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Sarrazin-Debatte: "Ich nenne das Kulturrassismus"

Thilo Sarrazin und sein Skandal-Buch sorgen für hitzige Debatten. stern.de sprach darüber mit dem Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat.

Herr Kolat, was sagt die türkische Gemeinschaft zu Herrn Sarrazin?
Es melden sich vor allem sehr viele Intellektuelle, also Akademiker und Professoren, bei mir. Die haben Angst vor einem aufkommenden, intellektuellen Rassismus. Da ist sehr viel Enttäuschung, viel Wut, viel Empörung dabei. Sarrazin erregt die tragenden Säulen dieser Gesellschaft , gerade die, die für mehr Integration stehen.

Und der Rest Ihrer Gemeinschaft?
Erst gestern habe ich mich mit Jugendlichen unterhalten. Die sagten nur: "Wir sind deutsche Türken. Wir sind doch hier geboren, wir fühlen uns auch als Deutsche, aber er entfremdet uns."

Was halten Sie jetzt für notwendig?
Wir müssen Probleme grundsätzlicher diskutieren. Es darf nicht um gegenseitige Vorwürfe gehen. Nicht: wir auf der einen, die Mehrheitsgesellschaft auf der anderen Seite. Wir brauchen eine WIR-Kultur.

Also hat Sarrazin eine notwendige Diskussion angestoßen?
Nein, das ist Quatsch. Da kommt jemand, der allgemeine Vorurteile bestätigen will. Das ist nicht nur falsch, sondern seine Vorschläge sind größtenteils verfassungswidrig. Wirklich gefährlich, wie der Mann darüber spricht. Ich nenne das Kulturrassismus.

Wie soll es mit Sarrazin weitergehen?
Ich gehe davon aus, dass er bei der Bundesbank entlassen wird und aus der SPD fliegt. Traurig ist, dass alles dazu beiträgt, dass er mit einem NPD-Diskurs sein Buch besser verkauft, viel Geld verdient. Sarrazin hat längst den demokratischen Boden verlassen.

Tragen die Medien hier eine Mitschuld?
Die Presse ist frei. Trotzdem hätte ich mir natürlich gewünscht, dass der "Spiegel" und die "Bild" das Buch nicht einfach so veröffentlichten und einige kritische Anmerkungen gemacht hätten.

Sarrazin ist anscheinend eine interessante Persönlichkeit.
Er hat eine Funktion, das macht ihn salonfähig. Deswegen konnte er auch sein Buch bei der Bundespressekonferenz vorstellen. Allerdings hat er inhaltlich keine Ahnung. Als Finanzsenator von Berlin hat er immer unpolitisch agiert.

Welche Lösungen sehen Sie denn?
Wir müssen neu nachdenken, brauchen einen neuen gesellschaftlichen Diskurs. Denn es entwickelt sich ein neuer intellektueller Rassismus, der in der Mitte der Gesellschaft etabliert wird. Bei der Integration brauchen wir einen großen Ansatz, der nur über eine Willkommens-, eine Partizipations- und eine Empathiekultur, gelingen kann. Wir müssen Anreize schaffen, damit Integration gelingt.

Wer muss da mitmachen?
Da sollten alle demokratischen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, zivilgesellschaftliche Gruppen mitmachen.

Gefährdet Sarrazin ihre Arbeit?
Er gefährdet unsere mühsame Integrationsarbeit! Er spricht nur davon, welchen wirtschaftlichen Nutzen ein Mensch hat. Das ist absurd, das ist mittelalterlich, das kann nicht ernst genommen werden.

Werden Sie das Buch kaufen?
Ich will nicht, dass jemand wie Sarrazin durch mich noch mehr Geld verdient.

Sebastian Kemnitzer
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