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Haar- und Barterlass der Bundeswehr: Gesicht nach Vorschrift

Breitner-Tolle, Piercing, Tattoo auf dem Arm? Nicht in der Bundeswehr. Ein Erlass regelt das erwünschte Aussehen bis ins Detail. Aber längst nicht alle halten sich daran.

Von Johannes Dudziak

Haarschnitt sitzt: Bundeswehrsoldaten eines Wachbataillons in Bielefeld

Haarschnitt sitzt: Bundeswehrsoldaten eines Wachbataillons in Bielefeld

Der Erlass trägt die Kennung A-2630/1, sein Titel ist von mustergültiger Klarheit: "Das äußere Erscheinungsbild der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr". Was von Amts wegen gewünscht ist, ist dort unmissverständlich dargelegt. Tätowierungen? Abdecken. Große Ohrlöcher, sogenannte "Tunnel"? Ebenfalls abdecken. Piercings bitte abnehmen, Haare kurz, Bart gestutzt. Bei Frauen: kein auffälliger Lippenstift, Haare hochgesteckt.

Im Netz ist die Empörung groß über den Erlass, der im Februar in Kraft treten soll. Unter dem einschlägigen Blogeintrag des Bundeswehrexperten Thomas Wiegold ("Augen Geradeaus") stehen knapp 200, teilweise sehr zornige Kommentare. Wie viele der Postings tatsächlich von Soldaten geschrieben wurden, bleibt allerdings unklar. Und es sind Zweifel angebracht, ob das, was andere Menschen als Unterdrückung ihrer Individualität betrachten könnten, unter Soldaten auch so gesehen wird.

Tattoos mit rechten Zeichen

Was die Haar- und Barttracht betrifft, war die Bundeswehr schon vor dem neuen Erlass streng. Gründe dafür sind nicht nur das erwünschte "ordentliche" Aussehen, sondern auch Sicherheitsrisiken: Zu lange Haare beispielsweise können sich schnell elektrostatisch aufladen. Und bei Körpertätowierungen sei es schon immer auf die Symbolik angekommen, sagt Olaf Ernst*, der in Afghanistan gedient hat, zu stern.de: Zu Zeiten der Wehrpflicht hätten Soldaten mit rechtsradikalen Tattoos ("88") diese selbst im Schwimmbad abdecken müssen. Heutzutage würden Bewerber mit solchen Zeichen auf dem Körper gar nicht mehr eingestellt. Bei anderen Symbolen komme es auf die Region an, in der der Betreffende diene. "Mit nackter Frau oder Jesuskreuz auf dem Unterarm vor einem Afghanen rumspringen - das geht nicht."

Soldaten, die mit Piercings, Gesichts- oder Handtätowierungen herumlaufen, sind nach Angaben Ernsts sowieso sehr selten anzutreffen. Andere Tattoos würden durch die Dienstkleidung verdeckt. Außer im Sommer, da sei es erlaubt, den Feldanzug bis zum Oberarm hochkrempeln. Und wenn dann ein Tattoo aufblitzt? Nun ja.

Die Praxis der Kleiderordnung

Ohnehin liegt offenbar vieles im Ermessen der jeweiligen Truppenführer. "Im Ausland werden solche Richtlinien teilweise sehr lax gehandhabt", sagt Ernst. "Vollbart, Langhaar, Tattoos - in manchen Kompanien geht alles. Wichtig ist, dass man die jeweilige Bevölkerung nicht verschreckt. Wie wir in Nordafghanistan rumgelaufen sind, das war unglaublich. Da war Krieg - und keine Sau hat sich dafür interessiert. In so einer Situation ist nur wichtig, dass Waffen und Geräte funktionieren, alles andere ist egal. In Mazar-e-Sharif, wiederum, im Truppenhauptstützpunkt, war es anders. Da wurde alles relativ streng gehandhabt. Da mussten wir rasiert sein und im ordentlichen Anzug." Anzug steht im Bundeswehjargon für Dienstbekleidung.

Und was sagt Ernst dazu, dass der neue Erlass persönliche Freiheiten drastisch einschränkt? "Mit der Verpflichtung bei der Armee verzichtest du auf bestimmte Grundrechte. Du hast kein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Du darfst nicht jeden Tag anziehen, was du magst. Bist du jünger als 25, hast du kein Recht zu wohnen, wo du magst. Du wohnst in der Kaserne. Im Dienst kannst du auch nicht versuchen, andere Soldaten von deinen politischen Einstellungen zu überzeugen. Alle pochen immer auf ihre Grundrechte, das ist auch okay. Auf die individuellen Grundpflichten pocht natürlich kaum jemand. Ich finde es persönlich eine überhitzte Debatte."

Bundeswehrverband: "Viel Lärm um Nichts"

Die Aufregung entsteht anscheinend vor allem außerhalb der Bundeswehr. Ole Dobis, Geschäftsführer von Hauptstadt Tattoos in Berlin-Charlottenburg und seit 1988 im Geschäft, findet das Verbot von Gesichtstattoos unverschämt und diskriminierend. "Wenn Gesichtstattoos, dann gerade in der Bundeswehr", sagt Dobis stern.de. "Maorikrieger haben das schon vor mehr als hundert Jahren gemacht, um Feinde abzuschrecken. Ich finde das unwürdig, Menschen Gesichtstätowierungen zu verbieten, die ihr Leben für unsere Sicherheit opfern." Aber klar: Ole Dobis hat auch ein wirtschaftliches Interesse an Kundschaft. Jan Mayer, Sprecher des Bundeswehrverbandes wollte die Angelegenheit nicht kommentieren: "Es gibt weit Wichtigeres. Das ist viel Lärm um nichts."

*Name von der Redaktion geändert.

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