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Rut Brandt: "Ich habe das dann verdrängt"

Rut Brandt weiß, wie einsam das Leben an der Seite eines Kanzlers sein kann. Die Ex-Frau von Willy Brandt über endloses Warten, angebliche Affären und die Kunst zu lächeln, wenn einem gar nicht danach ist.

Frau Brandt, auch Sie waren 32 Jahre lang mit einem Politiker verheiratet, der einmal Bundeskanzler war. Was waren Ihre ersten Reaktionen, als Sie im Urlaub in Ihrer norwegischen Heimat vom plötzlichen Freitod Frau Kohls erfuhren?

Ich muss vorausschicken, wir haben nie miteinander gesprochen. Es war für mich sehr, sehr schwer, die Nachricht von ihrem Tod zu begreifen. Wie kann so etwas möglich sein, habe ich mich gefragt. Ich hatte zwar von ihrer Krankheit gehört, aber ich wusste nicht, dass es so schlecht um sie stand.

Wie Frau Kohl standen auch Sie früher im Rampenlicht, zunächst an der Seite des Berliner Bürgermeisters, später als Frau des Außenministers und Kanzlers Willy Brandt. Fotos aus diesen Jahren zeigen Sie meist als strahlende First Lady, perfekt gestylt - wie Hannelore Kohl. Wie viel Wirklichkeit vermitteln diese Bilder?

Warum nicht? Die Wirklichkeit wäre natürlich nackt. Das geht ja wohl nicht. Für das, was Frau Kohl und ich darzustellen hatten, mussten wir gut gekleidet sein. Das hat sie gemacht, und das habe ich gemacht.

Sie weichen aus. Ist der Glamour Realität oder ein Schauspiel mit dem Titel "Wie es drinnen aussieht, geht niemand was an"?

Natürlich musste man oft spielen und Dinge tun, nach denen einem überhaupt nicht zumute war. Manchmal waren die Auftritte aber wirklich ehrlich und nicht gestellt.

Bedeutet die Macht, die ein Kanzler verkörpert, automatisch Glück für die Frau an seiner Seite?

Nein, das kann ich nicht bestätigen. Trotzdem war ich den größten Teil meines Lebens mit Willy Brandt glücklich.

Auch noch, als er Kanzler war?

Natürlich wurde es schwierig, aber das ist ja längst vorbei.

Im Vorwort Ihres Buches "Freundesland", das Sie zwölf Jahre nach Ihrer Scheidung von Brandt noch zu dessen Lebzeiten veröffentlicht haben, deuten Sie Ihre Gefühle im Schatten der Karriere Willy Brandts an. Da heißt es: "Jeder neuen Phase begegnete ich mit Unsicherheit und Unruhe."

Und ich schreibe weiter, dass ich mich dann vor den Spiegel gestellt und gesagt habe: "Ich bin ich, bin ich."

Das klingt ja wie Selbsttherapie.

Das stammt aus einem norwegischen Märchen: Ein kleines Mädchen ist nervös und ängstlich, und dann spricht es sich vor dem Spiegel Mut zu. Natürlich hatte ich zuweilen Angst davor, so aufzutreten, wie man es von mir als Frau des Bürgermeisters, Außenministers oder Kanzlers erwartete. Das ist wahr. Ich glaube, dieser Erwartungsdruck lastet in solchen Situationen auf allen Frauen, vielleicht ja auch auf den Männern.

Frau Kohl und Sie vermittelten meist den Eindruck von Selbstsicherheit und Souveränität. Warum also Angst?

Das Gefühl, das kleine Mädchen zu sein, hatte ich jahrelang. Nach und nach habe ich gelernt, mit der anfänglichen Angst umzugehen. Und dann kommt auch noch Routine hinzu.

Muss eine Kanzlerfrau hinter allen Entscheidungen ihres Mannes stehen?

Nein, das glaube ich nicht. Komisch, einem Mann würde man nie so eine Frage stellen...

...Oh, doch, Prinz Philip würden wir gern nach seiner Rolle an der Seite der englischen Königin befragen...

...doch die Kritik der Frau soll in den häuslichen vier Wänden bleiben.

In Ihrem Buch berichten Sie über einen ungewohnt aggressiven Ausbruch Willy Brandts: "Verstehst Du denn gar nicht, dass ich Macht will." Sie konnten zunächst nichts damit anfangen. Liegt in diesem Unverständnis der Schlüssel zu vielen Beziehungskrisen von Politikern?

Ich habe nie nach Macht gestrebt. Die Kategorie war mir fremd, schon aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Doch ich muss klarstellen, dass Willy und ich selten Auseinandersetzungen hatten.

Er hat Sie angeschwiegen, zuletzt wurde es sehr still.

Das stimmt. Aber ich hatte meine Kinder. Doch diese Verhaltensweisen kommen in allen Familien vor. Das hat nichts mit dem politischen Amt zu tun.

Kann denn überhaupt jemand, der wie Sie so explizit Machtstreben ablehnt, mit einem Menschen zusammenleben, der auf Macht fixiert ist.

So war es bei uns.

Hannelore Kohl sagte einmal: "Wenn Sie so lange warten müssen im Leben wie ich, dann lernen Sie, Ihre Tränen in das Fell Ihres Hundes zu weinen." Können Sie nachempfinden, wie Frau Kohl fühlte?

Ich kann dazu nur sagen: Sie tut mir leid. Das ist jedenfalls ein sehr deprimierender Satz.

Hätten Sie so einen Satz auch sagen können? Einen Hund hatten die Brandts ja auch.

Ich hatte viele Hunde, ich hatte Katzen, ich hatte Affen, ich hatte Papageien. Vielleicht ist es ja schön, wenn Tränen von einem Hund aufgefangen werden. Verstehen kann ich einen solchen Satz. Aber ich habe nicht geweint.

Warten auf den vielbeschäftigten Mann...

...das kenne ich.

Lange Zeiten der Trennung...

...daran erinnere ich mich.

Einsamkeit in schweren Stunden...

...ist auch mir bekannt.

Bei Frau Kohl reichte die Einsamkeit bis in die Stunde des Todes. Sind das typische Merkmale von Politikerehen?

Wenn ich allein war, musste ich nicht einsam sein. Ich konnte lesen, war mit Freunden zusammen. Seit Willys Tod habe ich meinen Freund Niels Nörlund wieder um mich. Ich kenne ihn seit 1947. Willy und ich haben ihn als Berichterstatter bei den Nürnberger Prozessen kennen gelernt. Überhaupt habe ich viel im Leben gelernt. Vor allem aber habe ich meine drei Kinder - sie waren und sind mein Leben.

Frau Kohl sagte einmal: "Wir Frauen aus meiner Generation sind keine Sofapüppchen." Wie leidensfähig muss eine Politikerfrau sein?

Ich weiß wirklich nicht, ob ich mit meiner Leidensfähigkeit protzen kann. Wir haben über lange Zeit ein normales Leben geführt. Wenn Willy verreist war, habe ich nicht gelitten. Doch das sieht wahrscheinlich eine schwer kranke Frau anders.

Sie schildern in Ihrem Buch einen Spaziergang mit Willy Brandt und dessen persönlichem Referenten in Österreich. Sie fühlten sich vom Gespräch ausgeschlossen und resümierten: "Ich war gewöhnt, nichts zu hören und auch nichts zu erfahren, wenn ich fragte." Das klingt...

...schrecklich. Das war, so stellte sich später heraus, vor der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume. Damals war es schon schwierig zwischen uns. Ich hatte manchmal eine Ahnung.

Dass es in Ihrer Beziehung nicht mehr stimmt?

Ja.

Entsteht nicht zwangsläufig Eifersucht und Konkurrenzneid auf jene Frauen, die den Politikern häufig näher sind als die Ehefrau: Assistentinnen, Sekretärinnen, Journalistinnen?

An sich war ich gut befreundet mit den verschiedenen Sekretärinnen.

Da reichen doch Gerüchte. Sie haben sich beklagt über anonyme Zuschriften über angebliche Affären: "Niemand sprach mit mir darüber, auch Willy nicht." Und Gerüchte gab es auch immer wieder über die Kohl-Ehe. Wie geht man mit so etwas um?

Das weiß ich heute nicht mehr. Es war halt so: Er sprach über solche Sachen nicht mit mir, und deswegen konnte ich mit ihm auch nicht darüber reden. Das ging eine Weile so - und dann lief es wieder so einigermaßen. Ich habe das dann verdrängt.

Finden Sie es richtig, dass Bundeskanzler Schröder und seine Frau Doris inzwischen juristisch gegen derartige Gerüchte vorgehen?

Ich glaube, ich hätte das nicht gemacht. Denn diese Gerüchte belasten einen auch, wenn sie vor Gericht verhandelt werden.

Welchen Rat geben Sie jüngeren Frauen von Politikern?

Sie sollen darauf bestehen, dass sie mit ihren Männern auch in Krisenzeiten offen reden können. Das gilt nicht nur für Kanzlerehen.

Die 83-jährige Rut Brandt lebt heute mit ihrem Lebensgefährten, einem dänischen Journalisten, abwechselnd in der Nähe von Bonn und in Norwegen.

Interview (vom Mai 2002): Klaus Wirtgen

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