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Minijobs in Deutschland Die Qual mit dem Shampooregal


Ich war jung, motiviert und brauchte das Geld. Also besorgte ich mir wie Millionen andere einen Minijob. Aber bei Job Nummer 5 kamen die Zweifel - am System.
Von Rebecca Struck

Grinsend schlendert meine Kollegin aus der Drogerie. "Auf nimmer Wiedersehen", ruft sie. Sie ist die vierte, die kündigt - innerhalb von nur zwei Monaten. Was für eine Bilanz, denke ich, während ich auf dem Boden kniend Bodylotion einsortiere. Kein Wunder, dass sie sich so freut: Das Arbeitsklima in dem Laden, für den ich seit zwei Monaten Regale einräume, ist gruselig. Keine Aushilfe hält es hier lange aus, sagt eine Kollegin - und sie sollte recht behalten.

Wie ich an den Job gekommen bin? Nach meinem Studium habe ich etwas gesucht, das mich finanziell über Wasser hält. Etwas, mit dem ich die Bewerbungszeit sinnvoll überbrücken kann. Halbtagsstelle? Fehlanzeige. Mehrfach lässt man mich bei der Arbeitssuche wissen: "Wir stellen nur auf 400-Euro-Basis ein." Der Mini-Job ist schließlich für ganze drei Monate mein Broterwerb. Shampooflaschen, Zahnpasta und Windeln einräumen - so schlimm kann das nicht sein, sage ich mir. Weit gefehlt.

Arbeitsklima: Wo denn?

Das unausgesprochene Gesetz im Haus habe ich schnell verstanden: Ganz oben in der Hackordnung stehen die Filialmitarbeiter. Wir, die Minijobber, angestellt von einem externen Dienstleister, sind im Idealfall unsichtbar. Schon bei der Vertragsunterzeichnung komme ich mir vor wie ein Verbrecher. Ellenlange Belehrungen, Pfand für die Schürze und das Cuttermesser aus Plastik, "so sind nun mal die Vorschriften", lächelt der junge Personaler und drückt mir einen Kugelschreiber in die Hand. Ich denke nicht lange drüber nach und unterschreibe. Aber auch im Laden selbst gilt die Devise: Vertrauen ist gut, Taschenkontrolle besser. Regelmäßig nach Arbeitsende werden Handtaschen, Beutel und Tüten nach möglichem Diebesgut gefilzt, auch das seien nun einmal die Vorschriften, heißt es. Zu einem guten Arbeitsklima trägt das nicht bei. Auch nicht die ständigen Zickereien. Irgendwann machen wir ein Quiz daraus und fragen uns: Wer ist heute dran? Lustiger wird es dadurch nicht, die wechselhafte Stimmung steckt irgendwann an, nach wenigen Wochen mache ich nur noch meinen Job so gut es geht. In Gedanken brülle ich schon: "auf nimmer Wiedersehen".

Drei Mal in der Woche übernehmen wir die Warenverräumung für die Kette. Mal sind es vier, fünf oder sechs Aushilfen. Mit mir arbeiten Studenten, die ihr Bafög aufbessern, Vollzeitbeschäftigte, die ihr Gehalt aufstocken wollen, und Arbeitsuchende - meistens Frauen. Für unsere Arbeit gilt: Je schneller wir sind, desto weniger kosten wir den Arbeitgeber. Außerdem ist - ob Minijob oder gutbezahlte Vollzeitstelle - Flexibilität ein Muss. Wie lang gearbeitet wird, hängt ja davon ab, wie viele zur Arbeit erscheinen - planbar ist das selten. Kein Problem, wir sind ja flexibel!

Gehalt: Nicht der Rede wert

Vier verschiedene Minijobs habe ich seit meinem Abitur hinter mir. Ob als Servicekraft in einer schummrigen Bar oder stets grinsende Kundenberaterin in einem Shoppingparadies: Meine kleine Jobberwelt war in Ordnung, der Nebenverdienst ausreichend und die Kollegen nett. In der Drogerie aber ergeben Unterbezahlung, der Druck, genug Geld zu verdienen, körperliche Anstrengung und angespanntes Arbeitsklima eine anstrengende Mischung. 6,50 Euro Netto in der Stunde verdiene ich, laut Hans-Böckler-Stiftung bin ich ein echter Niedriglöhner. "Auf ihre 400 Euro kommen sie locker", sagte man mir während meiner Probearbeitszeit. 15 Stunden in der Woche müsste ich dafür arbeiten. So viele sind es aber nie, wir sind wohl zu schnell.

Vergesst es. Ich war die Fünfte, die gekündigt hat.

Rebecca Struck

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