HOME

INTERNATIONALE VERGLEICHSSTUDIE: Deutsche Schüler zu doof?

Katastrophales Zeugnis für Deutschlands Schüler: Im weltweit größten Schulleistungstest »Pisa« landeten sie auf den hinteren Rängen. Manche Lehrer zählen ihre Schule aber immer noch zu den besseren im Land.

Eine vernünftige Grundbildung möchte Gerd Boysen seinen Schülern mit auf den Lebensweg geben. Das klingt bescheiden, doch es ist eine pädagogische Herausforderung. »Die Jugendlichen wirken oft unmotiviert«, klagt der 59-Jährige Leiter des Kieler Max-Planck-Gymnasiums. Gelernt werde oft nur für die nächste Klausur - dann werde das Wissen schnell wieder verdrängt. Die schlechten Ergebnisse des internationalen Leistungstests »Pisa«, an dem im vergangenen Sommer auch die Neuntklässler des Max-Planck-Gymnasiums teilgenommen haben, sind für den Oberstudiendirektor deshalb keine Überraschung.

»Ich wünsche mir eine bessere Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule - wir müssen an einem Strang ziehen«, sagt der Schulleiter. Bildung könne nur durch Kontinuität vermittelt werden. Deshalb sollten Eltern beispielsweise besser darauf achten, dass ihre Kinder die Hausaufgaben auch tatsächlich machen. Aber auch die Schule selbst müsse sich ändern: »Wir müssen den Schülern besser erklären, warum sie bestimmte Inhalte lernen sollten, wofür sie das anwenden können.« Darüber hinaus müssten die Jugendlichen besser auf jene Inhalte vorbereitet werden, die im »Pisa«-Test abgefragt wurden. Eklatante

Mängel hatte die Studie den deutschen Schülern vor allem beim Rechnen und Lesen bescheinigt.

»Da mussten wir dann raten«

»Der Leseverständnistest war völlig einfach, damit hatte ich überhaupt keine Probleme«, sagt der 17-jährige Lars Boldt, der sich selbst als mittelmäßig einstuft. Schwieriger seien die Mathe- und Physikprüfungen gewesen. »Für viele Aufgaben hatten wir noch gar nicht die passenden Lösungsansätze gelernt - da mussten wir dann raten.«

Seine Stärken sieht Lars Boldt ohnehin eher im Bio-Unterricht. Verhasst war ihm dagegen der »weltfremde« Latein-Unterricht,

den er abgewählt hat. Ob sich Jugendliche für ein Fach interessieren, hängt für seine Klassenkameradin Johanna Freese (Traumberuf Ärztin) von der Persönlichkeit der Lehrer ab: »Wenn einer monoton und mit dröger Stimme den Stoff runterleiert, dann ist man schnell gelangweilt.« Viele der Gymnasiasten wünschen sich vor allem jüngere Lehrer. Referendare beispielsweise würden häufig frischen Wind in die Klassenzimmer bringen, finden sie.

Reizüberflutung durch die Medien

Vor allem in der Lebensumwelt der Jugendlichen mit der Reizüberflutung durch Medien sehen die Lehrer ein Problem. Chemielehrerin Ellen Pauly (57) glaubt, dass Schüler, die häufig zu Hause vor dem Computer sitzen, mit Reagenzgläsern und Bunsenbrennern nur noch wenig anfangen können: »Man ist jetzt eher aufs Virtuelle bedacht und will sich nicht die Hände schmutzig machen.«

Probleme mit dem Begreifen komplexer Zusammenhänge

Und der Geschichts- und Französischlehrer Hans Jürgen Kühl meint, dass Schüler komplexe Zusammenhänge schlechter begreifen als noch vor zwanzig Jahren. »Darüber hinaus wird aber in der Schule auch so ziemlich alles verhindert, was Leistung fördert.« Im entscheidenden Schuljahr - der 13. Klasse - hätten die Schüler die geringste Stundenzahl ihrer gesamten Gymnasialzeit. Der 51-Jährige plädiert unter anderem für das Zentralabitur in Schleswig-Holstein. Damit wird die Leistung landesweit vergleichbar - ein zusätzlicher Anreiz für die Schulen, ihre Schüler gut auf die Reifeprüfung vorzubereiten.

Trotz aller Klagen über die Bildungsmisere, die sich auch am Max-Planck-Gymnasium offenbart, zählen die Lehrer ihre Schule immer noch zu den besseren im Land. So hat Schulleiter Boysen die Hoffnung nicht aufgegeben, dass seine Zöglinge im »Pisa«-Test besser als der Durchschnitt abgeschnitten haben. Auf die Ergebnisse des eigenen Gymnasiums, die bislang unveröffentlicht sind, warten Schüler und Lehrer am Max-Planck-Gymnasium deshalb mit Spannung.

Themen in diesem Artikel