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Kommentar: Antritt Schwan, Abtritt Beck

Die SPD hat Gesine Schwan als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt nominiert - und riskiert damit Parteichef Kurt Beck. Meint der es ernst mit Schwan, muss er mit der Linkspartei paktieren. Dieses Dilemma könnte ihn die Kanzlerkandidatur kosten. Schaden würde es nichts.

Von Lutz Kinkel

Im Marketing spricht man von einem "Irradiationsphänomen". Das bedeutet: Ein Detail strahlt so stark auf das Ganze ab, dass sich die Wahrnehmung des Ganzen ändert. Vermieter zum Beispiel nutzen diesen Effekt gerne. Sie kleben ein bisschen Plastikstuck an die Decke, streichen weiß drüber, und schon sieht die Hütte aus, als hätten dort im 19. Jahrhundert literarische Salons stattgefunden. Das treibt den Mietpreis natürlich.

Die SPD, so gebeutelt und elend sie ist, setzt auf exakt diesen Mechanismus. Gesine Schwan ist ein fröhlicher, selbstbewusster Mensch mit einer hohen moralischen Integrität. Sie hat sich nicht im Kleinklein der Tagespolitik verbraucht, an ihr klebt weder das Arbeitslosengeld II noch die Pendlerpauschale und schon gar nicht die Diätendebatte. Sie verkörpert das, was die Franzosen Esprit nennen. Wäre sie nicht eine glanzvolle Kühlerfigur, die den alten Karren SPD plötzlich schnieke aussehen lässt?

Beck läuft nicht, er stolpert

Ja doch. Ganz sicher. Trotzdem fährt die SPD mit der Nominierung Schwans ein hohes Risiko. Um überhaupt eine Chance bei der Präsidentenwahl zu haben, benötigt Schwan die Stimmen der Linkspartei. Deren Fraktionschef Gregor Gysi rieb sich auf dem Parteitag in Cottbus schon die Hände: Das wird teuer, rief er in Richtung SPD. Natürlich haben es die Linken satt, von der SPD als Schmuddelkinder behandelt zu werden. Sie wollen Einfluss, sie wollen Macht, sie werden versuchen, der SPD politische Zugeständnisse für die Zeit nach der Bundestagswahl 2009 abzuringen. Wie SPD-Parteichef Kurt Beck dieses Geschäft über die Bühne bringen soll, ohne den letzten Rest Glaubwürdigkeit zu verspielen, ist nicht darstellbar. Meint er es ernst mit Schwan, muss er Wortbruch II planen. Plant er Wortbruch II, kann er seine Kanzlerkandidatur vergessen.

Schwan schlägt Beck und Beck ist weg. Das ist die Konsequenz. Aber wäre das so schlimm für die SPD? Kurt Beck läuft nicht mehr, er stolpert durch die politische Arena. Der Patzer mit der Linkspartei, der Patzer mit dem Steuerkonzept. Der Patzer mit den Diäten, der Patzer mit Gesine Schwan. Weil Beck das Dilemma ahnte, das auf ihn zukommen würde, hat er sich lange gegen ihre Kandidatur gesperrt. Lieber Horst Köhler wählen als Wortbruch II riskieren. Fraktionschef Peter Struck, Parteivize Frank Walter Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück standen hinter ihm. Dann aber mobilisierte Schwan ihre Truppen in der SPD und begann zu fliegen. Jetzt recken die SPD-Granden die Hälse und stolpern hinterher. Schon wieder.

Die Bundesrepublikin

Schwan gegen Köhler, Steinmeier gegen Merkel, und die Gewinner heißen: Schwan und Merkel. Allein die Vorstellung ist faszinierend. Zwei Frauen, zwei Ämter, die eine Bundespräsidentin, die andere Kanzlerin. Willkommen in der Bundesrepublikin. Der Stil der Politik würde sich verändern, die Kultur des Landes auch. Schaden würde es nichts.

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