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G20-Konzert in Elbphilharmonie: 80 Minuten still sitzen - vielleicht Trumps schwierigste Aufgabe

Fünf verschiedene Staatschefs, fünf verschiedene Arten Beethovens 9. Symphonie zu "genießen". stern-Reporterin Anna-Beeke Gretemeier saß mit in der Elbphilharmonie und war über den ein oder anderen Mächtigen der Welt überrascht.

Konzert zum G20-Gipfel: So wird Merkel in der Elphi gefeiert

Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer hatten am Abend des ersten Gipfeltages zum Konzert in die Elbphilharmonie geladen. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielte unter der Leitung von Chef-Dirigent Kent Nagano – auf persönlichen Wunsch von Merkel – Beethovens 9. Symphonie. 80 Minuten Entspannung und Hörgenuss für die Mächtigen dieser Welt. Oder auch nicht... So unterschiedlich "genossen" fünf Staatschefs die "Ode an die Freude":

Emmanuel Macron, begleitet von Ehefrau Brigitte

Das französische Paar betritt als Erstes händchenhaltend den Konzertsaal. Sie nehmen in der ersten Reihe ganz außen rechts (neben Ehepaar Trump und vor Angela Merkel) Platz. Während des gesamten Konzerts ruht die Hand von Brigitte Macron in der Hand ihres Mannes. Sie sitzen still auf ihren Plätzen und scheinen die Darbietung sichtlich zu genießen. Zum Schluss fällt auf: Emmanuel Macron lehnt sich zu Donald Trump und erklärt ihm etwas, während er auf das Orchester zeigt. Vielleicht, dass das Hauptthema des letzten Satzes mit dem deutschen Text Friedrich Schillers ("Freude schöner Götterfunken...") seit 1985 offiziell die Europahymne ist?

Donald Trump, begleitet von Ehefrau Melania

Donald Trump betritt zusammen mit Melania (ebenfalls händchenhaltend) nach den Macrons den Saal. Der Applaus in der Elbphilharmonie ist verhalten. Trump lächelt trotzdem, winkt unbeirrt in die Runde und beklatscht engagiert die ihm nachfolgenden Staatspräsidenten. Sichtlich bequem richtet er sich neben seinem französischen Kollegen ein und hält mit ihm ein Schwätzchen, bis das Orchester die Bühne betritt. Während des Konzerts wechselt er auffällig oft seine Pose, rutscht unruhig auf seinem Sitz herum, verschränkt immer wieder die Arme, guckt suchend im Saal umher, hat offensichtlich Schwierigkeiten, sich auf Beethoven zu konzentrieren. Seine rechte Hand rutscht immer wieder tastend in die linke Innenseite seines Jacketts – die Versuchung zu twittern? Erst gegen 1 Uhr nachts äußert er sich wieder (mit einem sehr wohlwollenden Fazit des ersten Gipfeltages) auf seinem Lieblingsmedium:

Dafür teilt sich Trump seiner Frau immer wieder flüsternd mit. Die beiden geben überhaupt ein geeintes Bild ab. Sie scherzen leise, lächeln sich an, tätscheln sich das Bein und halten Händchen. Melania sitzt bis zum Finale mit perfekt drapiertem Haar kerzengerade im champagnerfarbenen Kleid. Erst als der Chor vehement "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligthum!“ anstimmt, macht sie es ihrem Mann gleich und verschränkt die Arme.

Angela Merkel, begleitet von Ehemann Joachim Sauer

Als unsere Bundeskanzlerin und Konzertgastgeberin in ihrem rosafarbenem Blazer gefolgt von ihrem Mann Joachim Sauer (nicht händchenhaltend, dafür winkend) den Elphi-Saal betritt, gibt es im Gegensatz zu Macrons und Trumps Einzug tosenden Applaus, Bravo-Rufe und Standing Ovations. Lächelnd nimmt Merkel in der zweiten Reihe Platz und hält während des gesamten Konzertes das Programmheft fest in den Händen, um sich ab und an damit Luft zu wedeln. ("Wohin mit den Händen?" ist ja auch ihre gängige Erklärung für das Raute-Zeichen auf Fotos.)

Joachim Sauer lauscht dem Konzert größtenteils mit geschlossenen Augen – seiner nach und nach leicht absackenden Pose zu urteilen, könnte man auch ein Schläfchen vermuten (frische Luft macht ja bekanntlich müde. Die Ehepartner waren zuvor auf einer Hafenrundfahrt unterwegs.)

Zwischen den Sätzen klatschen Merkel und Sauer kein einziges Mal. Erst als Chef-Dirigent Kent Nagano sich abschließend verbeugt, applaudieren sie ihm und den Philharmonikern zu.

Wladimir Putin, begleitet vom Sicherheitspersonal

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin verspätet sich um 15 Minuten und zieht sich beim Eintreten in den Saal noch schnell die Jacke seines Anzuges an. Er wird zur ersten Reihe geleitet, bittet die anderen Staatsgäste daraufhin aber, sitzen zu bleiben und nimmt selbst unauffällig am äußeren Rand der dritten Reihe Platz. Während der darauffolgenden 65 Minuten verzieht er keine Miene und beweist ein weiteres Mal seine tiefe Verbundenheit zur klassischen Musik.

Recep Erdogan, begleitet von niemanden, da nicht erschienen

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine Ehefrau Emine schwänzen das kulturelle Programm am Abend des ersten Gipfeltages. Aus dem Umfeld Erdogans heißt es später, der Präsident sei stattdessen in sein Hotel gefahren und habe dort eine Besprechung mit seinen mitreisenden Ministern gehabt.

G20 in der Elphi: Die Mächtigen gehen ins Konzert, den großen Krach gibt's draußen


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