Schülerzeitung Durchbeißen und Dranbleiben


Eine Horde 12- bis 16-jähriger Sonderschüler zu zügeln ist keine einfache Aufgabe. Mit ihnen eine mehrfach prämierte Schülerzeitung zu produzieren ist das Tagesgeschäft von Doris Vogt-Köhler.
Von Dorothea Löffler

"Ich bin immer wieder erstaunt, wenn die Kinder doch kommen," sagt Frau Vogt-Köhler mit einem Lächeln. Jeden Freitag nachmittag treffen sich die Redakteure der "Herdertime" zur Redaktionssitzung. Hier werden die Themen für die nächste Ausgabe geplant, Texte besprochen, Aufgaben verteilt. Ganz normal also. Die "Herdertime" ist die Schülerzeitung der Herderschule. Frau Vogt-Köhler leitet die Zeitung seit über acht Jahren. Die Herderschule ist ein staatliches regionales Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Lernen und soziale und emotionale Entwicklung. 200 Schüler lernen hier von der fünften bis zur neunten oder zehnten Klasse. Die Herderschule steht in Weimar Nord, einem Neubauplattengebiet am Rande der Thüringer Kulturstadt. Hier ist wenig vom Geiste Schillers und Goethes zu merken. Weimar Nord ist ein sozialer Brennpunkt, außer dem Aldi um die Ecke und der Bushaltestelle ist wenig los.

Schwache Schüler liefern die Themen

Drogen, Gewalt, Arbeitslosigkeit, dass sind auch die Themen der "Herdertime". Tipps für die Bewerbung für das Berufsvorbereitende Jahr, ein Interview mit dem Besitzer des Weimarer Hanfladens, Berichte über das letzte Schulfest, davon lebt die Zeitung. Gerade von den schwachen Schülern kommen die Anregungen für Berichte. "Die wissen, wo es brennt", bestätigt Frau Vogt-Köhler. In ihrer Klasse werden alle in die Redaktionsarbeit eingebunden. Im Unterricht wird integrativ an der Zeitung gearbeitet, die leistungsstärkeren Schüler bestimmen dann in Deutsch keine Wortarten, sondern arbeiten an der nächsten Ausgabe. Im Kunstunterricht wird gelayoutet, in Ethik über Inhalte diskutiert. Für all das ist jedoch nur Zeit, wenn die Lernziele erreicht sind, ein Grund für die Schüler sich besonders anzustrengen. Die ganze Schule hilft mit, Schüler aus anderen Klassen schauen bei Frau Vogt-Köhler im Unterricht vorbei, um gemeinsam Texte zu korrigieren. Schwächere Schüler helfen beim Kopieren und Verkaufen des Blattes. Frau Vogt-Köhler selber korrigiert nur die Rechtschreibung, hilft vereinzelt beim Formulieren. Im Unterricht ist nur manchmal Zeit, es steht nur ein Computerarbeitsplatz zur Verfügung. Den Großteil der Arbeit machen die Schüler dennoch zu Hause, freiwillig. Wenn jedoch Not am Mann ist und der monatliche Erscheinungstermin immer näher rückt, bleiben einige Redakteure auch mal nachmittags da und verleihen der "Herdertime" ihren letzen Schliff.

Die Zeitung hat mit ihrem Engagement Aufsehen erregt: 1999 gewann sie den Schülerfriedenspreis, beim Schülerzeitungswettbewerb der Länder 2004 errang sie auf Bundesebene den Sonderpreis des Ministeriums für Familie und Soziales. Von den Preisgeldern und den Einnahmen der "Herdertime" konnte die Redaktion einen mehrtägigen Ausflug nach Berlin unternehmen. Frau Vogt-Köhler war erstaunt: Von ihrem Geld kauften sich die jungen Redakteure keine Cola, sondern Zeitungen. "Das sind so die kleinen Erfolge", meint sie.

Kummerkasten bei der "Herdertime"

Nächstes Jahr wird Frau Vogt-Köhler in den Ruhestand gehen, sie arbeitet bereits nur noch halbtags. Sie sagt mit einem Lachen: "Doch dann ist noch lange nicht Schluß, dann erscheinen meine Romane". Seit ihrer Kindheit dichtet und schreibt sie selbst, sammelt aber auch kleine Briefe von den Schülern. Es ist an der Herderschule verbreitet, dass sich die Schüler untereinander oder an die Lehrer Briefchen schreiben. So äußern sie Ängste und Probleme, die sie nicht aussprechen möchten. Die "Herdertime" hat einen Kummerkasten eingerichtet, ausgesuchte Probleme werden in der Zeitung anonym veröffentlicht und von der Schülerredaktion beantwortet. Neben den alltäglichen Teenagerproblemen tauchen hier Probleme aller Art auf, familiäre wie schulische.

Ein Schüler beschwerte sich, weil er sich ungerecht behandelt fühlte. Im Unterricht stellte er seiner Musiklehrerin ein Bein. Es kam zu einem Verweis für ihn. Dem Kummerkasten schrieb er, dass er sich über die Lehrerin schon mehrmals sehr geärgert hatte, denn sie hatte seinen Nachnahmen immer schrecklich falsch ausgesprochen. So trägt die Schülerzeitung ihren Teil zum Schulklima bei, dient als Ventil für Konflikte und Probleme. Vier Schulklassen haben die Zeitung abonniert, arbeiten mit den Texten im Unterricht. Sonst wird die Zeitung auf dem Schulhof verkauft, auch im Wohngebiet nebenan werden den Schülern die Exemplare aus den Händen gerissen. Die Schüler sind stolz auf ihre eigene Zeitung. Für viele ist sie die Bestätigung, dass auch sie etwas leisten können. Diese positive Erfahrung bleibt. Frau Vogt-Köhler hört vor allem eine Frage, wenn sie ehemalige Schüler wieder trifft: "Na, Frau Vogt, wie geht es der Herdertime?"


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