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Schnauze, Wessi!: Szenen einer Ost-West-Ehe

Beide schienen füreinander bestimmt: Sie aus dem Osten - arm, aber sexy - und er das ganze Gegenteil. 22 Jahre später schlafen sie wieder getrennt. Eine Paaranalyse

Von Holger Witzel

1. Dass es mal Liebe war, gilt als verbreiteter Trost für unglückliche Beziehungen. Wer aber von Anfang an statt über Beischlaf nur von Beitritt sprach, wollte nie mehr als ein Zweckehe - die alte Geschichte: Naives Mädchen, reicher Schwerenöter, schnell Ernüchterung: Eigentlich passen wir gar nicht zueinander. Wenn er sich heute ihren blühenden Landschaften nähert, oben rum etwa, in Mecklenburg, erntet er schroffe Ablehnung: Er soll auf seiner Seite bleiben! Sie wiederum soll sich nicht so haben - schließlich wollte sie es selbst! Solche Sprüche nimmt sie ihm besonders übel: Erst die Filetstücke ihres Körpers wollen und dann so tun, als habe er sie aus der Gosse geholt. Chauvi! Schlampe! Vergewaltiger! Heulsuse! So geht das nun schon 22 Jahre. Wie ein falscher Orgasmus hat die vorgetäuschte Wiedervereinigung beide nur noch unzufriedener gemacht.

2. Dass sie ein Volk sind - oder wenigstens mal waren, ist der zweite Trugschluss: Gerade die gemeinsamen völkischen Wurzeln waren ja dermaßen verrottet, dass man sie so lange getrennt hielt. Nie wieder sollten sie etwas miteinander anfangen. Streng wachten supermächtige Nannys über den eisernen Vorhang und verboten jeden Flirt. Pershing statt Petting. Auch deshalb spielten die nationalen Hormone verrückt, als sie sich plötzlich nackt gegenüber standen. Unbeholfen fielen sie sich in die Arme. Brüder und Schwestern, ein Inzest ohne Kondom. Niemand war darauf vorbereitet.

3. Dass Kinderstube und Herkunft kein Thema mehr sei

, versichern sich seitdem beide. Erst sahen sie großzügig über Macken des anderen weg. Er schwitzte zwar vor Angst, wenn ihn die neue Verwandtschaft umarmte, aber fand ihre Familie auch "irgendwie herzig". Sie dagegen wollte so schnell wie möglich werden wie er, weltläufig und reich - bis sie dahinter kam, dass er auch nur mit lauwarmem Wasser kocht. Sein Interesse kühlte ebenso ab, als sich ihre hilfsbereite Herzlichkeit als Beschaffungssolidarität entpuppte. Umso näher sie sich kamen, desto fremder wurden sie sich. Neid und Verlustängste hätten immerhin eine Basis sein können, aber weil das keiner zugeben wollte, logen sie weiter: Wird schon. Muss ja. Es gibt überall solche und solche, was natürlich jeder alten und neuen Erfahrung widersprach.

4. Dass sie eine Sprache sprechen – wenigstens das schien keine Barriere. Anfangs lachten sie sogar noch gemeinsam über Dialekte und lustige Vokabeln, Broiler, Verbraucher - geschenkt. Nicht die Wörter waren das Problem, sie redeten zwischen den Zeilen aneinander vorbei: Hätte er ihr sagen sollen, dass nicht alles Gold ist, womit er glänzt? Woher sollte sie wissen, dass hinter jeder großzügigen Geste ein Geschäft lauert - oder er - hinter jedem offenen Wort ein Fettnäpfchen? Nie haben sie sich auf Augenhöhe unterhalten. Selbst wenn es so aussah, hat er sich nur zu ihr runter gebeugt und sie stand auf Zehenspitzen.

5. Dass es nur eine Frage der Zeit sei

, dachte sie 20 Jahre. Aber man gewöhnt sich eben doch nicht an alles: Er nicht an ihre Blicke, bei denen er nie weiß, ob es nur wegen seiner Badehose am Strand ist oder ob sie gleich eine Horde Skinheads auf sein schönes Auto hetzt. Und sie nicht an seine selbstgefällige Art, mit der er ihr voreheliches Leben beurteilt. Wie taktlos! Wie distanzlos! Angeber! Mimose! Immer noch verwechselt sie seine Selbstsicherheit mit Überlegenheit und zieht grundlos den Kopf ein. Er dagegen hält Zurückhaltung für Schwäche und wird nie verstehen, wieso ihr zu viel Ehrgeiz stinkt. Beide haben das verinnerlicht, beide geben es an ihre Kinder weiter - sie vor allem, denn sie hat ja sonst nicht viel zu vererben.

6. Dass es nur eine Geldfrage sei, dachte er. Typisch, findet sie. Und richtig liebevoll klingt es heute auch nicht mehr, wenn er sie mein Milliardengrab nennt. Neue Straßen, Arbeitsämter – was will sie denn noch?! Einkaufen soll sie und zu Hause bleiben, so wie er das von Frauen kennt – sie aber nicht. Absichtlich hat er sie abhängig gemacht und zur Konsumentin ohne Arbeit abgerichtet. Zur Entschädigung spendierte er ihr ein paar Schönheitsoperationen und schrieb die Kosten als Sonder-Afa vom gemeinsamen Haushaltsgeld ab. Die Fassade gehört ihm nun, dahinter aber hat der scheinbar geniale Kreislauf vom ewigen Wachstum versagt: Verdient er nichts mehr, kann sie nichts ausgeben, also verdient er nichts mehr ...

7. Dass es allein auf ihren Aufschwung ankommt

, war eben nur die halbe Wahrheit. Jetzt ist er mit einem Abschwung dran. Die vielen Wünsche seiner jungen Frau bescherten ihm zwar zunächst einen zweiten Frühling. Jeden Mist riss sie ihm aus der Hand. Aber spätestens zur Hochzeit hätte der alternde Bräutigam auch selbst ein paar Laster aufzugeben müssen. Schon damals war klar, dass es so nicht weiter geht: Mit seiner Rente, seinen Schulden, seiner Kinderlosigkeit. Eitel wie viele alte Männer hat er sich überschätzt und ihr seinen wahren Gesundheitszustand verschwiegen. Nun lacht sie ihn aus, wenn er sich jede Nacht mit einer anderen Krise rausredet: Nur Geduld! Großmaul! Wir müssen den Gürtel alle … -Ausgerechnet er musst das sagen! Was leere Versprechen und enge Gürtel betrifft, macht er ihr nichts mehr vor. Sie hat schon alles durch, was ihn jetzt verunsichert: Verarmung, Verarschung, Globalisierung - na und? Ihre Ehe hat abgehärtet. Vor allem weiß sie - flexibel und fatalistisch zugleich: Nichts ist für immer.

8. Dass die Mauer nur noch in Köpfen steht, beklagen beide – jeder über die vernagelte Birne des anderen. Der Unterschied ist nur: Er durfte und hat trotzdem nie groß über den Zaun geschaut. Sie dagegen kennt nun beide Seiten und vergleicht, was er sich heftig verbittet: Sie soll endlich aufhören, ihrer Jugend nachzuhängen - ohne Freiheit und Demokratie. Er muss es ja wissen, denkt sie und schweigt. Allein sein Entsetzen über Umfragen und Nichtwähler entschädigt sie jedes Mal.

9. Dass man Unterschiede überwinden kann

- ja "muss", war offenbar der falsche Ansatz. Von der Unmöglichkeit mal abgesehen: Warum auch? Und warum nur in einer Richtung? Aber er wirft nur noch ein paar Viagra nach, ESM, Bankenrettung- und sucht die Schuld lieber bei ihr: Wer hat ihn denn kaputt gespielt und ausgenommen? Sie kann ihn beruhigen: Bei ihr ist auch nichts mehr zu holen. Und alles halb so schlimm, so ein Systemwechsel über Nacht: Job weg. Haus weg, zwei Welten – mehr nicht.

10. Dass man die Hoffnung nie aufgibt, gehört zum schönen Schein: Wegen der Kinder, aus Gewohnheit oder nur, weil man zu viele gemeinsame Schulden hat. Also stoßen sie am 3. Oktober wieder auf ihre kaputte Ehe an. Er hält eine Sonntagsrede. Sie beißt die Zähne zusammen. Er hat extra eine Flasche Rotkäppchen besorgt - halbtrocken - und versteht nicht, warum sie schon wieder beleidigt ist: Ich dachte, Du magst das Zeug? Du sollst aber nicht für mich denken! Mimose! Wessi! Ossi! Assi! Selber!

Holger Witzel
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