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Integration: Unsere Super-Türken

Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter, ihre Kinder sind erfolgreiche Deutsche. Allen Integrationsproblemen zum Trotz - viele junge Deutsch-Türken haben den beruflichen Aufstieg längst geschafft. Der stern stellt einige von ihnen vor.

Von Bernd Volland und Christine Zerwes

1961 war es, da reisten die ersten Anwerber in die Türkei. Männer, die Arbeiter suchten für ein Land, in dem es davon zu wenig gab. Sie sollten für ein paar Jahre in Deutschland bleiben, dann wieder gehen. 750.000 kamen insgesamt, man nannte sie Gastarbeiter.

2006: 2,6 Millionen Türken und Türkischstämmige leben in Deutschland, die Arbeiter hatten ihre Familien nachgeholt oder neue gegründet. Ihre Arbeitslosenquote beträgt heute mehr als 25 Prozent. 18 Prozent der 25-bis 34-Jährigen haben keinen Schulabschluss. Aus dem Gast, der arbeiten sollte, ist ein Problem geworden.

Nur ein Problem? "Auch wenn es zu viele gibt, denen die Integration noch nicht gelingt: Es werden immer mehr, die hier erfolgreich leben und das Land voran bringen", sagt Faruk Sen, Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien. "Es gibt durchaus Grund zu Optimismus."

Die Ursachen der Migrationsprobleme werden in Politik und Medien hinlänglich erörtert: Schlecht gebildete Eltern, die einst kamen, um nach ein paar Jahren wieder in die Türkei zurückzukehren, und sich deswegen kaum um eine deutsche Zukunft für ihre Kinder kümmerten. Deutsche Politiker, die das Wort Integration seinerzeit nicht in den Mund nahmen, weil der Gast ja bald wieder geht. Und heute wird über Parallelwelten geklagt. Soviel zu den Problemen.

"Integrationsleistung muss gewürdigt werden"

"Aber bei allen Schwierigkeiten: Man darf nicht vergessen, die schon erbrachte Integrationsleistung zu würdigen", sagt Sen. Noch immer haben zu viele junge Türken keine abgeschlossene Berufsausbildung, aber im Vergleich der Generationen sind auch Fortschritte zu sehen: Kamen ihre Väter noch als reine Hilfsarbeiter ins Land, um am Band und in Bergwerkschächten zu schuften, so verdienen mittlerweile fast zwei Drittel der unter 30-jährigen Werktätigen ihr Geld als Facharbeiter, Angestellte und Selbständige, wie das Zentrum für Türkeistudien in seiner letzten Umfrage unter Türkischstämmigen in Nordrhein-Westfalen ermittelte.

"Wir haben an den Universitäten 30.000 türkischstämmige Studenten. Menschen, die hier Karriere machen werden", sagt Sen. 2005 gab es 64.600 türkische Selbständige in Deutschland, die Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht, das hat das Zentrum für Türkeistudien in einer bisher unveröffentlichten Studie errechnet. Sie haben 323.000 Arbeitsplätze geschaffen, setzen 29,5 Milliarden Euro um.

Nur: Die positiven Beispiele werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. "Ich habe es satt, dafür bestaunt zu werden, dass ich es geschafft habe, obwohl mein Eltern doch aus Anatolien kommen", sagt Hatice Akyün, Journalistin und Buchautorin. Gerade jene Türken, die das schon lange erfüllen, was Deutsche in Sachen Integration fordern, leiden besonders unter den Klischees. Über die Hälfte der Türken ist überzeugt, dass ihre Kinder in Deutschland schlechtere Chancen haben als deutsche Kinder. Fast 80 Prozent auch von jenen mit guter Ausbildung klagen über Diskriminierungserfahrungen. Generell haben junge Hochschulabsolventen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Deutschen ohne Einwanderer-Eltern ein fast doppelt so hohes Risiko, arbeitslos zu werden - obwohl sie eine gleichwertige Ausbildung haben.

Wenn man mit erfolgreichen Gastarbeiterkindern spricht, loben sie oft die Aufgeschlossenheit ihrer Eltern. Pinar Yilmaz, 18, deutsche Meisterin im Juniorinnenboxen, sagt: "Ich bin stolz auf meinen Vater, gerade weil er kein Akademiker ist, sondern nur ein Bauer aus Anatolien, der gerade mal vier Jahre auf die Schule gehen durfte. Aber er brachte mir bei, dass man auch in Deutschland etwas werden kann." Pinar Yilmaz macht gerade Abitur, will danach Profiboxerin werden und studieren.

Die Leistung ihrer Eltern sehen junge Türken oft zu wenig gewürdigt. "Unsere Väter", sagt Buchautorin Akyün, "halfen, dieses Land aufzubauen. Aber das wird kaum geschätzt. Ich bin stolz auf sie." Faruk Sen mahnt: "Stolz auf die Eltern ist ein großer Motivator." Es gibt genügend Aufsteigergeschichten in türkischen Familien. In den USA würde man sagen: Es ist der American Dream. Doch die Deutschen pflegen den Stolz auf ihre Migranten nicht allzu sehr. "Dabei sind das Vorbilder, wie sie junge Türken brauchen", sagt Wirtschaftsprofessor Sen. "Man verschenkt Motivationspotenzial." Hoffnungsmacher für Problemfälle.

Qua Klischee müsste auch Zümrüt Gülbay eigentlich ein Problemfall sein. Sie wuchs im Berliner Wedding auf, einem typischen Migrantenviertel, und ihr Vater war keineswegs nur weltoffen, deshalb kam es später auch zum Bruch, als sie mit einem deutschen Mann zusammen sein wollte. Aber auf die Ausbildung der vier Töchter legte er wert. "Wir sollten nicht wie unsere Eltern später am Band arbeiten müssen", sagt Gülbay. Sie schloss nach dem Abitur in sechs Semestern ihr Jura-Studium ab und wurde an ihrem 28. Geburtstag die jüngste Professorin Deutschlands.