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Kinderbetreuung: Deutschland ist nur Mittelmaß

Deutschland landet bei der Kinderbetreuung im Vorschulalter international nur im Mittelfeld. Das Kinderhilfswerk Unicef hat in einer Vergleichsstudie die Qualität von Kindergärten und Tagesstätten in 25 Industriestaaten untersucht. Deutschland kamd dabei nur auf Platz elf. Bemängelt wurden vor allem zwei wesentliche Misstände.

Die Bildungsmisere in Deutschland beginnt bereits in den Kindergärten: Einer internationalen Unicef-Vergleichsstudie zufolge werden Kinder bis zu sechs Jahren hierzulande nicht ausreichend betreut und gefördert. Von den 25 untersuchten Industrieländern belegte Deutschland nur einen geteilten elften Rang. Schweden liegt in der am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Untersuchung zur Kinderbetreuung in den OECD-Staaten (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) auf Platz eins. Nur die Skandinavier erreichten alle zehn von der Kinderhilfsorganisation formulierten Mindeststandards für die Betreuung und Förderung von Kindern.

Deutschland erfüllte auch nach Einführung des Elterngeldes nur fünf Kriterien. Zu ihnen zählen unter anderem, dass 80 Prozent der Kinder ab vier Jahren Zugang zu Kindergärten haben, dass 50 Prozent der Mitarbeiter in Kindergärten eine abgeschlossene Berufsausbildung haben und dass mindestens ein Erzieher auf 15 Kinder kommt.

Zu den Mindeststandards, die Deutschland nicht erreicht hat, gehören beispielsweise eine Kinderarmutsgrenze unter zehn Prozent und eine Versorgung aller Kinder mit medizinischen Grunddiensten. Darüber hinaus wird bemängelt, dass Deutschland nicht mindestens ein Prozent des Bruttonationaleinkommens für Kindergärten investiert. Bislang sind es in Deutschland nur 0,4 Prozent.

Unicef forderte von Deutschland verstärkte Anstrengungen, um alle zehn Mindeststandards zu erfüllen. Vor allem benachteiligte Kinder sollten in den ersten Lebensjahren von hochwertigen Förder- und Betreuungsangeboten profitieren, sagte Lothar Krappmann, Mitglied im UN-Komitee für die Rechte des Kindes. Gute Kindergärten und Krippen könnten soziale Benachteiligungen mildern und die Basis für späteres schulisches Lernen legen. Wichtig seien auch eine angemessene Ausbildung und Bezahlung für die Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen, ergänzte Krappmann. Der Beruf des Kinderbetreuers müsse aufgewertet werden, auch um einheitliche Qualitätsstandards, die in Deutschland noch fehlten, zu erreichen.

Skandinavische Länder und Frankreich liegen vorn

Im internationalen Vergleich liegen bei der Kinderbetreuung vor allem die skandinavischen Länder sowie Frankreich vorne. In den OECD-Ländern werden laut Studie heute über 80 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen täglich viele Stunden außerhalb der Familie betreut. Schlusslichter im internationalen Ranking sind Irland, Kanada und Australien. Selbst Länder wie die USA, die Schweiz oder Spanien können nur drei der zehn Kriterien erfüllen.

Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ergänzte die internationale Studie durch eine Untersuchung zur Nutzung und Finanzierung von Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Vor allem in Westdeutschland sei die Angebotsstruktur für unter Dreijährige unzureichend, sagte sie. Daneben zeige sich, dass Kinder aus benachteiligten Familien deutlich seltener Kindertageseinrichtungen besuchen. Gerade diese Kinder würden aber am meisten davon profitieren.

Von der Leyen ist nicht überrascht

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat die Ergebnisse der Unicef-Studie als "wenig überraschend" bezeichnet. "Das Zeugnis der Unicef bescheinigt uns Mittelmaß, weil wir in einigen Feldern sehr gut aufgestellt sind und in anderen besser werden müssen. Diese Ergebnisse geben uns aber starke Argumente, beim Ausbau einer guten Kinderbetreuung hartnäckig zu bleiben", sagte von der Leyen der "Rheinischen Post".

Kritik kam von der Linkspartei: "Das mittelmäßige Abschneiden Deutschlands bei der aktuellen Unicef-Studie sollte die Bundesregierung endlich aus ihrem kinder- und bildungspolitischen Tiefschlaf reißen", sagte die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Fraktion, Diana Golze.

AP/DPA / AP / DPA