Prozess um Ermyas M. Tränen und Gedächtnislücken


Ein dunkelhäutiger Mann wird in Potsdam brutal zusammengeschlagen. Ermyas M. schwebt wochenlang in Lebensgefahr. War es eine alltägliche Schlägerei oder ein rassistischer Angriff? Heute begann der Prozess gegen die vermeintlichen Täter. Die beiden Männer streiten alles ab.
Von Gerhard Richter

Die Hände tief in die Taschen seiner auberginefarbenen Jacke gesteckt, sein dunkles Gesicht von den Scheinwerfern der Kameras erleuchtet, beantwortet Ermyas M. die Fragen der Journalisten. "Es geht mir relativ sehr gut", sagt er. Er versucht zu lächeln, aber es misslingt ihm. Die Anspannung vor dem Prozess ist zu groß. Der gebürtige Äthiopier hat in seinem dunklen Gesicht einen schmalen Bart wachsen lassen. Die kurzen schwarzen Kraus-Haare verdecken seit Monaten die Operationsnarbe an seinem Kopf. Hinter ihm stehen in langer Reihe die Übertragungswagen, deren Satellitenschüsseln sein Bild sofort in alle Himmelsrichtungen senden.

Journalisten umringen das Opfer

Heute ist Ermyas M. nicht der Doktorand, der Familienvater, der Ehemann, er ist nicht Vereinsvorsitzender oder Elternsprecher oder Jogger, heute ist er das prominente Opfer einer vermeintlich rassistischen Tat. Eine Rolle, die er sich nicht ausgesucht hat. Und die er nicht ausfüllen will. Er will den Prozess bewusst wahrnehmen, um den Schlag, der sein Leben verändert hat, auch mental zu verarbeiten. Aber was soll er tun?

Ob er sich an die Tatnacht erinnern könne, fragt ihn eine Journalistin auf dem Gang des Gerichts, und hält ihm ein Mikrofon entgegen. "Dazu möchte ich nichts sagen", antwortet Ermyas M. leise und sieht an die Decke. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Diese Gedächtnislücke quält den Diplomingenieur für Landeskultur und Umweltschutz. Sein Anwalt, Thomas Zippel, bringt es für ihn auf den Punkt: "Das sind mehr Ahnungen und diffuse Bilder. Mit Erinnerung hat das nichts zu tun."

Vor dem Eingang zum Saal 09 des Landgerichts wird Ermyas M. von Sicherheitsbeamten sorgfältig abgetastet. Der 1, 94 große schlanke Mann muss die rotbraune Ledermappe öffnen. Ebenso den Brustbeutel aus Afrika mit dem eingeprägten Gesicht und den beiden aufgenähten weißen Muscheln. Darin hat er seine Papiere und den deutschen Pass. Im Saal warten bereits die beiden Angeklagten. Björn L. sitzt hier wegen schwerer Körperverletzung, Beleidigung und unterlassener Hilfeleistung. Er trägt ein weißes Hemd mit Streifen und Stickereien, Jeans und Turnschuhen. Die dunkelblonden Haare hat er modisch hochgegelt. Die Brille verstärkt den jugendlichen Eindruck.

Der zweite Beschuldigte, Thomas M. ist angeklagt wegen Beleidigung und unterlassener Hilfeleistung. An den Schläfen hat er die Haare noch kürzer als oben, er trägt einen leichten Oberlippenbart und eine dunkle Bomberjacke von Alpha Industries. Er und Björn L. wirken gefasst, reden mit ihren Anwälten und blicken nur selten frei in die Runde.

Eine Ahnung, aber keine Erinnerung

Eingehend studiert Ermyas M. deren Gesichter, aber es kommt keine Erinnerung. Nur die Ahnung, dass die Männer in der Osternacht damals an der Bushaltestelle auch anders gewirkt haben könnten. "So dass sich Ermyas Mulugeta bedrängt gefühlt habe", wie die Staatsanwältin aus der Anklageschrift vorliest. "Geh mal andersrum, Schweinesau", soll Ermyas M. gesagt haben. "Oller Nigger" die Angeklagten. In der Mitte zwischen Opfer und Angeklagten steht ein wuchtiges Mischpult mit Lautsprechern. Darüber wird im Laufe des Prozesses der Original-Streit zu hören sein. Der zufällig mitgeschnittene Wortwechsel auf der Mailbox von Ermyas M.´s Ehefrau Steffi ist eines der wichtigsten Beweismittel. Neben den vielen Zeugen. Die haben zum Beispiel beobachtet, wie Ermyas M. den Tätern hinterher lief und versucht hat Björn L. in den Hintern zu treten.

Der soll sich umgedreht und Ermyas M. "mit der geballten rechten Hand einen derart heftigen Faustschlag gegen das linke Auge versetzt haben, dass der Geschädigte unmittelbar zu Boden ging und reglos liegen blieb," liest die Staatsanwältin mit ausdruckslosem Tonfall vor. Ermyas M. sieht auf die Hände des Angeklagten, die auf dem Tisch locker übereinander liegen. Björn L., 29 Jahre, Türsteher, Fensterputzer, Fahrer, angelt, geht ins Fitnessstudio. Hat diese Faust so hart zugeschlagen?

Die Angeklagten schweigen

Björn L. will sich zum Sachverhalt nicht äußern. Er sei emotional nicht in der Lage, Rede und Antwort zu stehen, werde also auch keine Fragen beantworten, sagt sein Anwalt Matthias Schöneburg und verliest eine dreiseitige Erklärung: Björn L. habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Er leide sehr darunter, dass sein Spitzname "Pieps", den er seit seinem 12ten Lebensjahr trägt, zum Synonym für Ausländerfeindlichkeit geworden ist. Es tue ihm leid, was Herrn Mulugeta geschehen ist, aber er kenne ihn nicht, war nicht am Tatort, sondern zu Hause. Auch habe er in seiner Freizeit keinerlei Kontakt zum Mitangeklagten Thomas M.. Wer auch immer die Auseinandersetzung mit Ermyas M. hatte, er sei es nicht gewesen." Thomas M. läßt ebenfalls eine ähnliche Erklärung vorlesen, in der er jede Tatbeteiligung bestreitet, und hofft, dass Ermyas M. seine volle Gedächtnisleistung zur Verfügung stellen könne, um zu bestätigen, dass er Thomas M. als Täter nicht in Frage kommt. Der erste Verhandlungstag ist beendet, nach weniger als einer Stunde. Überraschend kurz, findet Ermyas M. und lächelt. Er hatte sich auf einen langen Tag eingerichtet. In den Gängen des Landgerichts suchen die Scheinwerfer der Kameras nach ihm. "Damit muss ich wohl leben", sagt er und starrt aus einem Fenster ins Leere. Am kommenden Freitag muss er als Zeuge aussagen.


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