Konjunkturpaket In deutschen Schulen bröckelt der Putz


Die Schulen in Deutschland sind in einem schlechten Zustand: Die Toiletten stinken, es regnet durch die Dächer. Klassenräume, Labors und Fachräume sind veraltet. Damit soll jetzt - Konjunkturpaket sei Dank - Schluss sein. 6,5 Milliarden Euro will der Bund zusätzlich investieren. Aber reicht das?
Von Catrin Boldebuck

"Ich bin die Toiletten-Deckel-Königin von Berlin", sagt Lydia Sebold, 55, Rektorin der Grundschule am Barbarossaplatz. Als sie vor acht Jahren die Leitung der schönen, über 100 Jahre alten Schule in Berlin-Schöneberg übernahm, zog sie durch die Baumärkte und erbettelte 35 bunte Klodeckel. Rektorin Sebold hatte kein Geld für neue, stabile Klobrillen.

Die Schulen in Deutschland sind in einem miserablen Zustand: Die Toiletten stinken, es regnet durch die Dächer, in den Klassenräumen zieht es, die Kinder sitzen an Pulten, die bereits Generationen von Schüler über sich ergehen lassen mussten. Labors und Fachräume sind veraltet. Dabei ist eine schöne, kindgerechte Umgebung wichtig fürs Lernen. Der Raum gilt bei Experten als "dritter Pädagoge". Um alle 44.000 Schulen zu renovieren, wären nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Urbanistik 73 Milliarden Euro erforderlich. Die 350 Hochschulen benötigen nach Schätzung des Wissenschaftsrats 15 Milliarden Euro.

Beim Betreten der Schule fast erschlagen

In der ehemaligen Berliner Mädchenschule bröckelt der Putz von den Wänden. Anfang Dezember wäre eine Lehrerin beim Betreten der Schule fast erschlagen worden, weil ein Brocken von der verschnörkelten Fassade direkt neben ihr niedersauste. Seit vier Wochen sichert ein Gerüst den Eingang. Ein gelbes Schild hängt am Eingang: "Betreten der Baustelle verboten. Eltern haften für ihre Kinder." Regen dringt durch die morschen Holzfenster in den Klassenzimmern.

Damit soll nun Schluss sein. Denn in den nächsten beiden Jahren will der Bund insgesamt 6,5 Milliarden Euro für den Ausbau und die Sanierung von Kindergärten, Schulen und Hochschulen zur Verfügung stellen. Das ist die größte Finanzspritze für Bildung, die es jeh aus Berlin gab. Die Investitionen sind Teil des 50 Milliarden schweren Konjunkturprogramms zur Stützung der angeschlagenen Wirtschaft. Bundeskanzlerin Merkel feiert es als "größtes Maßnahmenpaket in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland".

Der Wind pfeift durch die Dachziegel

Auf dem Dachboden liegt Schnee, eisiger Wind pfeift durch Ritzen zwischen den Ziegeln, die unsachgemäß mit Bauschaum gestopft wurden. Die Holzbalken sind von Schwamm befallen. Vor einem Jahr musste die Turnhalle gesperrt werden: wegen Einsturzgefahr. "Wenn wir Sport haben, müssen wir bei Regen und Schnee zu anderen Schulen laufen. Das ist doof", erzählt der elfjährige Schulsprecher David. Und dadurch geht kostbare Unterrichtszeit verloren: Anziehen, Fußmarsch und Umziehen - von der Doppelstunde Sport geht allein eine für den Weg drauf.

Doch das Geld wird nicht reichen. Schulleiterin Sebold rechnet vor: Allein an ihrer Schule sind Sanierungsarbeiten von 6,3 Millionen Euro erforderlich. "Und dann haben wir nur das Gebäude renoviert. Dabei brauchen wir für zeitgemäßen, individuellen Unterricht mehr Platz und mehr Räume", sagt sie. Auch neue Computer und ein Internetzugang in jedem Klassenzimmer wären erforderlich für einen modernen Unterricht.

Strukturelle Reformen sind nötig

Die Renovierung der Gebäude sei zwar richtig, aber nicht die Lösung aller Probleme in der Bildungspolitik, kritisieren Bildungsökonomen wie Ludger Wößmann vom Münchener ifo Institut. "Natürlich ist es sinnvoll, wenn durch das Konjunkturprogramm jetzt Schulgebäude und Universitäten saniert werden", sagt er. Seine Kollegin Kerstin Schneider von der Universität Wuppertal stimmt ihm zu: "Die Gebäude sind wichtig. Die hätten längst renoviert werden müssen. Aber niemand soll glauben, dass die Kinder dadurch automatisch mehr lernen oder besser bei Pisa abschneiden." Um langfristig durch bessere Bildung mehr Wachstum zu erzielen, brauche man strukturelle Reformen, da sind sich beide Experten einig. Sie fordern zum Beispiel mehr Kita-Plätze und dazu eine bessere Ausbildung der Erzieherinnen. Außerdem nötig: mehr Wettbewerb und Leistungsanreize an den Schulen.

Wirtschaftsprofessorin Kerstin Schneider hält zudem den Ausbau der Ganztagsschulen für sinnvoll. Aber der allein kostet 20 Milliarden Euro, das rechnet das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in einem neue Gutachten vor. Aber die sind im Konjunkturprogramm nicht vorgesehen.


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