gedruckten Version ab. Weil neue Zahlen zu den Mädchenmorden verfügbar waren, haben wir die letzte Passage entsprechend aktualisiert. +++