HOME

Kommentar: GAU in Asse II

Das Wort Skandal wollte der Bundesumweltminister nicht in den Mund nehmen. Sigmar Gabriel sprach stattdessen von einem GAU. Doch auch dieser Begriff deckt nicht angemessen ab, was der Öffentlichkeit als Ergebnis der Untersuchung des atomaren Versuchsendlagers Asse II präsentiert wird.

Von Hans Peter Schütz

Rund 50 Jahre lebt die Bundesrepublik jetzt bereits mit einem Atommülllager, in dem die Sicherheit an keiner Stelle gewährleistet ist. Das ist - erstens - ein politischer Skandal, der von allen Parteien zu verantworten ist, die in diesem Zeitraum irgendwann einmal regierten. Keiner der Forschungsminister hat sich jemals ernsthaft um den Strahlenschutz in Asse II gekümmert. Kein Umweltschutzminister, auch nicht die heutige Kanzlerin Angela Merkel, hat sich irgendwann einmal danach sorgfältig erkundigt, wie dort mit radioaktiven Stoffen umgegangen, was dort wie in einem einsturzgefährdeten Salzbergwerk verbuddelt wird.

Dass sogar hochgiftiges Plutonium herumliegt, dass das Bergwerk löcherig ist wie ein Schweizer Käse - keinen der politisch Verantwortlichen hat es interessiert. Insofern sei Sigmar Gabriel Dank, dass er die Situation ohne den geringsten Versuch der Beschönigung jetzt offen gelegt hat. Man kann nur hoffen, dass die für Asse II zuständige Bundesforschungsministerin Schavan mit ihm uneingeschränkt kooperiert bei der Bewältigung dieser Zustände.

Seit 40 Jahren undicht

Was Asse II darüber hinaus - zweitens - zu einem gesellschaftspsychologischen Skandal macht, ist die Tatsache, dass sowohl der Betreiber der Anlage, das Helmholtz-Zentrum München, wie auch die Aufsicht, das Landesamt für Bergbau in Niedersachsen, und alle hoch gelehrten Atomexperten alles, was dort geschah, sicherheitspolitisch schnurzegal war.

Ungenehmigt wurde mit radioaktiven Stoffen hantiert, der Strahlenschutz grob vernachlässigt. Seit 40 Jahren ist bekannt, dass das Bergwerk undicht ist und nicht erst seit 1988, wie der Betreiber behauptet hat. Geschehen ist nichts. Wie wollen angesichts dieser Schlamperei die Bürger wieder jemals Vertrauen gewinnen, dass mit den Folgen der atomaren Energiegewinnung auch nur halbwegs vernünftig umgegangen wird?

Damit ist der Skandal - drittens - auch ein GAU für die laufende Endlagerdebatte. Es sollen schließlich über Gorleben hinaus weitere Endlager geprüft werden, sei es in Bayern, sei es in Baden-Württemberg. Beide Bundesländer lehnen die Suche danach auf ihrem Territorium bekanntlich so strikt ab wie sie auf eine Verlängerung der Laufzeiten der existierenden Kernkraftwerke drängen. Wer so agiert, dem muss allerdings die Forderung nach längeren Laufzeiten oder gar dem Bau neuer Atommeiler abgeschlagen werden.

Weshalb hier so unlogisch Politik gemacht wird, liegt jetzt noch mehr auf der Hand als zuvor: Wie sollen die Bürger dem Staat die hehren Versprechungen über einen kontrollierten Umgang mit den Risiken dieser Technologie glauben, wenn sich der Staat als rundum unfähig erweist, ein kontrolliertes Sicherungsverfahren zu organisieren? Asse II gibt uns allen Anlass heftig an die Stirn zu tippen, wenn Politiker und Experten lautstark erklären, in Gorleben sei alles in nicht radioaktiver Butter.

Themen in diesem Artikel