Rentner-Partei Platz da, jetzt kommen wir!


Nach dem Ende der Grauen geht eine neue Rentner-Partei auf Stimmenfang. Der jüngste Landesverband der "Rentnerinnen und Rentner Partei RRP" wurde nun in Fellbach bei Stuttgart gegründet. Eva Wolfangel war dabei und erlebte die ersten politischen Schritte der Senioren.

Hans Ebinger ist unerwartet ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Der 70-jährige Rentner sitzt ganz vorne im Saal des Fellbacher Parkrestaurants, in dem der neue Landesverband gegründet werden soll. Er fühlt sich sichtlich unwohl, so exponiert in der ersten Reihe. Ebinger erzählt schüchtern, wie er in seiner Lokalzeitung von der Gründung der neuen Rentnerpartei in Bayern gelesen hat. Gemeinsam mit einem Freund hat er den Gründer Helmut Polzer angerufen. "Wir wollten uns eigentlich nur informieren", sagt Ebinger leise. Doch Polzer "kam sofort" aus Egmating, einer Gemeinde in der Nähe von München, nach Fellbach gereist.

Dem grauhaarigen Bayern gefiel das Parkrestraurant, das Ebinger als Treffpunkt für das Gespräch vorgeschlagen hatte offenbar: Polzer reservierte sofort den repräsentativen großen Saal für die Gründung des dortigen Landesverbandes. Ebinger und sein Freund sollten sich nun um die Gründung des baden-württembergischen Ablegers kümmern, ließ der RRP-Gründer den überraschten Schwaben wissen. "Das hat mich beeindruckt, dass hier Nägel mit Köpfen gemacht werden", gibt Ebinger zu. Also hat er sich an die Erfüllung seiner neuen Mission gemacht, hat gehorsam Plakate gedruckt und Postkarten verteilt. Nun sitzt er in dem Saal, den er so gut kennt, und wundert sich selbst darüber, dass 150 Menschen seiner Einladung gefolgt sind.

"Rentner haben nichts zu sagen"

Wieder ist es Helmut Polzer, der ihn überrumpelt und ihm das erste Interview seines Lebens einbrockt. "Das wirst du künftig öfter machen müssen", sagt er und klopft Ebinger väterlich auf die Schulter. "Naja", sagt dieser mit unglücklichem Blick. "Rentner haben nichts zu sagen", begründet Ebinger schließlich seine Motivation. Das Rentensystem gehe nicht mehr auf, immer weniger müssen immer mehr bezahlen, erklärt er stockend. Hier und da seien Einsparungen möglich, beispielsweise bei den Subventionen und der Steuererleichterung von Spenden. "Aber wenn Sie mehr über das Programm wissen wollen, müssen Sie den Bundesvorsitzenden fragen."

Der sitzt schon vorne auf dem Podium. Punkt 14 Uhr ist der Saal voll. Die 150 Gäste, fast alle im Rentenalter, sitzen an vier langen Tischreihen unter der dunklen Holzdecke des festlichen Saales. Schwere Vorhänge, Parkettboden, verzierte Kaffeekännchen aus Porzellan - als der stellvertretende Bundesgeschäftsführer Siegfried Pielsticker die Versammlung eröffnet, kommt Kaffeefahrt-Atmosphäre auf. Pielsticker schimpft über das "marode Rentensystem" und fordert die Besucher auf, über die Erfolgsstory der Rentnerpartei zu applaudieren. Der Präsident der französischen Seniorenpartei "Union Elargie de seniors", Claude Weber, wünscht der deutschen Schwesternpartei höflich und leise "viel Erfolg", denn die Altparteien seien von den Senioren abhängig. Polzer hält nichts von leisen Tönen. "Wir werden unterdrückt", ruft er ins Mikrofon.

Sein neues Leben als Parteifunktionär

Die Zuhörer schrecken zusammen - und applaudieren. Helmut Polzer hat sich an sein neues Leben als Parteifunktionär schnell gewöhnt - und plant schon, an den bayerischen Landtagswahlen im September teilzunehmen. Sein Ziel: Mindestens fünf Prozent. Ihm fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. "Wir sind bundesweit 20 Millionen Rentner und sollten uns endlich zusammentun." Er sei zuvor nicht politisch aktiv gewesen, sagt er. Aber als er eines Tages in der Zeitung gelesen habe, dass eine alte Frau von der Witwenrente nicht mehr leben konnte, habe er beschlossen, sich mit seinen 70 Jahren endlich zu engagieren. "Und alle haben mir Mut gemacht." Zusammen mit elf Freunden gründete er im August vergangenen Jahres die Rentnerpartei, die inzwischen mehr als tausend Mitglieder hat. Die meisten davon in Bayern. 70 Cent bekommt die Partei für jede Stimme bei einer Wahl, weiß Polzer. "Der Name ist goldrichtig, er hat wahnsinnige Zugkraft", schwärmt er. Auf einer Messe in München seien die Menschen an seinem Stand stehen geblieben, bei den etablierten Parteien nebenan habe keiner Halt gemacht. Aber allzu eng solle man das mit dem Namen nun auch wieder nicht sehen: "Mitmachen dürfen auch die Jungen", sagt er strahlend. Wieso keiner von ihnen gekommen ist? "Nun ja", mischt sich Bundesgeschäftsführer Peter Seybold ins Gespräch, "wir überlegen gerade einen Untertitel in Richtung: für jung und alt. Das sind schließlich die Rentner von morgen." Die Partei, die auf ihrer Homepage ihren Unmut über die Abschaffung der D-Mark zum Ausdruck bringt, will sich für bessere Bildung einsetzen. Wie, das bleibt ein bisschen im Ungefähren, wie alles an diesem Nachmittag. Bildung, sagt Seybold, sei das einzige Kapital Deutschlands und das heutige Schulsystem ein "Chaotenverein". Früher hingegen habe es "noch eine ordentliche Volksschule" gegeben.

Mittendrin fällt das Mikrofon aus. "Ich will mal wissen, wie die das mit dem Bundestag überhaupt schaffen wollen", raunt eine Rentnerin ihrer Nebensitzerin zu. Aber die Pause dauert nicht lang, denn Helmut Polzer kann auch ohne Mikrofon: "Unser Vermögen wird von betriebswirtschaftlichen Nieten vernichtet", ruft er mit kippender Stimme ins Publikum, schimpft lauthals über die "politischen Geisterfahrer", die "ideologisch Behinderten" an der Macht und die "Heuschrecken aus Übersee". Er trifft offenbar den Nerv seines Publikums, das artig applaudiert. "Mit 20 Millionen sind wir eine Macht", ruft Polzer, "geben Sie uns am Wahltag ihre Stimme."

Weit ist es mit den Gemeinsamkeiten nicht her

Welchen Wahltag er meint, sagt Polzer nicht genau. Nach der Landtagswahl in Bayern stehen die Europawahl und die Bundestagswahl 2009 auf seiner Liste. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Landesverbände hat er bereits in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern gegründet, nach Baden-Württemberg ist am 1. Juli Hamburg/Schleswig-Holstein dran. Inzwischen gibt es Konkurrenz: In Braunschweig hat ein Einzelkämpfer die Initiative "Rentner machen mobil" gegründet. "Aber wir werden dort ganz schnell viele Bezirks- und Kreisverbände gründen", flüstert Seybold geheimnisvoll, "der wird keine Chance haben." Ein Vertreter der "Rentner-Initiative", Helmut Mössner, wird in Fellbach zurechtgewiesen, als er am Rande der Versammlung für eine Demonstration wirbt. Das sei schließlich nicht seine Veranstaltung, schimpft einer der Funktionäre vor der Tür. So weit ist es dann mit der Gemeinsamkeit der Rentner doch nicht her.

Lediglich 28 der Teilnehmer füllen danach die Beitrittsformulare aus, als es an die Gründung des Landesverbandes geht. Sie stimmen über den Vorstand ab. Karl-Heinz Rößler aus Schwäbisch-Hall, ehemaliger Schatzmeister der Grauen, wird zum Landesvorsitzenden gewählt, Hans Ebinger wird Beisitzer. Er wirkt froh, dass der Rummel vorbei ist. Der Großteil des Publikums hat zu diesem Zeitpunkt schon den Saal verlassen. "Eigentlich haben wir doch schon genug Parteien", sagt eine ältere Dame vor der Tür. Die Umstehenden nicken.

Eva Wolfangel, Fellbach

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