Politiker-Biografie Joschka Fischer - ganz ohne Kleider


Er war Sponti, Steinewerfer, Minister und Welterklärer. Niemand konnte so staatsmännisch die Stirn runzeln wie Joscka Fischer. Jetzt liefert ein Autor saftige Details aus dem Leben des Übervaters der Grünen.
Von Hans Peter Schütz

Als die Grünen auf Gegenkurs zu ihrer bisherigen Afghanistan-Politik gehen, als sie jubelnd hoch springen und auf dem Sonderparteitag in Göttingen nach ihrem Abstimmungssieg übers Parteiestablishment einander in die Arme taumeln, trauert Daniel Cohn-Bendit um seinen besten Freund. "Jetzt ist Joschka Fischer beerdigt." Abgetrieben sei, so grummelt er, die grüne Politik der rot-grünen Regierungszeiten.

Pathos - oder unnütze Trauer

Pathos, wie ihn Joschka gewiss als angemessen empfunden hätte, wäre er in Göttingen dabei gewesen. Unnütze Trauer, dürfte Jürgen Schreiber gedacht haben, wäre er in Göttingen "Dany" gerade nahe gewesen. Weshalb auch trauern um einen, für den Grün nie Verpflichtung, immer aber ein Gemischtwarenladen zur beliebigen Selbstbedienung und Selbstinszenierung gewesen ist? Für den Journalisten Schreiber war das Pathos der Selbstdramatisierung Fischers Schlüsseltechnik des Machterhalts, von diesem zur Kunstform erhoben. Den Dreiteiler des Außenministers nennt Schreiber den "Tarnanzug des neuen Opportunismus", der sich mit dem rot-grünen Wahlsieg von 1998 endemisch ausgebreitet habe. "Vordem schmiedeten die Grünen 'Schwerter zu Pflugscharen'. Nun schmiedeten sich die Pazifisten von gestern in die Militaristen von morgen um."

Sätze wie mit der Rasierklinge geschrieben. Von einem, der Fischer drei Jahrzehnte beobachtet, begleitet, bewundert hat, ja, das auch, trotz der unzähligen Widersprüche und Ungereimtheiten, die Joschka ihm vorlebte und auszuhalten aufgab. "Meine Jahre mit Joschka", heißt Schreibers Buch (Econ-Verlag), das die "Frankfurter Allgemeine" mit einem Vorabdruck aus der grauen Masse der 30 000 Neuerscheinungen dieses Bücher-Herbstes hervorgehoben hat.

Grün nur noch eine Farbe - keine Idee?

Eine literarische Reportage nennt Autor Schreiber, vielfach ausgezeichneter Journalist, seine Arbeit, die nichts weniger sein will als eine Fischer-Biografie. Und die doch mehr über den Straßenkämpfer, den Politiker, den Nein-Sager, den Ja-Sager, den Menschen Fischer in all seinen radikalen Widersprüchen erzählt als es Fischers eigene Memoiren jemals tun werden, die in diesen Tagen ebenfalls auf den Büchertischen liegen werden. Insofern ist das Buch ein Glücksfall, zumal in einer Zeit, in der abgetretene Politiker ihre Geschichte und zeitgeschichtliche Bedeutung selbst glorifizieren. Egal wie die Fakten sind, Hauptsache man behält die Hoheit über die eigene Geschichtsschreibung. Da unterscheidet sich Fischer nicht von Gerhard Schröder oder Helmut Kohl.

Natürlich wird Fischer das Buch nicht mögen, allein schon deshalb, weil er sich auf eine Selbstbefragung nie eingelassen hat. Schreiber ist es, ohne plumpe Häme und ohne Bitternis, gelungen, die stetig wechselnden Hüllen und Körperumfänge aufzubrechen, in der sich Fischer stets versteckt hielt. Und doch ist es kein bitteres Buch, geschrieben zuweilen in der Ich-Form, was die leise Wehmut über den Niedergang seines Sujets bewusst macht. Schon allein aus diesem Grund müsste Fischer glücklich sein, ein solches Buch zu bekommen. Auch wenn ihm darin unnachsichtig nachgewiesen wird, dass er die Hoffnungen, die sich mit seiner Person verbanden, nicht erfüllt hat. "War es denn nicht so," fragt Schreiber, "dass er nur Erfolg hatte, weil er von unseren Gefühlen getragen wurde?" Und wäre Fischer denn jemals so geliebt worden, hätte man gewusst, dass er die Partei mit der Friedenstaube für den eigenen Machterhalt in den Balkan-Krieg und den Afghanistan-Konflikt zwingen würde? Fakt ist doch: Irgendwann hatte das Amt den Minister erobert, nicht er das Amt. Darunter leidet die grüne Partei heute mehr denn je. Kann Hoffnung enttäuscht werden, fragt Ernst Bloch. Durch einen Politiker, der sich ständig neu erfunden hat, ganz gewiss.

Von den Lügen befreien

Die Frage, die nach der Lektüre offen bleibt: Sind die Grünen fähig, die eigene Geschichte zu realisieren? Können sie sich von den Lügen befreien, auf denen ihr Erfolg aufgebaut ist? Der Afghanistan-Sonderparteitag war nur ein kleiner, erster Schritt in diese Richtung. Was hätte Petra Kelly gesagt, hätte sie Fischers Aufstieg noch erlebt? "Für sie war Grün eine Verpflichtung, kein Gemischtwarenladen zu beliebigen Selbstbedienung," antwortet Schreiber auf diese Frage. Grün nur noch eine Farbe, keine Idee mehr? Ja, sagt Schreiber, Grün ist "eine verlorene Sache, verschüttet unter Schichten von Zeitgeist." Weggeschwemmt von der Prosecco-Welle, begraben unter saftigem Zander im Speckmantel auf Berglinsen mit Champagner/Senf-Butter, wie Joschka ihn sich im Frankfurter "Gargantua" von seinem Freund Trebes, Spezl aus der Zeit des Hausbesetzens und des Polizistenprügelns, auftischen ließ. Und sich in seinem Ministerbüro ein von Andy Warhol als Pop-Art-Variante gemaltes Acryl-Bild von Willy Brandt aufhängen ließ. Das wies unübersehbar auf die Fußstapfen hin, in denen sich Fischer passgenau gehen sah.

Da muss man Schreiber für einen kleinen Hinweis danken. In der revolutionären Zeitschrift "Wir wollen alles" fand er ein Bild von US-Präsident Nixon und Willy Brandt. Darunter die Zeile "Nixon ist ein Mörder - Brandt sein Komplize." Im Impressum des Kampfblatts steht: "Presserechtlich verantwortlich Josef Fischer, Frankfurt, Postfach 4202." Da weiß man denn, dank Schreiber, den Warhol-Brandt richtig einzuschätzen.


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