Lokaltermin in Fürth "Was die Frau Landrätin so treibt..."


Fürth ist ein beschauliches Städtchen in Franken - rund 100.000 Einwohner, etwa zwei Drittel sind katholisch. Nach dem Wirbel um Gabriele Paulis Latex-Fotos wollte stern.de von der Basis wissen, was sie von den Auftritten der "schönen Landrätin" hält.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Eigentlich hätte das junge Pärchen, das in einem Straßencafé sitzt, einen direkten Blick auf die Zeitungsständer. Auf den Titelblättern der heutigen Mittwochs-Ausgaben: Gabriele Pauli, die schöne CSU-Landrätin, in ungewohnter Aufmachung - mit schwarzen Latex-Handschuhen und einer fuchsroten Perücke, die sie wie eine Mischung aus Schaufensterpuppe und Schlagerfee Katja Ebstein aussehen lässt. Doch das junge Pärchen hat nur Augen für sich und hält verliebt Händchen.

Frühlingsgefühle, Sonnenschein - heute treibt es viele Fürther in die Fußgängerzone und an die Tische der zahlreichen Cafés, wo man sich draußen gut gelaunt zu einem Glas Latte Macchiato zusammensetzt. Beinahe an jeder Straßenecke ist eine andere Sprache zu hören. Fränkisch mischt sich mit Türkisch, Russisch mit Griechisch, Italienisch mit Kroatisch. Eines aber haben alle gemeinsam: Wer spricht, redet unaufgeregt. Nichts könnte die Atmosphäre in dieser malerischen 110.000 Einwohner-Stadt mit ihren versteckt gelegenen Fachwerkhäusern besser spiegeln: Unaufgeregtheit.

Skandale passen hier so gut hin wie eine Kuh auf den Münchner Marienplatz. Vielleicht entspricht es also einfach nicht der Fürther Mentalität, sich über das aufzuregen, was "die Frau Landrätin so treibt", wie es eine grauhaarige Frau mit Hornbrille im geschäftigen Vorbeigehen sagt. Vielleicht sollte man es auch nicht Skandal nennen, wenn die Politikerin, die an Edmund Stoibers Thron sägte, nun in einem Hochglanzmagazin in Haute-Couture-Abendkleidern posiert, sexy und verwegen, und sich auf einigen Bildern zu einer weißen Seidenbluse und einer schwarzen Seidenhose von Christian Lacroix mit langen, schwarzen Latex-Handschuhen präsentiert.

"Sieht doch sexy aus"

Andererseits: Könnte man da nicht auf die Idee kommen, die schöne Frau Pauli als Pseudo-Domina abzustempeln? "Klar, wie die so auftritt, mit ihren eingeölten Handschuhen, da denke ich schon, ich hätte eine Domina vor mir", sagt Hartmut Volle, Schauspieler, und knabbert an seiner Eiswaffel. "Aber ehrlich gesagt, ich finde das klasse. Schöne Frauen gucke ich immer gerne an. In die Politik muss endlich mehr Sex." Auch Werner Beutemann ist von den Fotos sehr angetan: "Sieht doch sexy aus, die Pauli in den Latex-Dingern. Es gibt doch kaum schöne Frauen in der Politik - unsere Frau Bundeskanzlerin könnte sich so was nicht erlauben."

Mit vollen Einkaufstüten schlendert Brigitte durch die Fußgängerzone. Knallrote Haare, knallroter Lippenstift. "Das sind wunderbare Modefotos", schwärmt sie und solidarisiert sich sofort mit der Fürther Landrätin: "Ist doch toll, wenn eine Frau sich so etwas traut. Die Frau Pauli lässt sich eben nicht beirren. Großartig! " Ebenfalls begeistert ist Elena Forsch : "Warum sollte eine so hübsche Frau sich denn nicht so ablichten lassen? Ist doch kein Grund, sich aufzuregen. Hauptsache, sie macht gute Politik, alles andere ist ihre Sache."

"Das gehört sich nicht für eine Politikerin"

Doch es hagelt auch heftige Kritik aus den Reihen der Frauen. Als die dunkelhaarige Neu-Fürtherin Gülcan Karatas die Fotos sieht, schüttelt sie den Kopf: "Das gehört sich nicht für eine Politikerin. Würde sich eine Sängerin so abbilden lassen oder eine Schauspielerin, dann wäre das okay. Aber doch nicht die Frau Pauli." Ihr Tipp: "Wenn die Frau Pauli unbedingt Fotos von sich machen will, soll sie sich doch mit ihrem Kind auf ein Fahrrad setzen, durchs Grüne radeln und fotografieren lassen. CSU-Politiker sollten auf Familie machen und nicht auf Domina."

Harsche Rüge gibt es auch aus der Fraktion der alteingesessenen Fürther, wie etwa von Ernst Kunstfeld: "Die will doch bloß einen Skandal provozieren. Ich verstehe nicht, warum die jetzt wieder so ein Theater macht!" Auch Markus Klinger, der mit einem Blumenstrauß in der Hand über den Marktplatz schlendert, unterstellt der Landrätin Publicity-Sucht: "So bleibt sie zumindest im Gespräch. Die braucht halt Aufmerksamkeit."

Auf Wählerfang mit tollen Fotos?

Dass diese Aufmerksamkeit nicht zwingend zum Schaden der Partei sein muss, meinen Stefan Schmidt und René Assuw, beide Anfang Zwanzig: "Mit solchen Fotos gewinnt die Pauli bestimmt neue CSU-Wähler, vor allem die Jüngeren. Man sieht gleich: die ist doch locker, die Frau. Wer so mutig und offen ist, hat auch für unsere Probleme Verständnis. So was braucht man heute in der Politik. Wer will denn schon so einen Griesgram wie Stoiber?" Lachend fügen sie hinzu: "Der würde in Latexhandschuhen allerdings echt alt aussehen."


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